Neubad Luzern: Hochemotionale Liebesdramen für Augen und Ohren

Das Alte-Musik-Ensemble Tourterelles aus Basel bot mit alter und neuer Musik und Tanz ein berückendes Gesamtkunstwerk im Neubad.

Gerda Neunhoeffer
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Das Alte-Musik-Ensemble Tourterelles aus Basel spielte im Neubad.

Das Alte-Musik-Ensemble Tourterelles aus Basel spielte im Neubad.

Bild: PD

Tiefes Eintauchen in längst vergangene Welten der Poesie und Musik wurde am Freitagabend in «Les Amours – Liebe in fünf Bildern» so konkret wie faszinierend. Das Blockflötenconsort Tourterelles (Turteltauben) verband Gedichte und Klänge aus dem 16. Jahrhundert mit neuen Kompositionen und modernem Tanz zu einem Gesamtkunstwerk von ergreifender Intensität.

Den idealen Rahmen für diese Performance bot am Freitagabend das Neubad Luzern: Mit den kahlen weissen Fliesen an Wand und Boden und den schwarzen Streifen dazwischen liess es Raum für all die Bewegungen und Töne, die sich wie Wellen ausbreiteten. Nur ein Stuhl und davor eine grosse Trommel, dazu ein Zarb (auch Tombak, eine hölzerne Bechertrommel) und ein Tambourin, sonst leere Fläche.

Gefühle, die im Lauf eines Lebens vorkommen

Still setzte sich der israelische Perkussionist und Komponist Oded Geizhals auf den Stuhl, dann betrat die Tänzerin Netta Weiser, ebenfalls aus Israel, den ehemaligen Hallenbadboden. Zunächst eckig wie ein Roboter begann sie sich zu leisen Trommelschlägen zu bewegen, futuristisch, fremd, suchend.

Lautlos kamen die Musikerinnen in den kahlen Raum, formierten sich in der Mitte und spielten auf ihren Renaissanceblockflöten «Faites vous bien» von Pierre Certon (1515-1572). Dazu rezitierte Amir Tiroshi mit wohltönend tragender Stimme das erste Gedicht von Pierre de Ronsard (1524-1585). Und aus dieser ersten, schon schmerzhaften Liebe entwickelten sich in fünf Gedichten verschiedenste Gefühle, die im Lauf eines Lebens vorkommen können.

Die poetischen Texte des Dichters, auf Französisch rezitiert, wurden feinfühlig von Musik und Bewegungen aufgenommen. Es passte wunderbar zu den Szenen, dass sich alle sechs Mitwirkenden durch den Raum bewegten. Mal schreitend, mal sich drehend, dann leichtfüssig hüpfend, sich in geometrische Figuren formend. Alles wurde auswendig gespielt, mit reinen Tönen, die sich polyphon um einander drehten oder in archaischen Harmonien vereinten.

Eine Musik wie aus der Zukunft

Mira Gloor, Amir Tiroshi, Lena Tschinderle und Hojin Kwon haben sich 2014 in Basel zum Consort Tourterelles zusammengefunden. Sie kommen aus der Schweiz, Österreich, Südkorea und Israel und studierten unter anderem an der Schola Cantorum Basiliensis. Direkt in Ronsards Text «Das Lachen, das wie Bienenhonig schmeckt, die Zähne, die wie Silbermauern stehen…» fügte sich eine mehrsätzige Tanzsuite ein, die Oded Geizhals ganz in der Tradition der Renaissance gesetzt hat.

Da tanzten alle wie schwebend zu den feinen Flötenklängen und leisem Tambourin, so virtuos wie wohltönend. Aber nach «Verräterischer Amor! Lass mich los. Oder richt strenger mich, übler Despot!» flirrten neue Töne aus verschiedenen Richtungen.

Die 2018 von Geizhals komponierte Musik kam wie aus der Zukunft, sie verwirrte mit langgezogen klagenden Trillern, mit kurzen, fremden Vogelrufen, mit rhythmischen Wirbeln und abbrechenden Rufen. Dazu formte Netta Weiser die Töne mit ihrem sich in alle Richtungen windenden Körper, fliessend, weich, wie direkt aus den Klängen entstehend.

Es war der Höhepunkt der gesamten Performance, welche danach in der Musik von Nicolas Gombert (1495-1560) und dem letzten Gedicht «Wirst du im Alter einst bei Kerzenschimmer lesen, am Feuer sitzend, runzlig und gebückt» zur Ruhe kam, sich sozusagen in einem Kreis schloss und mit sanften Tönen zu ihrem Anfang zurückkehrte.

Die «Minidramen» waren hochemotional, so stimmungsvoll und eindrücklich ausgeführt, dass es nach dem letzten verklingenden Ton noch lange still blieb. Diese besondere Verbindung von alter und neuer Musik mit modernem Tanz hätte wesentlich mehr Besucher verdient gehabt.