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HIMMELRICH: Die Neustadt ist fest in Künstlerhand

Die Tage der Siedlung Himmelrich 3 sind gezählt. Kurz bevor die Abbruchbagger auffahren, werden die Wohnungen bis Samstag zu einem riesigen Kulturzentrum.
Künstler Timo Müller hat einen 18 Meter langer Baumstamm quer in der Wohnung plaziert. (Bild: Pius Amrein)

Künstler Timo Müller hat einen 18 Meter langer Baumstamm quer in der Wohnung plaziert. (Bild: Pius Amrein)

Himmelrich: Bilder und ein Video finden Sie auf www.luzernerzeitung.ch/bonus

Simon Bordier

Wenn Kinder die Wände ihrer Zimmer vollkritzeln, hört der Spass für viele Erwachsene auf. In der ABL-Siedlung Himmelrich 3 in der Luzerner Neustadt werden dieser Tage aber auch Erwachsene zu Kindern. Künstler, Architekten und andere kreative Köpfe aus der Region haben dort 50 leer stehende Wohnungen in Beschlag genommen, wo sie nach Herzenslust Bilder aufhängen, Wände bemalen, Tapeten mit Messer bearbeiten oder gar einen Baumstamm quer durch die Wohnung stellen. Unter den 100 Projekten finden sich auch Yogakurse, Jugendtreffs, Konzerte, Theaterveranstaltungen und in den Erdgeschosswohnungen insgesamt zehn Bars, Cafés und Restaurants. Die Türen der Ateliers und Gastrobetriebe sind seit gestern und noch bis Samstag geöffnet.

50 Wohnungen gratis zu haben

Zur kreativen Zwischennutzung mit dem Titel «Zwischenrich-Abbruchtage» hat die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL) aufgerufen. Sie wird die Häuserzeilen an der Tödistrasse und am Heimatweg demnächst abreissen, um einen Neubau zu realisieren (siehe Kasten). Doch zuvor sollte die Kunstszene vom Leerstand profitieren. «Innerhalb einer Woche waren die 50 Wohnungen weg», sagt Benno Zgraggen, Kommunikationsverantwortlicher der ABL. Die Genossenschaft stellt nebst dem Wohnraum auch Strom, Wasser und Gas gratis zur Verfügung. Jesús Turino, der verantwortliche ABL-Leiter der Zwischennutzung, erklärt: «Die Projekte zeigen die Lebensfreude und das kreative Potenzial des Quartiers und der Stadt.» Sie förderten den Austausch und insgesamt die Lebensqualität der Bewohner, so Turino.

Im 2. Stock an der Tödistrasse 11 hat sich eine Gruppe mit sechs jungen Luzerner Künstlern in zwei benachbarten Wohnungen eingerichtet. In einem Zimmer breitet sich ein feines, bräunliches Geflecht über die weissen Wände aus, das sich bei näherem Hinsehen als ausgeschnittenes Tapetenmuster erweist. «Auf die Idee bin ich gekommen, als ich beim Malen merkte, wie sich plötzlich die Tapete mit dem Klebeband löste», erklärt die Künstlerin Sabina Oehninger.

Dicke Leimschicht im Badezimmer

Ihre Künstlerkollegen Paul Lipp und Reto Leuthold haben mit einem dickflüssigen Leim-Acrylfarben-Gemisch ein Badezimmer bestrichen, um daraus einen gummiartigen Abdruck zu gewinnen. Die Ähnlichkeit des Abdrucks zu den Original-Badezimmerplatten ist frappierend. «Die Wohnung bietet ungeahnte Möglichkeiten. Wo kann man schon ein Badezimmer komplett mit einer Leimschicht überziehen?», sagt Paul Lipp. Der Künstler Timo Müller hat zudem gestern Nachmittag mit einem Kran einen 18 Meter langen Baumstamm quer durch die Wohnung verlegen lassen.

Das lächelnde Gesicht der Zwischennutzung ist an der Hausfassade an der Bundesstrasse zu sehen. Das Luzerner Künstlerduo Queenkong hat die Fassade in eine überdimensionierte Kuckucksuhr verwandelt: Unter dem Giebeldach ist ein Kuckucksloch aufgemalt, darunter ein metergrosses Zifferblatt sowie ein Comicmädchen, das sich auf eine weite Reise zu machen scheint. «Wir beschäftigen uns mit dem Loslassen», sagt Veronika Bürgi (37), die mit ihrem Partner Marco Schmid (34) auch eine Wohnung übernommen und mintgrün gestrichen hat.

Cafés im Abbruchhaus

Nebst der Luzerner Kunstszene kann sich auch die regionale Gastronomie an der Tödistrasse inszenieren: Das «Neu­städtli», das «Bourbaki» oder die «Zuckerbäckerin» sind drei der zehn vertretenen Gastrobetriebe. Die Kaffeerösterin Sophia Wetterblad (26), die vor kurzem ein Café in Engelberg eröffnet hat, geht in Luzern neue Wege. «Mit der ‹Zuckerbäckerin› Katharina Steiner, die in Luzern ein Geschäft betreibt, laden wir hier gemeinsam zu Kaffee, Cupcakes, Cookies und Mini-Desserts ein», sagt Wetterblad.

Hinweis

Das Kulturprojekt «Zwischenrich» an der Tödistrasse dauert noch bis Samstag. Die Ateliers sind von 11 bis 23 Uhr geöffnet, die Gastrobetriebe von 11 Uhr vormittags bis 4 Uhr morgens.

Neue Siedlung für 170 Millionen

Bauprojektbor. Mitte September beginnen die Abbrucharbeiten in der Siedlung Himmelrich 3 der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (ABL). Die gut 80-jährigen Bauten in der Luzerner Neustadt gerieten in den 1990er-Jahren durch eine neu erstellte Tiefgarage in leichte Schieflage. Die ABL entschied sich darauf für einen gut 170 Millionen Franken teuren Neubau mit mindestens 250 Wohnungen sowie Läden und Dienstleistungsbetrieben. Heute gibt es in der Siedlung 237 Wohnungen. Die erste Bauetappe bis Frühling 2019 umfasst die Häuserzeilen an der Tödistrasse und am Heimatweg, die zweite bis Frühling 2021 jene an der Claridenstrasse.

Eine Wohnung mit Werken von Pablo Stettler und Lionne Saluz. (Bild: Pius Amrein)

Eine Wohnung mit Werken von Pablo Stettler und Lionne Saluz. (Bild: Pius Amrein)

Ein bunt gestalteter Raum im Himmelrich. (Bild: Pius Amrein)

Ein bunt gestalteter Raum im Himmelrich. (Bild: Pius Amrein)

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