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HIP-HOP: Rapper Tinguely dä Chnächt: Gestern ironisch, heute melancholisch

Der Zürcher Rapper Tinguely dä Chnächt (41) gilt als gleichermassen talentiert wie schwierig. Jetzt hat er endlich sein drittes Soloalbum «Calvados» veröffentlicht.
Viel unterwegs auf Partytour, talentiert, aber schwierig: Tinguely de Chnächt aus Zürich. (Bild: PD)

Viel unterwegs auf Partytour, talentiert, aber schwierig: Tinguely de Chnächt aus Zürich. (Bild: PD)

Es wird in diesem Jahr keine schönere Liebeserklärung in einem Schweizer Rapsong geben, als sie Tinguely dä Chnächt in «Einä» macht. Er beschreibt sich darin torkelnd und orientierungslos im Nachtleben, gefangen zwischen Zerbrechen und Erbrechen und ganz generell nahe am Kaputtgehen. Das Erfreuliche daran: Es ist hörbar ein Rückblick in die Vergangenheit. Und dann kommt sie, die Liebeserklärung: «Dezwüschä liet einä, ein einzigä Mönsch. Dezwüschä liesch du», rappt Tinguely über jenen Menschen, der ihn aus diesem Trott aus Ausgang und ungeregelter Arbeit geführt hat.

Und wer in den letzten Jahren mal viel zu spät durch die Zürcher Langstrasse gestolpert ist, ist vielleicht tatsächlich über Tinguely dä Chnächt gestolpert. Mit seinem markanten Bart und der brummligen Stimme gehörte er irgendwie zum Inventar der Stadt. Natürlich auch, weil er ein grossartiger Rapper ist. Als Solokünstler oder mit den Formationen SLM52 und Temple of Speed (da kommt wohl bald was Neues) veröffentlichte er wichtige Platten – auf Bühnen sah man ihn leider viel zu selten. Tinguely gilt etwa gleichermassen als talentiert wie schwierig.

Eine beeindruckende Kraft

Wohl auch dank diesem «einä» Mensch ist jetzt «Calvados» erschienen. Benannt nach der Bar, über der Tinguely gewohnt hat – was selten ein gutes Vorzeichen für einen gesunden Lebenswandel ist. Der Blick auf die Welt ist dunkler geworden. Im Einstiegssong erzählt er über die Gentrifizierung in seinem Viertel. «Es git kein Stripschuppe meh, es git ke Tänzer meh ade Stange. Es git en Hip Club no meh, ez leisch e Zwänzger he für en Stange.» Das hat Tinguely schon mal gerappt. 2012 im grossartigen «Züri» (zusammen mit Skor und E.K.R). Damals klang es beschwingt ironisch, heute ist das Tempo runtergebremst, und die Zeilen wirken melancholisch.

Und genau in solchen Momenten entwickelt die Platte eine beeindruckende Kraft. Dort, wo die Fassade der Wortspiele fällt und man den Menschen spürt. Dann kann «Calvados» sogar richtig traurig werden. Die sparsam arrangierte Soundlandschaft von Produzent Chocolococolo trägt das Ihrige zu dieser intensiven Stimmung bei.

«Bsoffe für alles»

Tinguely kann aber auch anders: In «Backstage und WC» rechnet er wortgewaltig mit dem drogenverseuchten (Zürcher) Nacht­leben ab. Es wird gerupft, geschnupft und auch getrunken, bis man «bsoffe für alles» ist. Am Schluss irrlichtert ein Gitarrenriff ins Nichts. Das steckt derart voller Wortspiele, dass es eine gewisse Grundnüchternheit erfordert, um alles zu verstehen. Gleichzeitig entwickelt der Song einen Sog, dass wohl selbst in kokaingefüllten Clubs dazu getanzt werden wird.

Sowieso: Noch immer stecken Tinguelys Texte voller ironischer Momente, auch ein bisschen pubertärer Witz und eine gute Portion Schalk haben Platz. Der 41-Jährige hat vielleicht seine ganz wilden Zeiten hinter sich gelassen – mittlerweile sei sein Lebenswandel etwas steter geworden, aber die kindliche Freude ist ihm nicht abhandengekommen. Viel wichtiger ist aber seine Gabe als genauer Beobachter und wie er seine Erlebnisse in Verse giesst. Da hört man immer wieder den Sprachnerd raus, der gerne mit dem Klang und der Doppeldeutigkeit von Worten spielt und dabei einen ausgezeichneten Flow hat.

«Und de Chäller schwitzt no Lüt vo dunde vüre, tropft Lüt is Licht met grosse Auge ond Sunnebrülle», rappt er in «Häsch scho», das für seine Verhältnisse fast schon poppig daherkommt. In rascher Abfolge erzählt er da von Stationen aus dem Leben, und zurück bleibt immer die Frage: «Häsch scho? Bisch scho? Wotsch no?»

Die ständige Angst, etwas zu verpassen, wenn man irgendwas auslässt. Auch das ist Tinguely. Selbst wenn er wirkt, als stünde er lässig über den Dingen, ist er wohl doch ein Getriebener, der oft genug mit sich selbst hadert. Er beschimpft auch mal einen Jogger, der sich mit Thermosflasche in der Hand am Dehnen ist, als «so scheiss diszipliniert». Wer so etwas sagt, kritisiert in Tat und Wahrheit ja vor allem die eigene Undiszipliniertheit.

Zehn kleine Scheinwerfer

«Calvados» ist eine starke Platte, zwar ist nicht alles durchgehend grossartig, aber oft mindestens sehr gut. Die zehn Songs sind wie kleine Scheinwerfer auf Stellen aus Tinguelys Leben (oder zumindest aus seinem Dunstkreis). Die spannenden Momente sind dann, wenn die dunkleren Ecken ausgeleuchtet werden. Wenn es in «Bänkli» ums Sterben geht oder in «Dihäi» um die Vergangenheit und deren Auswirkungen auf das Heute.

Und natürlich das eingangs erwähnte «Einä». Dieser schleppende Groover ist ein bewegendes Stück Schweizer Musik. Und ein sehr tröstliches. Es braucht nicht viel, um nach den schwärzesten Momenten wieder hochzukommen.

Ein einziger Mensch reicht da manchmal schon.

Michael Graber

Hinweis

Tinguely dä Chnächt: Calvados (Bakara/Godbrain)

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