HEILSARMEE: «Es braucht ein bisschen Mut»

Mit dem Eurovision Song Contest ist die Organisation ins öffentliche Blickfeld geraten. Welche Weltanschauung steckt hinter den uniformierten Aktivisten?

Interview Arno Renggli
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In den Weihnachtstagen besonders viel ­unterwegs: Samuel Rieder (46) von der Heilsarmee.

In den Weihnachtstagen besonders viel ­unterwegs: Samuel Rieder (46) von der Heilsarmee.

Samuel Rieder, Sie sind der höchste Heilsarmist der Zentralschweiz und tragen den Rang eines Majors. Woher kommt der militärische Habitus?

Samuel Rieder: Die Heilsarmee wurde 1865 vom Londoner Methodistenpfarrer William Booth gegründet. Wegen ihres schnellen Wachsens war Booth überzeugt, dass eine militärisch hierarchische Struktur die beste Organisationsform ist.

Aber Kampfhandlungen gibt es keine?

Rieder: Nicht im physischen Sinne. Doch da die Bibel unsere Grundlage ist, sehen wir uns schon als «Soldaten Gottes», als Kämpfer für das Gute und gegen das Böse.

Gehört dazu ein dualistisches Weltbild mit Gott und Satan als Widersacher?

Rieder: In der Bibel tritt das Böse immer wieder auf, auch Jesus wird damit konfrontiert. Allerdings sehen wir das Böse durchaus konkret, auch je nach Zeit und Ort: In den Anfängen zum Beispiel war es der verheerende Alkoholismus.

Das soziale Engagement war ja immer ein roter Faden. Ihr Gründer sagte mal: «Einem hungrigen Magen kann man schlecht predigen.»

Rieder: Das erste Motto der Heilsarmee war «Soup, Soap, Salvation», also «Suppe, Seife, Seelenheil». Booth hatte ja selber als Kind bittere Armut erlebt. Schon den ersten Salutisten, wie man uns auch nennt, war klar, dass man zuerst die grundlegenden Bedürfnisse abdecken muss.

Doch ist das Engagement gekoppelt an einen missionarischen Auftrag.

Rieder: Nicht im Sinne einer Bedingung. Wir helfen auch da, wo unsere Botschaft vielleicht nicht sofort ankommt. Und auch ohne zu schauen, welchen Hintergrund die Betreffenden haben. Dennoch ist unser Engagement biblisch motiviert und soll den Menschen durch die Präsenz von Jesus eine tiefere Sicherheit geben. Unser Ziel ist es, die Botschaft des Evangeliums zu verbreiten. Und damit an einer geistigen Erneuerung der Welt mitzuwirken.

Von Erneuerung sprechen auch apokalyptische Propheten und Sekten, die sich selber als Auserwählte betrachten.

Rieder: Wir denken in keiner Weise elitär. Wir glauben auch nicht, dass man sich den Himmel durch gute Taten verdienen muss. Wir glauben an Jesus Christus, darüber hinaus sind wir sehr offen und zum Beispiel auch überkonfessionell.

Aber in Bezug auf Homosexualität wird der Heilsarmee ein gewisser Fundamentalismus vorgeworfen.

Rieder: Aufgrund der Bibel glauben wir an die Verbindung von Mann und Frau. Wir kämpfen keinesfalls gegen Homosexualität. Schon gar nicht, wenn man unser Engagement wie die Aidshilfe betrachtet. In höheren Leitungsfunktionen haben wir keine Homosexuelle. Den anderen Angestellten und Mitgliedern empfehlen wir, die christlichen Werte zu leben.

Wie kamen Sie selber zur Heilsarmee?

Rieder: Meine Eltern waren bei der Heilsarmee, daher kam ich schon in jungen Jahren dazu. Offizier bin ich seit 1991.

Sie sind verheiratet und haben drei Kinder. Wie steht Ihre Familie dazu?

Rieder: Mit meiner Frau teile ich das Vollzeitamt, die Heilsarmee Zentralschweiz zu leiten. Meine Kinder sind nun 13, 18 sowie 20 und haben derzeit andere Prioritäten. Natürlich würde ich mich freuen, fänden sie einmal zur Heilsarmee. Aber das ist ihnen absolut freigestellt.

Ihre Frau ist ein gutes Beispiel dafür, welche Rollen die Frauen in der Heilsarmee stets spielten. Der oberste Salutist, der «General», ist derzeit ja eine Frau, die Kanadierin Linda Bond.

Rieder: Die Frauen waren von Anfang an absolut gleichberechtigt. Schon Gründer William Booth konnte auf die Unterstützung seiner Ehefrau zählen, die ihn oft vertrat, predigte und so etwas wie intellektuelle Führerin war. Booth sagte einmal: «Meine besten Männer sind Frauen.»

Gleichberechtigung trotz Uniformen?

Rieder: (lacht) Sie können mir glauben, dass die Uniformen auch bei uns immer wieder diskutiert werden, etwa punkto Optik. Wir haben ja auch verschiedene Generationen. Heute gibt es auch andere Kleidungsstücke wie T-Shirts oder Gilets. Trotzdem sind die Uniformen unser öffentliches Markenzeichen. Viele Leute schätzen sie. Auch schon wurde ich im Restaurant aufgrund der Uniform spontan eingeladen. Aber es braucht manchmal auch etwas Mut, die Uniform zu tragen.

An den Uniformen hat sich ein Konflikt entzündet in Bezug auf den Eurovision Song Contest, an dem eine Gruppe der Heilsarmee die Schweiz vertreten soll. Was meinen Sie dazu?

Rieder: Das Ganze war eine PR-Aktion für uns, und ich freue mich, dass sie so wirkungsvoll ist. Sogar das Nachspiel ist positiv. Ich finde, die Heilsarmee ist ein Gesamtpaket, und daher sollte die Uniform in Malmö erlaubt sein. Aber wenn darum der Auftritt nicht möglich ist, wäre es auch nicht schlimm. Wir wollen ja nicht persönlich im Rampenlicht stehen.

Sie sprachen schon von den Anfängen der Heilsarmee. Was tut sie heute?

Rieder: Tatsächlich kann man die Anfänge nicht mit heute vergleichen. Luzern zum Beispiel hat heute ein hervorragendes soziales Netz, und wir arbeiten oft mit Behörden zusammen. Unsere heutigen Aktivitäten reichen von den Brockenstuben, über die sozialen Einrichtungen und Beratungen bis zu Besuchen in Pflegeheimen, Kliniken oder Gefängnissen. Im Gegensatz zu mir sind die allermeisten Salutisten nicht angestellt, sondern leisten unentgeltliche Freiwilligenarbeit. Es sind Leute aus allen Schichten.

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Rieder: Es ist das Fest, das Jesus als Retter der Welt feiert. Und darum bedeutet es mir sehr viel. Als Heilsarmist bin ich in dieser Zeit viel unterwegs, etwa an Seniorennachmittagen, in Gottesdiensten oder auf der Strasse. Und nach den Weihnachtstagen feiern wir dann auch noch mit unseren Familien.