HERLISBERG: Ein Buch half ihm, die Sinnkrise zu bewältigen

Der Tod seiner Frau stürzte Philippe Ackermann in ein Loch. Seine Geschichte mit fiktiven Personen und Handlungen gab neu Halt.

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Drei Jahre nach dem Tod seiner Frau hat Philippe Ackermann sein inneres Gleichgewicht wiedergefunden – auch dank der Natur (hier in Herlisberg). Dort holte er zudem Energie und Inspiration für seinen Roman. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Drei Jahre nach dem Tod seiner Frau hat Philippe Ackermann sein inneres Gleichgewicht wiedergefunden – auch dank der Natur (hier in Herlisberg). Dort holte er zudem Energie und Inspiration für seinen Roman. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Ernesto Piazza

Über seine Lippen huscht ein Lächeln. An einem langen Holztisch sitzend, krallt sich der Blick von Philippe Ackermann an der gegenüberliegenden Wand fest. «Dieses Bild war das erste Porträt, welches meine verstorbene Frau malte.» Das quadratische, ein Meter grosse Gemälde zeigt ein in Gedanken versunkenes tibetisches Mädchen. Es sei eines der wenigen Erinnerungsstücke an Wanda, betont der 42-Jährige.

Vor knapp drei Jahren – im November 2012 – verstarb Wanda zu Hause in seinen Armen. Sie hatte nach achtjähriger Krankheit ihren Kampf gegen den Brustkrebs verloren. Ackermann erinnert sich: Es sei eine lange und aufwühlende Zeit gewesen. Der Zusammenbruch kam erst danach. Rund ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Ehefrau stürzte er in eine tiefe Sinnkrise. «Ich war auf dem Sofa gestrandet und wusste nicht mehr, wie es mit meinem Leben weitergehen soll.»

Fast unzählige Gespräche

In diesen Momenten krochen immer wieder Erinnerungen in ihm hoch. Bilder an die 156 gemeinsamen Tage in Nordamerika verfolgten ihn permanent. Im April 2008 waren sie zu zweit aufgebrochen, um ihren gemeinsamen Lebenstraum anzugehen. Sie nahmen die 4290 Kilometer des Pacific Crest Trail von der mexikanischen Grenze bis nach Kanada unter die Füsse. «Wir erlebten in dieser Zeit viele emotionale Momente», sagt Ackermann. Fast unzählige, auch sehr sinnliche und zuweilen kontroverse Gespräche begleiteten das Paar durch sonnenversengte Wüsten und über weite Steppen. Sie stapften hoch zu verschneiten Gebirgszügen und durchstreiften fast endlose Wälder.

Wanda sei zu diesem Zeitpunkt bereits über drei Jahre krank gewesen, blickt Ackermann zurück. Deshalb sei der Trip mit Risiken behaftet gewesen. «Mich plagten auch Gedanken, ob ein Mensch in diesem Gesundheitszustand so eine Reise überstehen kann.» Abenteuerlust und Wahnsinn: In seiner Brust schlugen während unzähliger Reisestunden immer zwei Herzen. Dass der Entscheid, dieses Ding durchzuziehen, sich als richtig erwies, erfuhr Philippe Ackermann erst später. «In der letzten Woche vor ihrem Tod reduzierten sich Wandas Gespräche noch auf drei Dinge. Unser Trip gehörte dazu.» Sie sei dankbar gewesen für die erlebten Momente. Für einige Augenblicke schweigt der 42-Jährige. Um dann anzufügen: Es sei oft ein schmerzvoller, aber wunderschöner Weg gewesen. Deshalb verwundert nicht, wenn er sagt: «Mein grosser Traum ist es, noch einmal so etwas zu tun.»

Selbstwertgefühl erneut finden

Im aargauischen Döttingen geboren, lebt der Technische Kaufmann mit seinen drei Katzen in Herlisberg, Gemeinde Römerswil. Sein Zuhause ist idyllisch gelegen, fernab von jedem Rummel.

Um die Erschöpfungsdepressionen zu überwinden, nahm er auch psychologische Hilfe in Anspruch Trotzdem betont er: «Ganz entscheidend war, mich selber wieder hochzurappeln. Ich musste mein Selbstwertgefühl erneut finden.» Damit einher ging ebenfalls eine berufliche Neuorientierung. Früher lange als Maurer tätig, arbeitete er weiter in der Betriebsleitung eines Betonelementwerks – und später im Aussendienst. Seit knapp zwei Jahren ist er nun im Bauwesen beschäftigt. Ab 2013 absolvierte er zudem diverse Ausbildungslehrgänge zum therapeutischen Berater und führt heute auch eine eigene Praxis.

Inspiration in der Natur

Und Ackermann begann zu schreiben. «Dieses Bedürfnis schlummerte offenbar schon länger in mir», sagt er und lächelt. «Fynn und die Frau mit den weissen Haaren» ist der erste Band seiner dreiteiligen Buchreihe, die in Romanform Ackermanns Lebensgeschichte aufgreift. Sie handelt davon, wie ein junger Mann trotz grossem Erfolg in eine tiefe Sinnkrise gerät. Bei der Begegnung mit einer alten Frau mit weissen Haaren lässt er sich auf ein tiefes Gespräch ein. Im Dialog erkennt er allmählich seine in all den Jahren gemachten Fehler. Danach begibt er sich auf eine lange Reise, die ihn zurück ins Leben führt. Es ist ein Buch voller Weisheit und Poesie, wie der Autor selber sagt.

Mittlerweile hat der 42-Jährige das innere Gleichgewicht zurückgewonnen. Seine Energie, die Kraft und vor allem die Inspiration fürs Schreiben holt er in der Natur. Speziell für den nur einige hundert Schritte von seiner Wohnung entfernten Wald hat er eine besondere Vorliebe.

Am 17. Oktober, 20 Uhr, stellt Ackermann sein Werk im Seminarhotel Sempachersee in Nottwil bei einer Buchvernissage vor und erzählt aus seinem bewegten und bewegenden Leben. Nachdem er durch all die Trauer- und Verarbeitungsprozesse gegangen sei, freue er sich auf diesen Augenblick. Denn er könne mit einem neuen Bewusstsein sagen: «Was für eine tolle Zeit mit Wanda.»

HINWEIS

Weitere Infos unter: www.redenundleben.ch. Das Buch kostet 29.50 Franken. Die ISBN-Nr. lautet: 978-3-7386-1150-2.