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Herbert Grönemeyer: «Die Frage ist: Wie zeigen wir den Rechten klare Kante?»

Sein fünfzehntes Album «Tumult» ist von der politischen Lage in Deutschland geprägt. Doch die neuen Lieder von Herbert Grönemeyer sind kein Proseminar gegen den Rechtsruck, sondern unterhaltsam, poetisch und ergreifend.
Steffen Rüth
Herbert Grönemeyer denkt noch nicht ans Aufhören. (Bild: Clemens Bilan/EPA)

Herbert Grönemeyer denkt noch nicht ans Aufhören. (Bild: Clemens Bilan/EPA)

«Die Zeiten sind nicht mehr danach, dass man auf dem Sofa sitzen bleibt», sagt Herbert Grönemeyer. «Jeder von uns ist gefragt und gefordert, sich zu engagieren und Gesicht zu zeigen. Dass auch Journalisten Haltung beziehen, halte ich für sehr wichtig. Wir trommeln jetzt alle so lange, bis wir den Rechten den Atem rauben.»

Albumvorstellungen mit Deutschlands erfolgreichstem Musiker haben etwas Rituelles. Die Plattenfirma lädt ein – ziemlich verlässlich alle vier Jahre, dieses Mal in das Berliner Luxushotel Das Stue am Tiergarten. Gut hundert Medienvertreter hören die neuen Songs, anschliessend federt Herbert aus der Kulisse und lässt sich befragen. Er sitzt dabei auf einem Barhocker und zischt ein Bierchen aus dem Schwarzwald. Seine Laune ist vorzüglich, die von der Moderatorin zugespielten Bälle zu seinem Tanzverhalten auf der Bühne (eine Art Running Gag) versenkt er sicher im Netz.

Dennoch: Etwas ist anders an diesem milden Dienstagabend. Der Grundton der ganzen Veranstaltung, auch der Grundton des sechzehn Stücke langen «Tumult»-Albums, ist markant ernster als üblich. Die Gesellschaft ist verunsichert, schlingernd, fragil und in Aufruhr. Und ein Grönemeyer, stets nah dran an der Befindlichkeit seiner Mitmenschen, prescht inmitten dieses nervösen Grundgeraunes vehementer in politische Gefilde vor. «Die Frage ist: Wie zeigen wir den Rechten klare Kante? Wie schaffen wir es, uns zusammenzurotten, egal ob wir von der linksliberalen oder der wertkonservativen Seite kommen? Wir müssen alle näher zusammenrücken und fest zusammenstehen, das ist entscheidend.»

«Die Rechten sind eine pöbelnde Minderheit»

Herbert Grönemeyer, seinen 62 Jahren zum Trotz ganz in Schwarz und mit cooler Designerbrille («Die muss ich wirklich tragen») einer zeitlosen Erscheinung sehr nahekommend, will mit seiner Musik ein, im wahrsten Sinne des Wortes, Hoffnungsträger sein. Die #unteilbar-Demo in Berlin mit 240000 Teilnehmern, das Festival für Demokratie und Toleranz im mecklenburg-vorpommerschen Jamel, bei dem er auftrat, die zahllosen ehrenamtlichen Flüchtlingskümmerer, all das bewege ihn tief.

«Die Rechten sind eine pöbelnde Minderheit. In Deutschland herrscht kein rechter Geist. Die grosse Mehrheit der Menschen ist offen, aufgeklärt und humanistisch.»

Zugleich halte er den Rechtsschwenk für ein Problem, «das man nicht mit einem Mausklick» wegbekomme. «Das Thema wird uns die nächsten zehn Jahre begleiten.»

Nun kann man nicht behaupten, dass Grönemeyer die Politik plötzlich für sich entdeckt hat. «Mit Gott auf unserer Seite» vom Album «Ö» (1988) griff er damals den Selbstmord Uwe Barschels auf, «Die Härte» (1993, Album «Chaos») brillierte mit der Zeile «Hart im Hirn, weich in der Birne», schon damals litt das frisch wiedervereinigte Land am Rechtsextremismus. Die politischen Lieder auf dem neuen Album sind stärker in den Mittelpunkt gerückt, werden aber auch stärker wahrgenommen. Die Ohren des Landes sind in diese Richtung gerade einfach sehr gespitzt.

Und so erregt ein Lied wie «Doppelherz/ Iki Gönlüm», in dem Grönemeyer auch auf Türkisch darüber singt, wie gut sich das Reisen als Mittel gegen Engstirnigkeit eignet, eben stärker als in, sagen wir, normalen Zeiten, Internettrolle und Shitstorms inklusive. «Ich finde es völlig in Ordnung, wenn die Leute meine Musik nicht mögen», so der in zweiter Ehe verheiratete Vater von zwei erwachsenen Kindern, der in Bochum zur Welt kam und nicht mehr in London, sondern seit neun Jahren wieder in Berlin lebt. «Hass bin ich gewohnt.» Für ihn sei nur wichtig: «Ist es ein gutes oder ein schlechtes Lied? Groovt und steppt es?» Das tut es.

Überhaupt ist Herbert Grönemeyers Auseinandersetzung mit dem Politischen auf «Tumult» eher «beswingt und leichtfüssig», wie er selbst es beschreibt. Die aufrüttelnden Stücke wie «Bist du da» oder «Fall der Fälle» drängen musikalisch nach vorn, zählen zu den schmissigsten der wie immer von Alex Silva co-produzierten Platte, gar ein Chor kommt zum Einsatz.

Herbert Grönemeyer: «Tumult» Vertigo Berlin, ab 9.11.

Herbert Grönemeyer: «Tumult» Vertigo Berlin, ab 9.11.

Liederschreiben ist wie Küssen

Dass «Tumult» trotz der heiteren Momente insgesamt einen für Grönemeyer-Verhältnisse melancholischen und dunklen Eindruck hinterlässt, liegt gar nicht so sehr an den politischen, sondern an den persönlichen, selbstzweifelnden Songs, von denen es auf «Tumult» gleich mehrere gibt. In «Warum» thematisiert der Künstler, der in Deutschland alle zehn Alben seit «4630 Bochum» auf Platz eins platzieren konnte, Angst und Selbstzweifel.

«Manchmal ist der Druck fast unerträglich.»

Herbert Grönemeyer, der das Album an diesem Abend selbst zum ersten Mal «halbwegs entspannt» angehört haben will, habe zu den Liedern ein «vorsichtiges Verhältnis». Er sei da noch «etwas verkrampft». Muss er aber gar nicht. «Tumult» ist ein absolut würdiges Mittelspätwerk, die Melodien solide bis richtig stark, die Texte tiefgründig, der Politikaspekt wird mit Zuversicht, aber ohne Blauäugigkeit behandelt. Dieser Mann, so mopsfidel und mit sich im Reinen, wie er mit seinem Bier an der Theke steht, ist längst nicht am Ende seiner Kunst.

Mit dem Liederschreiben, sagt Grönemeyer und setzt seinen verschmitztesten Gesichtsausdruck auf, was ihm etwas unschuldig-amüsant Knuffiges verleiht, sei es im Grunde ja so wie mit dem Austausch zwischenmenschlicher Zärtlichkeiten. «Auch wenn du vielleicht schon sechzig Jahre lang geküsst hast, hörst du ja nicht einfach auf mit dem Küssen.» Er zumindest nicht. «Was das Küssen angeht, so bleibe ich dran.» Was die Musik angeht, auch.

«Es treibt mich einfach weiter an, weil ich Musik machen will und muss. Ich werde so lange weitermachen, bis ich das Gefühl habe, jetzt bin ich nur noch peinlich. Ich stehe sehr gerne auf der Bühne und singe. Das ist das ultimative Glücksgefühl.»

Und ausserdem: In welchem Beruf gebe es das schon, dass die Leute klatschen, wenn man zur Arbeit kommt? Unter lang anhaltendem Beifall trinkt Grönemeyer sein Bier aus und lächelt.

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