HIP-HOP: Marteria: «Musik muss ein bisschen knallen»

Auf seinem neuen Album «Roswell» plädiert Marteria für mehr Menschlichkeit. Der deutsche Rapper ist der Überzeugung, dass Musik Haltung braucht.

Steffen Rüth
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«Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als andere Länder kennen zu lernen», sagt Marteria (34). (Bild: Paul Ripke)

«Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als andere Länder kennen zu lernen», sagt Marteria (34). (Bild: Paul Ripke)

Steffen Rüth

kultur@luzernerzeitung.ch

«Ich bin ein sehr neugieriger Mensch», sagt Marten Laciny alias Marteria, «und ich versuche, diese Neugier in meiner Musik zu transportieren.» Also sauge er Impressionen auf, die er dann in seinen Liedern verwerte. «Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als andere Länder, andere Sprachen, andere Kulturen kennen zu lernen», sagt Marten. Oder gleich andere Galaxien. Inhaltlich und visuell ist «Roswell» von jenem Ort namens «Area 51» in der Wüste New Mexicos inspiriert, an dem die USA angeblich seit 1947 ein abgestürztes Ufo verstecken.

Logisch, dass engstirnige, intolerante, mit Scheuklappen durchs Leben schlurfende Menschen dem 34-jährigen Rostocker, der bereits frühe Karrieren als Beinahe-Fussballprofi bei Hansa Rostock und als Model in New York hinter sich hatte, bevor die Leidenschaft fürs Musikmachen überhandnahm, nichts abgewinnen können. In «Aliens», der ersten Single aus «Roswell» rappt er darüber, wie allein er sich oft fühle, wenn er mit seinen Ansichten, menschenfreundlich zu sein und politische Rattenfänger zu bekämpfen, durch die Strassen gehe. «Es geht mir nicht darum, die harte Politkeule zu schwingen, ich beobachte lieber und mache mir Gedanken. Manchmal hast du Angst, du stehst alleine mit deinen Werten da, aber wenn du genau hinguckst, dann siehst du, wie viele Menschen sie teilen.» Welche Werte das sind, verrät er im Stück «Links» mit der Zeile «Wenn du nicht mehr weisst, wohin, dann geh links». «Meine Mutter hat mich schon als kleines Kind mitgenommen auf Friedensdemos, die Welt ist einfach besser, wenn die Menschen sich verbinden, anstatt einander auszugrenzen. Aber die Hauptsache ist: nicht rechts.» Musik, so Marterias tiefe Überzeugung, brauche Message. «Musik darf nicht seicht und ecken- und kantenlos sein. Es muss ein bisschen knallen.»

«Originale sterben langsam aus»

Und auf «Roswell», das wieder von Marterias Stammproduzententrio The Krauts produziert wurde, knallt es ganz gehörig. Martens Texte sind clever, witzig, tiefsinnig und poetisch, die Stücke haben Tiefe und bisweilen auch mächtig hymnische Energie. Zum Album hat Laciny auch einen Film gedreht.

«Ich mache Musik, die Spass bringt, zu der man tanzen, schreien, feiern und durchdrehen kann», so Marteria. Seine Einflüsse auf Nummern wie «Das Geld muss weg», «Scotty beam mich hoch» oder «Sykline mit zwei Türmen» («in New York wohnte ich direkt neben dem Trump Tower») seien nicht nur amerikanische Rapper, sondern vor allem «andere Aliens. Künstler, die ich sehr verehre, wie Udo Lindenberg, David Bowie oder Björk.» In der Musik sei es wie im Fussball, so Marteria. «Echte Originale wie ein Mario Basler, die sterben langsam aus. Da muss man gegenhalten.» Er tut, was er kann.

Wie vor jeder neuen Albumproduktion packte Marten Laciny seine geliebte Angel ein und ging auf grosse Reise, Zweck: ausspannen und neue Eindrücke aufsammeln. Er war unter anderem auf den Seychellen, auf Jamaika, auf Curaçao, in Uganda und Angola, «einem Geheimtipp in der Angelszene». «Ich hatte davor jahrelang durchgeackert, und es war schön, eine Pause zu haben. Allerdings bin ich nicht der Typ, der die Beine hochlegt, nur am Strand zu sein, ist langweilig.»

Das Angeln sei für Marteria auch zum Teil Ersatz für seine früheren Ausgehexzesse. Seit er vor zwei Jahren mit akutem Nierenversagen im Krankenhaus landete, trinkt er keinen Alkohol mehr und lässt die Drogen weg, im Song «Tauchstation» erzählt er von dieser einschneidenden Erfahrung.

«Ich war weder Junkie noch Alkoholiker, aber ich war gefangen in meiner Sucht nach der Nacht. Dass die Nieren streikten und wieder ansprangen, habe ich als letzte Warnung meines Körpers verstanden.» Inzwischen ist Laciny von Berlin raus aufs Land gezogen, der Rostocker wohnt jetzt direkt an der Ostsee. «Ich kann angeln und habe eine kleine Farm», sagt er nur. «Mein Leben ist schön.»

Hinweis

Marteria: Roswell (Four Music/Sony). Live: 6. Juli Open Air Frauenfeld, 15. Juli Gurtenfestival