HOCHDORF: Zwillinge kreisen nebeneinander

Mit der raumgreifenden Installation «Zwei Kreisel» bespielt Roland Heini den ausladenden Kunstraum Hermann. In der physikalischen Spielerei gehen Technik und Ästhetik eine geglückte Symbiose ein.

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Roland Heinis rotierende Kreisel im Kunstraum Hermann haben einen Durchmesser von je 5,6 Metern. (Bild: PD)

Roland Heinis rotierende Kreisel im Kunstraum Hermann haben einen Durchmesser von je 5,6 Metern. (Bild: PD)

In schiefem Winkel rotieren zwei gegenübergestellte rapsgelbe, an Boden und Decke montierte Kreisel in bedächtigem Tempo. Trotz ihrer monumentalen Masse – der Kreiseldurchmesser beträgt jeweils 5,6 Meter – bestechen die raffinierten Zwillingsinstallationen durch Leichtigkeit und schlichte Form.

Je ein Drahtseil mit Ringmutter an beiden Enden verbindet die oberen Pole der Kreisel mit der Decke, während an den unteren Polen eine drehbare Knotenkette aus robusten Stahlelementen befestigt ist, die in einer Holzverschalung auf dem Boden mündet.

Schleppender Pirouettentanz

Unter der Verschalung befindet sich quasi das Herz eines Kreisels: ein durch unterirdische Stromzufuhr angetriebener Disco­kugelmotor bewirkt die kontinuierliche Rotation des Zirkels um die eigene Achse. Gegenläufig und ungleichmässig kreisend, führen Heinis Zwillinge einen schleppenden Pirouettentanz aus, dessen Rotationsgeschwindigkeit jeweils der mechanischen Eigendynamik der an den Polen befestigten Kettenglieder gehorcht.

Sowohl hinsichtlich Konzept als auch in der Ausführung der beiden Kreisel manifestiert sich die technische Versiertheit Heinis. Dieser Umgang mit Entwurf und Material findet in der Näharbeit des Stoffes für die Kreisel sein Pendant: Die gelernte Schneiderin Rita Kuster hat den Entwurf des Künstlers in Bühnenmolton ausgeführt. Die Qualitäten dieses filzartigen Stoffes liegen einerseits in seiner Absorbierung von Licht und Schall sowie andererseits in seiner Leichtigkeit und Trübung. Aufgrund letzterer Qualität bringt der gelbe Stoff das subkutane Gerüst des Kreisels fast ganz zum Verschwinden: Weder sind von aussen die gebogenen Kunststoffrohre, dem die beiden Exponate ihre Rundungen verleihen, noch die das Konstrukt stabilisierenden verstrebten Holzsegmente sichtbar. Dagegen ermöglicht der Reissverschluss im Stoff wie eine frische Narbe im menschlichen Fleisch einen potenziellen Zugang in das anatomische Innere des Kreisels.

Raum und Zeit spielerisch kombiniert

Die vor Ort entstandene Doppelinstallation Heinis gemahnt nicht nur an megalomane Spielzeugkreisel, sondern von oben auch an eine Blache zur Überdachung eines Gartensitzplatzes. Trotz den damit verbundenen Konnotationen der beiden Arbeiten als funktionale Gegenstände, liegt Heinis Intention weniger in der Praktikabilität seiner Kunst als vielmehr in der Lust am Experiment mit physikalischen Gesetzmässigkeiten und dem Ausloten der Ausdehnung von Raum und Temporalität durch Monumentalität und Bewegung.

Während sich der 1960 geborene Heini in seiner bisherigen Arbeit mit Bewegung vornehmlich thematisch beschäftigt hat, etwa mit der Bahn von Planeten oder Flugbahnen, dehnt er seinen Radius in «Zwei Kreisel» um das Moment von Drehung aus: Mit der Installation beweist er, dass er die Dimensionen von Raum und Zeit auf spielerische Weise kombinieren kann. Die Stasis von Objekten aufgebend, gewinnen die Exponate durch ihren geregelten Bewegungsablauf im Kreis nicht nur einen performativen Gehalt, sondern auch Bühnenpräsenz: Werden die Kreisel so zu an Stahlketten gefesselten Tänzern, mutiert der Betrachter seinerseits zum gebannten Zuschauer einer Aufführung, die so lange andauert, wie Elektrizität durch das Herz des Kreisels gepumpt wird.

Tiziana Bonetti

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Zwei Kreisel». Kunstraum Hermann, Lavendelweg 8, Hochdorf. Noch bis 25. Juni.

www.kunstraum-hermann.ch