Heute kommt Godot nicht, dafür vielleicht morgen

Samuel Becketts «Warten auf Godot», Paradestück des absurden Theaters, kommt zum Auftakt der Spielzeit in Konstanz auf die Bühne. Regie führt Intendant Christoph Nix.

Brigitte Elsner-Heller
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Lucky (Peter Cieslinski), Wladimir (Andreas Haase), Pozzo (Odo Jergitsch) und Estragon (Peter Posniak) warten auf Godot. Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz

Lucky (Peter Cieslinski), Wladimir (Andreas Haase), Pozzo (Odo Jergitsch) und Estragon (Peter Posniak) warten auf Godot. Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz

Warten. Das ist die Pause. Der Raum zwischen einem Davor und einem Danach. Nicht so allerdings bei Samuel Beckett, bei dem Warten die Existenz ausmacht, das Leben nicht mehr erkennbar sinnhaft ist. «Warten auf Godot» wurde 1953 in Paris uraufgeführt, zur Blüte des Existenzialismus, es blieb ein Meilenstein in der Theaterliteratur.

Der Hund darf wieder Hund sein

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Brigitte Elsner-Heller

Die Bühne wölbt sich einem leeren Horizont entgegen, ist selbst leer, wie es gar nicht anders sein kann. Einzig der von Beckett geforderte Baum hängt wie ein überdimensionierter Kreidestift vom Bühnenhimmel. Spots auf Wladimir und Estragon, die beiden «Landstreicher», die unbehaust sind wie alles in diesem Universum, das sich mehr und mehr von der Vorstellung eines Gottes abgekoppelt hat.

Hier wird das Clowneske absurd

Wladimir (Andreas Haase) und Estragon (Peter Posniak) sind auch heute wieder gekommen an diesen Ort (war es wirklich dieser Ort?), um auf Godot zu warten. Wladimir trägt so etwas wie kindliche Hoffnung in sich, dass Godot (wer nur ist Godot?) an diesem Tag erscheinen werde, einer, der sie aus dem Warten erlösen wird. Wladimir baut noch auf Regeln, die zu einem guten Ende führen werden – zumindest zeitweilig. Estragon aber, der nachts erneut geschlagen worden ist (von wem?), ist bereits gleichgültiger, aber irgendwie gelassener.

Dass beide in schwarzen Anzügen mit Melone auftreten, macht nicht unnahbar. Nein, sie bedienen damit auch die Bilder, die einem aus Chaplins Stummfilmen in Erinnerung sind (Beckett achtete Chaplin hoch, ebenso Stan Laurel und Oliver Hardy und die durchaus tragische Figur des Karl Valentin). Doch hier wird das Clowneske absurd, auch wenn Christoph Nix in seiner Regie auch auf das Repertoire der Clownerie zurückgreift.

In Konstanz finden Wladimir und Estragon durchaus Halt aneinander, obwohl sie das eine oder andere Scharmützel wortreich miteinander ausfechten. Andreas Haase und Peter Posniak sind ein gut aufeinander eingespieltes Team, das feine Gesten der Menschlichkeit in die absurde Situation einfliessen lässt und dabei die Brillanz des Textes nicht «überspielt». Heftig abgesetzt dagegen der Auftritt Pozzos (Odo Jergitsch) und seines Sklaven Lucky (Peter Cieslinski). Pozzo ist der feiste Machtmensch mit Peitsche, der das menschliche Wrack Lucky als Tanz- und Denkmaschine missbraucht (ein starker, aber schmerzhafter Auftritt). Für Wladimir und Estragon immerhin eine unterhaltsame Unterbrechung ihres Wartens – und auch eine Möglichkeit, sich am noch niedriger angesiedelten Geschöpf zu bereichern. Moral? Nicht jetzt, nicht heute, nicht, bevor Godot kommt. Doch der kommt heute nicht mehr, wie ein Junge (Lorenz Leander Haas) – in Godots Namen – verkündet.

Schauspielerleistung statt lautem Spielzeitauftakt

In einem zweiten Akt spielt sich das Gleiche ab, nur ist der Machtmensch blind und Lucky taub. Kann das den Eindruck erwecken, dass die Situation von Wladimir und Estragon aufgewertet ist? Welche Logik steckt dahinter? Natürlich gar keine, wie sollte das im absurden Theater auch sein. Mit abgeklärter Nonchalance machen sich Wladimir und Estragon weiterhin Gedanken um die Möglichkeit, sich an dem Baum aufzuhängen, und mit gleichbleibender Freundlichkeit verkündet der Junge, dass Godot heute nicht mehr kommen könne. Wladimir und Estragon können für heute gehen. Um morgen wiederzukommen.

«Warten auf Godot» ist kein lautes Fest zum Einstieg in eine Spielzeit, die Aufführung aber eine schöne Schauspielerleistung, die den bekannten Text wieder einmal zum Leben erweckt – nicht ganz sinnlos.

Weitere Vorstellungen bis 31. Oktober. www.theaterkonstanz.de