Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Luzerner Verlag macht Schach witzig zur Kunst

Der Luzerner Verlag Edizioni Periferia präsentiert die erste illustrierte Schachpartie: Das Buch «Nach langem Grübeln» versammelt die Postkarten, mit denen die Künstler Hans Schärer und Martin Zimmermann jahrelang eine Fernpartie führten.
Urs Mattenberger
Gefährliche Lust auf den Sieg: Die Dame schlagen, hiesse Schachmatt (Postkarte von Martin Zimmermann). Bilder aus dem besprochenen Band

Gefährliche Lust auf den Sieg: Die Dame schlagen, hiesse Schachmatt (Postkarte von Martin Zimmermann). Bilder aus dem besprochenen Band

Hans Schärer meldet seinen fünften Zug.

Hans Schärer meldet seinen fünften Zug.

Die Faszination des Schachspiels liegt auch darin begründet, dass es menschlichen Grundaktivitäten wie dem Kampf, der Wissenschaft und der Kunst entspricht. Kronzeugen dafür sind legendäre Partien von Napoleon, der Physiker Einstein und Oppenheimer oder des Künstlers Marcel Duchamp. Duchamp, der mit seinem Urinal die Konzeptkunst mitbegründete, wandte sich gar für mehrere Jahre ganz dem Turnierschach zu.

Auf Duchamp verweist denn auch ein Bild im Buch, mit dem jetzt der Luzerner Verlag Edizioni Periferia ein neues Kapitel in Sachen Schachkunst aufschlägt. Der wunderbare Band «Nach längerem Brüten» ist die erste von Künstlern illustrierte Schachpartie der Welt. Gespielt wurde sie von Hans Schärer (1927–1997) und Martin Zimmermann (geboren 1952) nach ihrer Begegnung in Luzern in Form eines eigenwilligen Fernschachs. Hans Schärer schickte Zimmermann 1981 eine künstlerisch gestaltete Postkarte, die den Freund mit dem Zug «h4» herausforderte. Zimmermann antwortete mit einer Karte, auf der der nicht minder kuriose Zug «h5» notiert war.

In der Folge schickten sich die beiden Künstlerfreunde in unregelmässigen Abständen über 16 Jahre hinweg, bis zum Tod Schärers, den jeweils nächsten Zug zu – immer in Form kleiner Kunstwerke, die jetzt im Buch Zug um Zug und Seite um Seite versammelt sind. Darunter finden sich Zeichnungen, farbenprächtige oder poe­tische Miniaturgemälde und Collagen. Und eben ein WC, das auf Duchamps Urinal verweist.

Skurril ironisierte Action und Psychologie

Action pur: Hans Schärers Turm schlägt Zimmermanns Springer.

Action pur: Hans Schärers Turm schlägt Zimmermanns Springer.

Die Vielfalt und Qualität der Arbeiten macht den Band auch zu einer Dokumentation des Schaffens der beiden Künstler. In Schärers erotischen Aquarellen klingt auch mal das Madonnen-Motiv an, das ihn bekannt gemacht hat. Gemeinsam ist Schärer wie Zimmermann der Hang zum skurrilen, manchmal auch schwarzen Humor. Und wo Schärers Zeichnungen den fiebrig-expressiven Strich bevorzugen, findet Zimmermann im Verlauf der Jahre zu surreal-figürlichen Darstellungen, die den Kampf auf dem Brett ins Psychologische hineinnehmen.

Spannend als Illustration der abenteuerlich verlaufenden Schachpartie ist das, weil die Bilder sie unterschiedlich kommentieren. Manchmal bilden sie den Action-Aspekt ab, wenn ein Turm einen Springer vom Brett kickt. Andere Bilder fokussieren auf die Psychologie des Spielers, auf seine Angst, Hoffnung oder Einsamkeit. Ein Höhepunkt ist hier Schärers alter Mann, der eingewoben ist in die Spinnennetze labyrinthischer Gedankengänge, wie sie das Schachspiel verlangt.

Winzige Könige und vollbusige Dominas

Andere Karten psychologisieren das Spiel und seine Figuren selber. Da werden winzige Könige und vollbusige Domina-Damen zu Projektionsfiguren eines Geschlechterkampfs. Das wirkt mal verstörend wie das Schamhaar, das man mit den Fingerspitzen quasi zu berühren meint, mal auch plakativ in seiner ironisierten Erotik. Aber immer bleibt der Bezug zur Partie gewahrt: Wie beim lüsternen Blick des Läufers auf die Dame, die er nicht nehmen darf, weil sonst sofort Matt droht.

Zimmermanns Bild zum 20. Zug, das Schärers vorangehendes erotisches Aquarell exakt zitiert, stammt aus dem dramatischen Höhepunkt der unvollendeten Partie. Schach-Experte Peter Hammer zeichnet deren Verlauf in der Einleitung kurz nach. Computervarianten nach dem 45., dem letzten gespielten Zug, zeigen lapidar, dass Schärer zum Schluss auf Sieg stand.

Im Zentrum steht damit nicht gesondert die Schachpartie, die man dank der Diagramme auf jeder Seite leicht nachvollziehen kann, sondern ihre Verbindung mit der Kunst. Martin Zimmermann erzählt im Epilog, wie es in Luzern zu diesen Begegnungen mit «Schach spielen, philosophieren, Wein trinken und einfach ‹sein›» gekommen ist. Etwas von diesem künstlerischen Savoir vivre schwingt auch in den Postkarten dieses Bandes mit.

Hans Schärer – Martin Zimmermann: Nach längerem Brüten, Edizioni Periferia, 120 Seiten, Fr. 45.–.

Vernissage: Edizioni Periferia, Unterlachenstrasse 12, Luzern, 13. Oktober, 11 bis 17 Uhr: Ex-Juniorenweltmeister Werner Hug spielt Blitzschach gegen jedermann.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.