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Ein Haus für Künstler: «Hier kannst du alles machen»

Der Gasthaus Grünenwald bei Engelberg wird seit zwanzig Jahren von kreativen Köpfen geschätzt.
Michael Graber
Das Gasthaus Grünenwald: Aussenansicht des über 100-jährigen Hauses. (Bild: Corinne Glanzmann)

Das Gasthaus Grünenwald: Aussenansicht des über 100-jährigen Hauses.
(Bild: Corinne Glanzmann)

Es ist unscheinbar und doch unübersehbar. Wenige Kurven vor Engelberg erreicht, steht das Gasthaus Grünenwald. Es wirkt etwas verloren, da im Nirgendwo zwischen Wald und Schnellstrasse, und strahlt genau dadurch eine Menge «Das alte Haus von Rocky Docky»-­Charme aus. Drinnen kocht Fabian «Hefe» Christen Kaffee und raucht eine Zigarette. Hannes Blatter sitzt am Tisch: «Hier kannst du alles machen», sagt Blatter. Hinter ihm sind die Wände vollbehangen mit allerlei bunten Bildern, Plakaten und Ramscheleien. «Ich könnte zu jedem Stück in dieser Küche eine Geschichte erzählen», sagt Christen. Vollgepflastert und vollgekleistert haben die Wände die Gäste dieses Hauses. Vornehmlich sind es Musiker. Aber auch Künstler, Theatermacher, Forscher und Literaten nutzen das Gasthaus Grünenwald, um zu schreiben, zu spielen, zu tüfteln und zu versuchen.

Und so liebevoll chaotisch, wie das Haus mittlerweile aussieht, hat auch alles begonnen. Vor zwanzig Jahren suchte die Engelberger Band Jolly And The Flytrap einen Raum, um Sachen auszuprobieren. «Wir waren vorher für Probewochen ins Ausland gefahren und wollten das auch mal in der Schweiz ­machen», sagt Blatter. Er und Christen spielen bis heute bei den Jollys. Eigentlich hatten sie schon den Mietvertrag für zwei Wochen im Hotel Terrace in Engelberg im Sack, als sie plötzlich aus den Medien erfuhren, dass das damals leer stehende ­«Terrace» verkauft wurde. «Wir mussten schnell eine Alternative suchen», sagt Blatter. Damals fuhr der Zug noch überirdisch nach Engelberg, und dieses «Grünenwald» war eine Station – Halt auf Verlangen. Das Gasthaus Grünenwald stand auch schon länger leer, und so plante man um und probte, trank und spielte im «Grünenwald». Christen kam gleich mit seinem ganzen «Karsumpel» und ging bis heute nicht mehr raus.

Auch das Kloster ist Aktionär des «Grünenwald»

«Es hat sich von Anfang an richtig angefühlt», sagt Christen und schenkt Kaffee nach, «mittlerweile ist das meine Heimat. Meine Basis.» Damit aus der temporären Bleibe eine fixe werden konnte, wurde eine Aktiengesellschaft gegründet. So konnte das Haus vor sechzehn Jahren gekauft werden – zuvor hatte es die Band gemietet. «Wir mussten schnell Geld beschaffen», sagt Blatter, «sonst wäre das Haus an andere Leute verkauft worden.» Also hiess es, Freunde anrufen und Klinken putzen. 190 Aktien à 1000 Franken konnten verkauft werden, zehn davon an das Kloster Engelberg. Blatter wurde Präsident des Verwaltungsrats, Christen Präsident des Vereins. Mit diesem Grundstock konnte man auf der Bank einen Kredit aufnehmen und den «Grünenwald» für 300000 Franken kaufen. «Das klingt nach wenig, aber das Haus hatte grossen Sanierungsbedarf», so Christen. Fenster, Strom, Toiletten und vieles mehr mussten gemacht werden, damit es zumindest ein bisschen wohnlicher wurde. Das allermeiste in Fronarbeit, aber man zog auch Fachkräfte bei.

Ein Blick in das Star-Wars-Zimmer. (Bild: Dominik Wunderli)

Ein Blick in das Star-Wars-Zimmer. (Bild: Dominik Wunderli)

Und diese Wohnlichkeit zahlt sich aus: Mittlerweile werden 1000 Übernachtungen pro Jahr gebucht. Die fünf Gästezimmer sind thematisch eingerichtet. Ein «Star Wars»-Zimmer gibt es ebenso wie ein Fussballzimmer. Eine Stube, eine Küche und die ehemalige Gaststube runden den Aufenthalt ab. Durch das Fehlen von Nachbarn kann man so laut sein, wie man will, und auch zu Unzeiten proben, mühsame Klausuren abhalten – und das alles für 35 Franken pro Person. «Wir vermieten das Haus eigentlich immer nur an eine Gruppe gleichzeitig», sagt Christen. Egal ob Musik-Duo oder grosse Theatergruppe: Man hat den ganzen «Grünenwald» für sich. Also mit Fabian «Hefe» Christen, der im obersten Stock des Hauses wohnt. «Mittlerweile kommen viele der Bands ja auch ein bisschen deinetwegen», sagt Blatter. Christen kocht, isst und lebt mit den Gästen, zieht sich aber auch zurück. «Flüchten musste ich eigentlich noch nie. Einmal, als hier eine Technoparty war, bin ich vorsorglich weggegangen», sagt Christen.

«Ferien für laute Leute»

Und die Gästeschar, die den Weg ins «Grünenwald» schon gefunden hat, liest sich durchaus illuster. Seven war da, Heidi Happy auch, vor kurzem hatte Matto Kämpf eine Kick-off-Veranstaltung zu seinem neuen Theaterstück. Steff La Cheffe hat bei ihrem Aufenthalt beinahe die Hütte abgefackelt, wie Christen lachend erzählt. Sie habe dann aber genau richtig ­reagiert und geschaut, dass aus dem brennenden Brett kein Vollbrand wurde.

Der Künstler Thomas Ott kommt immer mal wieder vorbei und hinterlässt mal kleinere oder grössere Kunstwerke, die sich schlüssig ins Gesamtbild einfügen. Irgendwer hat in den letzten Wochen kunstvolle Vorhänge gebastelt. «Es war mir langweilig. Sind Vorhänge. Sonst entsorgen», steht auf einem Post-it-Zettel dazu.

Fabian «Hefe» Christen (links) und Hannes Blatter in der Küche des Gasthauses Grünenwald. (Bild Dominik Wunderli)

Fabian «Hefe» Christen (links) und Hannes Blatter in der Küche des Gasthauses Grünenwald. (Bild Dominik Wunderli)

Man biete «Ferien für laute Leute», sagen die Macher. Laute Leute aus der ganzen Schweiz und auch aus dem Ausland. Das Gasthaus Grünenwald hat mittlerweile seinen fixen Platz und findet seine Mieter vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda. «Wir machen keine Werbung», sagt Blatter. Christen ergänzt: «Wir haben auch keine Online-Reservation, man muss mit uns Kontakt aufnehmen.» Trotzdem müsse man da und dort absagen: «Wenn zwei Parteien am gleichen Wochenende ins ‹Grünenwald› wollen, geht das halt leider nicht», sagt Christen. An rund 40 Wochenenden im Jahr ist das «Grünenwald» besetzt. Manchmal kommen die Leute tage-, manchmal aber auch wochenweise. So waren beispielsweise zwei Forscherinnen kürzlich länger da, die sich mit dem Feuersalamander beschäftigt haben. Auch Wissenschaft hat hier ihren Platz.

Sowieso: Alles hat Platz. Soeben hat Blatters Mutter hier ihren achtzigsten Geburtstag gefeiert. Auch das gehört zum «Grünenwald», ebenso wie das schmucke Pfingstfestival «Halt auf Verlangen». Heute Samstag feiert der «Grünenwald» selber seinen zwanzigsten Geburtstag. «Unser Programm ist, dass wir kein Programm haben», sagt Blatter. Ab 15 Uhr gibt es Essen und Getränke. Jassen sei erlaubt, Redenhalten im Notfall geduldet. «Wir haben das ganze Jahr Programm im Haus, da ist es doch nur logisch, dass wir einfach mal nichts haben wollen», sagt Christen. Eine DJ-Anlage steht auch noch rum. Vielleicht fühlt sich ja trotzdem jemand bemüssigt, noch etwas Musik abzuspielen oder gar Instrumente mitzunehmen. Eben: «Hier kannst du alles machen.» Sogar Programm an einem Tag ohne Programm.

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