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HIP-HOP: Geständnis eines Rap-Milliardärs

Auf seinem neuen Album erzählt Jay-Z endlich wieder richtige Geschichten. Er entschuldigt sich bei seiner Ehefrau Beyoncé für sein Fremdgehen und outet seine Mutter.
Adrian Schräder
Jay-Z ist nicht nur Rapper, sondern vor allem ein gewiefter Geschäftsmann. (Bild: PD)

Jay-Z ist nicht nur Rapper, sondern vor allem ein gewiefter Geschäftsmann. (Bild: PD)

Adrian Schräder

Im November 2003 hätte sich der Vorhang für einen der grössten Hip-Hop-Stars unserer Zeit eigentlich für immer schliessen sollen. Mit der Veröffentlichung des «Black Album» plante Sean Carter damals, seine Karriere als Rapper Jay-Z für immer zu be­enden. Irgendwie war der Frühdreissiger nach acht Alben müde geworden, hatte in den sieben Jahren seit seinem Débutalbum «Reasonable Doubt» viel, vielleicht zu viel erreicht und wollte sich deshalb in den Vorruhestand zurückziehen. Geplant war, sich nur noch auf die Förderung von jungen Musiktalenten zu konzentrieren.

Geschichtenerzähler ohne Geschichten

Sein Karriereende dauerte damals jedoch nur wenige Monate. Praktisch nahtlos ging es nach der grossen Abschiedsgala weiter. Bereits 2004 erschienen zwei weitere Alben, eines mit R. Kelly, eines mit der Gruppe Linkin Park.Obwohl seine Werke stets grosse Beachtung fanden, gelangen ihm seit seinem Comeback nur einige wenige Glanzlichter. Statt wie früher Trends zu setzen, ver­zettelte er sich auf seinen letzten ­Alben zusehends, bot trotz seiner verbalen Souveränität meist nur ein musikalisches Allerlei. Es schien, als hätte der einst so gewiefte Geschichtenerzähler, der seinen Hörern seine Tage als Drogendealer, die Geschehnisse im sozialen Brennpunkt Brooklyn, den Hunger nach sozialem Aufstieg und den Aufschwung zu einer der Galionsfiguren des ­ Hip- Hops näherbrachte, schlicht nichts mehr zu sagen.

Der Hunderte Millionen schwere Geschäftsmann erging sich plötzlich in platter Prahlerei, vergass dabei die Geschichten, die auch den Durchschnittsverdiener interessieren. Er hatte das eingebüsst, wofür er berühmt wurde: das Geschichtenerzählen. Heute ist Jay-Z 47 Jahre alt – und rappt immer noch. Mit «4:44»erschien Ende letzter Woche sein 13. Album auf seiner eigenen Streaming-Plattform «Tidal». Dass er mit «4:44» nun zu alter Form zurückfindet und sich seinen Zuhörern so weit öffnet wie kaum je zuvor, dürfte zu grossen Teilen auch das Verdienst von Produzent No I.D. sein. Der Chicagoer, der in den Neunzigern einst die wegweisenden ersten Alben von Common produziert hatte und später Kanye West als Mentor diente, hat sich in den letzten Jahren sowohl als hellhöriger Musikmanager wie auch als Erneuerer der klassischen Hip-Hop-Beatschule einen Namen gemacht. Neu schreibt sich Jay-Z nun wieder mit Bindestrich, nachdem er den erst 2013 weggelassen hatte und sich schlicht Jay Z schrieb. Für das nur 37 Minuten kurze Werk «4:44» hat No I.D. gleich die gesamte Produktionsarbeit übernommen – und sich während des Entstehungsprozesses selber neu erfunden. Statt der im Hip-Hop üblichen statischen Beatschlaufen, die sich im Viertaktrhythmus in unendlicher Folge wiederholen und nur ab und zu durch zusätzliche Elemente angereichert werden, hat er den Beats das Sprechen beigebracht. Aus altem Tonmaterial von Nina Simone, Stevie Wonder oder den Fugees hat er Rhythmusgrundlagen zusammengesetzt, die stets mit Jay-Z in Konversation zu ­stehen scheinen und ihn so zum ­Erzählen herausfordern. Die ­ursprünglichen Stücke sind dabei – anders als beim üblichen ­Sampling – kaum mehr erkennbar.

Die gut aufgelegte, leicht ­verfremdete Stimme von Stevie Wonder eröffnet mit den Worten «good morn’ or evening, friends» den Track «Smile». Die Stimme wird allmählich zu einem dumpfen, mehrstimmigen Begleitchor, der Jay-Z gemeinsam mit einem zischelnden Beat dazu verführt, vom Schicksal seiner Mutter zu erzählen, die vier Kinder gebar, aber eigentlich auf Frauen steht.

Beichte eines Seitensprungs an Ehefrau Beyoncé

«4:44» – steht für die Uhrzeit, in der Milliardär Jay-Z eines Nachts mit schlechtem Gewissen aufwachte. Ausserdem wurde Jay-Z am 4. Dezember geboren, seine Ehefrau Beyoncé am 4. September, geheiratet haben die beiden am 4. April 2008. Jay-Z widmet sein neues Werk denn auch Beyoncé.

Im Titelstück «I’m letting you down every day» («Ich enttäusche dich jeden Tag») – gesungen von einer Soulstimme – entschuldigt sich Jay-Z bei seiner Ehefrau Beyoncé Knowles für seine Untreue. So etwas hat es in so kunstvoller und schonungs­loser Form noch nicht gegeben. Dank seines findigen Produzenten beweist sich Jay-Z endlich wieder als findiger Texter. Dass die Beats zuweilen zu nervös und plärrig sind, mag man dem Duo No I-D. und Jay-Z verzeihen. Wie gross der Einfluss von Jay-Z auf andere Musiker ist, ­zeigen die Reaktionen anderer Künstler. Rapper Kendrick Lamar schrieb auf Twitter schlicht: «Wow, grosser Lehrer.» Hip-Hopper Drake ist von «4:44» offenbar begeistert, dass er ­während eines Nachtessens in einem Restaurant die Kellnerin gebeten haben soll, «4:44» laut zu spielen.

Jay-Z: «4:44», ab 7.7. im Handel

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