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HERMANN: Luzerner Mundart-Pop mit stoischen Beats

Dem Luzerner Trio Hermann fehlte ein Drummer. Drum hat sich die Band eine alte Rhythmusmaschine zum Freund gemacht und damit ein feines Album produziert.
Pirmin Bossart
Hermann sind Hannes Herger, Dani Hug und Jonathan Winkler (von links). (Bild: PD)

Hermann sind Hannes Herger, Dani Hug und Jonathan Winkler (von links). (Bild: PD)

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Manchmal weisen Einschränkungen neue Wege. Der fast 50-jährige Drumcomputer Rhythm Ace FR-1 hat ein limitiertes Spektrum an Beats, die sich abrufen und sanft modulieren lassen. Einmal den Knopf gedrückt, tickt und tackt der Rhythmus stoisch voran. Aber in dieser sturen Geradlinigkeit ist auch ein Reiz verborgen. Das wissen alle, die in den Spielarten von Techno und House immer mehr als «seelenlose Musik» gehört haben.

Der stoische Takt einer Rhythmusmaschine prägt auch die zehn Songs des Debutalbums von Hermann. Das mag erstaunen, sind doch bei diesem neuen Luzerner Trio mit Jonathan Winkler (Gitarre) und Hannes Herger (Bass) zwei Mitglieder von Flink dabei, die vor zehn Jahren als Indie-Pop-Gitarrenband beliebt waren. Dritter bei Hermann ist Dani Hug (Ex-Dans-La-Tente), der mit seinen Analogsynthies das neue Klangbild prägt.

Gelernt, mit dem Rhythmus umzugehen

Die Verwandlung zu Hermann begann, als Flink-Sänger Martin Brabec 2011 nach Australien auswanderte und die Rest-Band versuchte, sich bei der Stange zu halten. Irgendwann kam Dani Hug dazu, 2015 stieg der Schlagzeuger aus. Da waren sie noch zu dritt. «Eine Zeitlang hatte ich noch versucht, die Beats am Computer zu programmieren», sagt Jonathan Winkler. «Aber es klang für mich zu künstlich. Zudem drohte ich mich immer in den vielen Möglichkeiten zu verlieren.»

Die Geburtsstunde für den Hermann-Sound schlug, als Dani Hug seinen Drumcomputer an eine Probe brachte. Hannes Herger grinst: «Am Anfang konnte ich mir nicht vorstellen, dass wir damit mal ein ganzes Album aufnehmen würden.»

Inzwischen hat der Bassist gelernt, mit dem stoischen Rhythmus umzugehen. «Ich fühle mich in einer anderen Rolle als mit Flink. Mein Spiel ist in diesem neuen Kontext feiner und dynamischer geworden.»

Gitarrist und Sänger Jonathan Winkler, der die Rhythm-Ace-Maschine bedient und mit sparsamen Effekten würzt, erlebt das ähnlich. «Es gilt, die Gleichmässigkeit der Maschine abzufedern, mit ihr in Bezug zu treten.» Bei Flink sei er als Gitarrist immer am Spielen gewesen. «Jetzt bleibe ich auch mal ruhig. Überhaupt erhält jedes Instrument stärker seinen Platz.» Das gilt auch für die ­Synthies von Dani Hug, die zusammen mit der Rhythmusmaschine diesen elektro-minimalen 1980er-Sound heraufbeschwören. Gleichzeitig erzeugt die Gitarre mit ihrem leichtfüssigen Surf-Touch einen sympathischen Kontrast. Als Sänger ist Winkler weder ein Shouter noch ein Crooner, sondern eher ein ruhiger Berichterstatter. Auch das passt.

Hermann nutzen die Rhythmusmaschine nicht als Bumm-bumm-Station für einen kollektiven Tanzrausch, sondern machen sie zum Bestandteil von gut getüftelten Songs. Dass die Rhythm Ace kein Fremdkörper bleibt, sondern sich wie ein zunächst vielleicht etwas seltsamer Kumpel in den Bandsound integriert, spricht für das gute musikalische Händchen. Mal betont sie die Kargheit eines Songs, den Gleichlauf der Dinge, die melancholische Aura einer Situation («Kellner»). Mal taktet sie euphorisch los, im Einklang mit fabulierender Gitarre und schwirrenden Synthie-Sounds («Plakat»).

Sorgfalt und Können sind am Werk

Duktus und Flair der Hermann-Songs erinnern zunächst an Stahlberger. Trotzdem hat das Trio ­einen eigenen Ton. Die lakonisch gehaltenen Texte von Winkler, die teils im Pingpong-Verfahren mit Herger entstanden sind, speisen sich aus Beiläufigkeiten und Beobachtungen des Alltags. Gut funktioniert «Lift», weil sich das Belanglose mit dem Anschaulichen trifft und zusammen mit der Musik eine Stimmung für eine Geschichte ohne Auflösung oder Pointe erzeugt. Auf «Stillstand» kreuzen sich elegante Basslinien und Indie-Riffs mit Drumgeschepper und dunklem Surf.

Musikalisch sind Sorgfalt und Können am Werk, das spürt man nicht zuletzt in den Details. «Am allerlängschte Tag» ist erfüllt von süsser Lethargie und Pathos und einem schönen Gitarrensolo. Ein Highlight ist «D Ironie esch verbi»: Der Song hämmert sich wie ein Manifest für alternde Hipsters ins Gehirn. «Mer send ironisch gseh, aber d Ironie isch jetzt verbii, irgendwenn muesch Stellig näh, muesch Stellig näh.» Die Rockjungs sind erwachsener geworden.

Auch «Sie luegt üs bös a» erzählt von zwei älteren Jungs, die ein Konzert von Bligg besuchen und sich in der fiebernden Publikumsmasse einsam vorkommen. Die Rhythmusmaschine tuckert vor sich hin, ein paar Synthie-Schlaufen, ein surfiges Raunen der Gitarre, ein dubbiges Pulsen des Basses, ein einsames Gitarrenriff. «Diktatur» hat einen süffigen Moog-Kick und entwickelt einen hypnotischen Sog. Angesprochen wird der bekannteste Christoph der Schweizer Politik. Auch wenn es textlich manchmal holpert, getraut sich immerhin mal einer, im Pop-Zeitalter der Harmlosigkeit etwas «politisch» zu sein.

Kassette und Vinyl

Erschienen ist «Hermann» auf Kassette. Wenn dieses heute ungewohnte Format zusätzliche Aufmerksamkeit generiere, sei das ein schöner Nebeneffekt, sagt Winkler, der als ehemaliger Irasci­ble-Promoter Erfahrung hat, wie man eine Band positionieren kann. «Aber uns ging es in erster Linie um den Klang, den ich damals sehr verinnerlicht habe. Zudem war klar, dass wir keine CD wollten.» Das Album kann man auch downloaden oder im Herbst als Vinyl erwerben. Aber warum nicht mal wieder den alten Walkman aus dem Estrich holen?

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