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Philosophie im Kleintheater: Helene Fischer, Penisbilder und kein Streit

Am «Standup Philosophy!»-Abend wischen drei Philosophen ihrem Berufsklischee vom verkopften Weltfremdling eins aus. Die neuste Ausgabe bot feine Satire, flache Witze und eine erotische Überraschung am Klavier.
Céline Graf
Sie philosophieren bühnentauglich (von links): Yves Bossart, Roland Neyerlin und Rayk Sprecher. (Bild PD)

Sie philosophieren bühnentauglich (von links): Yves Bossart, Roland Neyerlin und Rayk Sprecher. (Bild PD)

«Wo zwei einer Meinung sind, kann mindestens einer von beiden kein Philosoph sein.» Im fast ausverkauften Kleintheater Luzern kugeln sich die Zuschauerinnen und Zuschauer bereits während der Einleitung vor Lachen.

Protagonisten der Show «Standup Philosophy! Die Quartalsbilanz» sind drei Philosophen. «Sternstunde Philosophie»-Redaktor Yves Bossart, Heilpädagoge und freier Philosoph Roland Neyerlin sowie Dozent und Berater Rayk Sprecher räumen mit dem Klischee des verkopften Weltfremdlings auf.

Keine Spur schüchtern fläzen sie sich in die roten Sessel auf der Bühne, treten abwechselnd ans Lesepult und geniessen es sichtlich, ihre Texte schauspielerisch wie Poetry-Slammer vorzutragen. An der inzwischen achten Ausgabe wirken sie wie ein eingespieltes Team. Die könnten glatt auf Tour im Kleinkunstbereich gehen.

Von Räucherstäbchen über Franck Ribéry zum Schmerz

Die Stimmung ist immer gut bis sehr gut, die Themenwahl aber eher durchzogen. Sich im Februar über Neujahrsvorsätze auf­regen? Schnee von gestern. Den Achtsamkeitshype mit Plädoyers für Müssiggang, gegen SBB-Stress und Selbstoptimierung verspotten? Schon zu oft gehört. Und der Räucherstäbchen-Sketch, bei dem eine Meditation an Grundbedürfnissen («Ich muss mal für kleine Philosophen») scheitert, ist zum Fremdschämen flach.

Überraschungen gelingen vor allem einem. Rayk Sprecher von der Universität Luzern fischt diverse Kuriositäten aus der Presse und den «Verständigungsmedien» (sein deutsches Wort für Social Media). Seine humoristisch-kulturphilosophischen Texte erhellen und amüsieren.

Er ist der wandelbarste Schreiber der Runde. Vom Verhüllungsverbot landet er beim altgriechischen Grundsatz «Ich weiss, dass ich nichts weiss», vom Internetphänomen «Penisfoto» bei Michelangelos David-Statue und vom Fussballer Franck Ribéry bei Moses («eine Wüstenführungspersönlichkeit») mit dem Goldenen Kalb. Da wird es einem fast blümerant, um auf einen der besten Texte Sprechers anzuspielen.

Ebenso unerwartet ist eine erotische Wendung nach der Pause. Yves Bossart begleitet sich am Klavier zu einer Abhandlung über Musikphilosophie. Dabei ist zu erfahren, was Schönheit mit Pythagoras zu tun hat. Oder was Beethoven von Helene Fischer unterscheidet: Seine Musik schmerzt im positiven Sinn, ihre im negativen. Radiomann Bos­sart balanciert perfekt zwischen Vermittlung und Unterhaltung, mit unverschämter Lockerheit.

Der Hamster schweigt, der spontane Philosoph auch

Roland Neyerlin punktet mit Leidenschaft für Wortspiele. Verhöre etwa heissen laut ihm Verhöre, weil sich die Verhörenden absichtlich verhören. Dass aber seine Fasnachtszoten nicht aller Sache sind, gibt er selber zu. Richtig lustig ist wiederum, wie er einem Hamster mit dem absurden Namen Anzgar die Gretchenfrage «Wie hältst du es mit der Religion?» stellt. Das Tier, als Foto an die Wand projiziert, schweigt eisern. Diese Tatsache verdreht Neyerlin flugs zum Beweis von Religionskritikern wie Marx.

Schade nur, dass bei solch grossen Fragen keine Diskussion zwischen den drei Philosophen geöffnet wird. Mehr Improvisation würde dem Format allgemein guttun. Weil alles vorgetextet ist, argumentieren die Denker nie live. Schlagfertig genug wären sie. In der Philosophie geht doch nichts über einen guten Streit.

Philosophie in der Badi

(cg.) Der exklusive bürgerliche Salon war einmal. Heute boomt Philosophie als Unterhaltungsformat für jeden und jede. Das Angebot im Kalender von Philosophie.ch reicht vom Podiumsgespräch am Feierabend bis zur Festivalwoche. Einige Anlässe finden einmal pro Monat statt, beispielsweise das Café philosophique in Bern (Campus Muristalden, 24. Februar, 11.30 Uhr). In Luzern zügelt die nächste «Standup Philosophy!»-Show in die Seebadi Luzern (15. Mai, 20 Uhr). Wer bis dahin nicht warten mag: An der Universität Luzern läuft bis im Mai eine Vortragsreihe zum Thema «Aufklärung und Alterität».

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