HelloWelcome-Lesung im Kleintheater:
Eine Migrantin sucht nach dem Vertrauen

Im Kleintheater erzählte die kurdische Alevitin Ruken Şahan von Migration und Ankommen in einer anderen Kultur.

Stefan Welzel
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Ruken Şahan – hier bei einer Lesung im September 2019 in Zürich – fordert mehr Empathie.

Ruken Şahan – hier bei einer Lesung im September 2019 in Zürich – fordert mehr Empathie.

Bild: Theater Maxim

Wann bin ich an einem Ort wirklich angekommen? Was ist ein Zuhause? Philosophisches Denken beginnt mit den richtigen Fragen. Und Ruken Şahan stellte am Montagabend im Kleintheater Luzern eine ganze Menge davon. Die Kurdin und Alevitin konfrontierte ihr Publikum mit der eigenen Migrationsgeschichte, die sie im rund einstündigen Erzähltheater «Was ist Heimat?» um Diskurse über ihr Welt- und Menschenbild erweiterte. Das mündete unweigerlich in einige philosophische Monologe, die Nachdenken über die Umstände des Menschseins anregten.

Möglich gemacht hat diesen Auftritt der Verein HelloWelcome, der Flüchtlinge bei der Integration in der neuen Umgebung hilft und am Kaufmannweg 9 in Luzern auch einen Treffpunkt unterhält. In Kooperation mit dem Kleintheater biete man Migrantinnen und Migranten die Möglichkeit, ihre «Talente und Ressourcen sichtbar, hörbar und erlebbar» zu machen. Für die Produktion war das Maxim Theater Zürich verantwortlich, Regie führte Jasmine Hoch.

Metaphorische Rastlosigkeit

Şahans bevorzugte Ausdrucksform ist aber nicht das Schauspielern, die Performance auf der Bühne. Die Aktivistin, die lange in Istanbul gelebt hat, betonte immer wieder, wie viel ihr das Schreiben bedeutet. Es waren nicht zuletzt eigene Texte, die zur Flucht aus ihrer Heimat führten.

Zwei Mal sass Şahan in der Türkei im Gefängnis. Sie engagierte sich als freie Journalistin «für die Ideale einer gerechteren Gesellschaft». Doch das repressive, autoritäre System unter Recep Tayyip Erdogan lässt kaum mehr offene Meinungsfreiheit zu. Tausende von Regimegegnern oder diejenigen, die von Erdogans AKP als solche definiert werden, sitzen im Gefängnis oder sind geflohen. Şahan wollte kein drittes Mal hinter Gittern landen und entschied sich für das Exil. Seit 2015 ist sie in der Schweiz. Wie sie ihr Ankommen erlebt hat und wie sie nach wie vor versucht, uns Schweizerinnen und Schweizer zu verstehen, gehörte zu den Höhepunkten des Abends.

Şahan trat mit Wanderschuhen und Rucksack in den Theatersaal. Später wandelte sie immer wieder zwischen Bühne und den ersten Publikumsreihen hin und her. Eine metaphorische Rastlosigkeit, die die eigene Unsicherheit im Umgang mit einer Gesellschaft dokumentierte, in der die Menschen «kaum Zeit mit Migrantinnen und Migranten verbringen möchten».

Ist das so? Eine Publikumsstimme in der Diskussion nach dem Auftritt kritisierte die eine oder andere zuweilen etwas pauschalisierend wirkende Aussage. Ob zu Recht – diese Frage soll nicht hier erörtert werden. Was in diesen sechzig Minuten aber gewiss geschah: Şahan hielt unserer Wohlstandsgesellschaft gekonnt den Spiegel vor und forderte mehr Empathievermögen. «Die Schweizer bleiben auf Distanz zu Geflüchteten und Ausländern», konstatierte die Kurdin. Dabei seien diese doch ein grosser Teil der Gesellschaft. Und um miteinander auszukommen, müsse man sich besser kennenlernen. Es folgten Fragen, die sich jeder Mensch, ob Geflüchteter oder nicht, stellen kann. Unter anderem diejenige – immer wieder – nach der Definition von Heimat.

Um sich zu integrieren, ist das Erlernen der Sprache ein zentraler Faktor. Şahan spricht sehr gut deutsch. Und doch stellte sie fest: «Bin ich hier wirklich angekommen? Wo sind meine Gefühle, mein Herz und die Seele geblieben?» Und so erörterte sie den Knackpunkt für jeden Immigranten und jede Immigrantin: «Soll ich meine Kultur aufgeben, um ein Teil der Gesellschaft zu werden?» Für Şahan ist klar, dass es möglich sein muss, sich zu integrieren, ohne dabei die eigene Identität aufzugeben.

Eine Zukunft angehen können

Momente wie diese erinnerten Einheimische im Publikum an ihre privilegierte Situation. Şahan brachte es mit einem Vergleich auf den Punkt: «Ich möchte auch sagen können: Hier bin ich zur Schule gegangen, dort bin ich als Kind auf die Bäume geklettert, da habe ich mit Freunden gespielt.» Doch die Erinnerungen an solche Dinge sind bei ihr Tausende Kilometer entfernt verortet. Manches an diesem Abend klang ein wenig nach Allgemeinplatz, war es aber nicht. So ist «Heimat» in der Tat etwas anderes als das «Zuhause». Und wird es immer sein.

Şahan hat heute eine Niederlassungsbewilligung. Und erst seit sie diese hat, besteht für sie die Möglichkeit, sich hier richtig einzuleben und eine Zukunft anzugehen. Ihr «Ausweis war nun Realität, aber nicht Identität», wie sie sagt. Zum Schluss packte Şahan wieder ihren Reiserucksack und betonte beim Verlassen des Raums, wie sehr sie das «Vertrauen der Leute» im neuen Land brauche, um zu funktionieren. Und Vertrauen, das brauchen wir alle, auch wir Einheimischen.

Der nächste Termin von HelloWelcome im Kleintheater ist ein Mittagstisch am Montag, 16. März, mit Konzerten und Lesungen. Mehr unter www.hellowelcome.ch