HOFORGEL: «Die Orgel tost, kracht und donnert»

Die Hofkirche ­Luzern wurde im 19. Jahrhundert zur Touristenattraktion: dank der Orgelgewitter, die bis heute ein Herzstück des Orgelsommers geblieben sind.

Gregor Roos
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Hoforganist Wolfgang Sieber zeigt während der Führung zum Orgelgewitter die Regenmaschine auf dem Dachboden der Hofkirche. (Bild Pius Amrein)

Hoforganist Wolfgang Sieber zeigt während der Führung zum Orgelgewitter die Regenmaschine auf dem Dachboden der Hofkirche. (Bild Pius Amrein)

Gregor Roos

Ein Markenzeichen des Orgelsommers in der Hofkirche Luzern, der am Dienstag die Reihe der Solokonzerte startete, sind die Orgelgewitter: An jedem Konzert-Dienstag wird um 12.15 Uhr die grosse Hoforgel mit einem ihrer legendären Orgelgewitter präsentiert. Die Regenmaschine von 1862, die dabei zum Einsatz kommt, ist die einzige noch erhaltene auf der ganzen Welt.

Weniger bekannt ist die Tradition, der sich diese Spezialität verdankt. Denn Vorgänger solcher musikalischer Gewitterszenen finden sich bei Franz Liszt, Gioacchino Rossini und Justin Heinrich Knecht. Und viele Schweizer Organisten spielen noch heute in ihren Stadtkirchen Orgelgewitter. Die Gattung «Orage» gehörte gar zu den bevorzugten Konzertstücken der Romantik, die das bereits im Barock beliebte Sturmmotiv weiter psychologisierte. Auch frühere Organisten an der Hofkirche Luzern wie Franz Josef Breitenbach und Friedrich Raas wussten um die Bedeutung und Wirkung dieser Gewitterstürme auf die Zuhörer.

Erste Schweizer Gewitterszene

In der Schweiz wurde die Gewitterszene erstmals von Franz Liszt im Notturno musikalisch gestaltet. Gioacchino Rossini hat im «Wilhelm Tell» (1829) Sturm und Kuhreihen auf die Oper übertragen. Schon in der Ouvertüre sind Gewitter und Herdenreihen programmatisch vorweggenommen. Der Sturm auf dem See, Tells Sprung auf die Platte und der Gesslermord ereignen sich alle während eines Gewittersturmes.

Für brillante Klavierstücke, in denen der Virtuose die Oktaven donnern lassen kann, nutzten die Sturmmetapher romantische Komponisten. Wieder ist Liszt zu nennen mit seinem Orage in den «Années de pèlerinage», in denen er seine Schweizer Reise mit der Gräfin Marie d’Agoult von 1835 musikalisch verarbeitet. In seinem Zyklus komponierte er in den Jahren 1848 bis 1854 Stücke wie die «Wilhelm-Tell-Kapelle», «Orage» (der Sturm), Hirtengesang und Heimweh.

Heimweh mitten im Sturm

Aber schon 1794 hatte der deutsche Orgelvirtuose, Komponist und Musikpädagoge Justin Heinrich Knecht (1752– 1817) eine Orgelsonate geschrieben mit dem programmatischen Titel: «Die durch ein Donnerwetter unterbrochene Hirtenwonne». Diese wurde für Schweizer Organisten zum Vorbild, zuerst in Fribourg, dann in Luzern, Bern, Winterthur und Lausanne. Ausgesprochen schweizerisch ist die Verbindung des Gewitters mit einem Lied. Im Freiburger Orgelgewitter ist es der bekannte Kuhreihen aus dem Greyerzerland, der «Ranz des vaches, Lioba». Der Komponist dieser Gewitterfantasie war Jacques Vogt, von 1834 bis 1869 Organist an der Lausanner Kathedrale St. Nikolaus. Das Orgelgewitter auf der berühmten Moser Orgel, berühmt wegen der zauberhaften Vox Humana, wurde bald zur touristischen Attraktion. Auch Franz Liszt und George Sand bekamen es bei einem Besuch zu hören.

Als Franz Josef Breitenbach 1889 in Luzern in der Hofkirche Organist wurde, komponierte er in Anlehnung an Fribourg eine «Fantaisie pastorale sur des Motifs et Chançons suisses et orage dans les Alpes» sowie das «Orgelgewitter op. 15». Er verwendete darin ein Motiv aus Liszts «Mal du Pais» (Heimweh).

«Die lauteste Orgel Europas»

Als der Orgelbauer Friedrich Haas 1862 die 1648 erbaute Orgel der Hofkirche Luzern erweiterte, bewegte er sich damit ganz auf der Höhe seiner Zeit. Eine Besonderheit der grossen Hoforgel ist dabei das Fernwerk im Dachboden der Stiftskirche mit der Echowirkung bei den Alphornrufen und eben die von Haas eingebaute Regenmaschine: Durch fortwährendes Nachrutschen und Herunterfallen von Metallkugeln in eine rotierende Trommel entsteht ein Geräusch, welches das Rieseln des Regens nachahmt, so täuschend echt, dass erzählt wurde, dass englische Damen seinerzeit beim Zuhören des Orgelregens ihren Schirm öffneten.

Diese weltberühmten Hoforgelkonzerte besuchten und lobten gekrönte Häupter wie Kaiser Karl und bedeutende Musiker wie Cosima und Siegfried Wagner oder Arthur Nikisch. Felix Mendelssohn und Anton Bruckner haben sogar an der Grossen Hoforgel gespielt.

Auch Mark Twain war beim Konzertbesuch beeindruckt. «Die Hofkirche ist wegen ihrer Orgelkonzerte berühmt. Den ganzen Sommer lang strömen die Touristen gegen sechs Uhr abends in die Kirche, bezahlen ihren Franken und lauschen der Hoforgel», schreibt er in seiner «Schweizerreise»: «Die tost und kracht und donnert dahin und tut, was sie nur kann, um zu beweisen, dass sie die grösste und lauteste Orgel Europas ist. Und der Organist lässt immer wieder eine neue Lawine los.»

Hinweis

Weitere Konzerte des Orgelsommers in der Hof­kirche jeden Dienstag bis 15. September: Gewitterkonzerte auf der Empore mit Orgel­führung, 12.15 Uhr; Abendkonzerte 20.00; www.hoforgel-luzern.ch

Nach der Franziskaner- und der Matthäuskirche ist die Hoforgel die letzte Station des zweiten Luzerner Orgelspaziergangs am Samstag, 15. August (18/19/20 Uhr).

Vorgeschmack aufs «Orgelkino»

mat. Am Dienstag startete der Orgelsommer in der Hofkirche später als üblich mit dem ersten Solo-Konzert. Hausorganist Wolfgang Sieber erklärte wieso: wegen der Vorbereitungen für den Einbau der letzten, sorgfältig eingelagerten historischen Pfeifenbestände, die in einem zusätzlichen Fernwerk zusammengefasst werden. Damit wird die Restauration der Orgel abgeschlossen sein und am 30. Oktober im Rahmen eines Orgelfestivals eingeweiht.

Abgesehen vom Orgelgewitter, das Sieber an jedem Konzertdienstag mit einer Führung auf den Dachboden zur Regenmaschine verbindet, darf er dieses Jahr streng genommen nicht auftreten. Denn das Programm präsentiert Mönche als Organisten. Wer davon asketische Meditationsmusik erwartet, konnte sich am Dienstag eines Besseren belehren lassen. Pater Dominikus Trautner aus der deutschen Abtei Münsterschwand kleidete selbst zwei Bach-Zwischenspiele in ein verführerisch-romantisches Klanggewand und steigerte Toccaten von Joseph Jongen und Marcel Paponaud hinreissend zu rauschenden Klangfesten. Höhepunkte waren aber jene Stücke, in denen er die unendliche Palette an Farben, die das Instrument mit seinen 6000 Orgelpfeifen bietet, pointiert kontrastierte.

Surround-Sound

Die Paganini-Variationen von Bryan Hesford überraschten nach einem mystisch zarten Flötendialog, schnarrenden Bässen und pulsierenden Schwebeklängen mit einem Glockenspiel, das zum Anfassen plastisch mitten im Raum erklang. Auf die Spitze getrieben wurde die räumliche Staffelung des Klangs im Andante aus Widors Orgelsinfonie. Dieses nahm die Vision vorweg, die Sieber mit dem neuen Echowerk verbindet: jene eines Surround-Klangs, der von oben, von vorn und von hinten kommt und bei dem die – am Dienstag zahlreichen – Zuhörer mittendrin sitzen. Auch die weiteren Konzerte dieses Orgelsommers dürften einen Eindruck dieses «Orgelkinos» (Sieber) geben, zumal die Videoübertragung auf Leinwand die Organisten auch optisch nahe bringt.