HOLLYWOOD: «Stars sind heute weniger wichtig»

Die Oscar- Verleihung heute Nacht ist Teil einer «säkularen Religion»: Die Kulturwissenschafterin Elisabeth Bronfen über Hollywoods jüdische Wurzeln und den sich wandelnden Starkult.

Interview Rolf App
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Statuen-Glamour vor dem Dolby Theatre in Hollywood: Vorbereitungen für die 88. Oscar-Verleihung in der Nacht auf Morgen. (Bild EPA/Paul Buck)

Statuen-Glamour vor dem Dolby Theatre in Hollywood: Vorbereitungen für die 88. Oscar-Verleihung in der Nacht auf Morgen. (Bild EPA/Paul Buck)

Elisabeth Bronfen, als Universitätsprofessorin wurden Sie bekannt für Ihre Beiträge zu Literatur. Wieso beschäftigt Sie heute das Kino so intensiv?

Elisabeth Bronfen (Bild): Neben der Lite­ratur und dem Klavierspielen waren Filme für mein Erwachsenwerden wichtig und haben meine Fantasie geprägt. Auf diesem Weg habe ich mir moralisches und historisches Wissen angeeignet. Und das Gespür für Szenen, für Farben, für Emotionen. Später habe ich erkannt, dass man vor allem am Hollywood-Mainstream-Kino erkennen kann, was die Menschen beschäftigt. Angst und Glück sind die Extreme, die das Kino bedient.

Gilt das auch für Sie persönlich?

Bronfen: Ich habe gerade den köstlichen Film «Hail, Caesar!» der Brüder Coen gesehen. Das hat mir bewusst gemacht, dass Kino auch eine Form von Autobiografie darstellt. Es ist ein Weg, darüber nachzudenken, woher ich komme, wie ich mich entwickelt habe.

In Hollywood, wo solche Filme produziert werden, werden in der Nacht auf morgen die Oscars vergeben. Was ist das für ein Ort?

Bronfen: Hollywood liegt als Teil von Los Angeles am Ende des amerikanischen Kontinents. Der Duft von Zitrusfrüchten liegt in der Luft, es gibt ein besonderes Licht. Man kann verstehen, warum die Gegend für viele Emigranten zum Anziehungspunkt wurde, zu einer Art Paradies. Was nicht mit dem heutigen, teils schmuddeligen Hollywood zu vergleichen ist.

Die Emigranten, die Hollywood nach 1900 geschaffen haben, waren Juden aus Mitteleuropa. Wie haben sie die Entwicklung des Films geprägt?

Bronfen: Dass sie Juden waren, haben diese Pioniere tunlich für sich behalten. Bis in die Fünfzigerjahre grassierte in den USA ein starker Antisemitismus. Der Schriftsteller Philip Roth berichtet von Bars, die Juden, Schwarzen und Hunden den Zutritt verweigert hätten. Beverly Hills, wo heute viele Stars wohnen, ist entstanden, weil man Juden im schicken Teil von Los Angeles nicht haben wollte.

Das Judentum wurde also verdrängt. Ist es trotzdem zu spüren?

Bronfen: Gewiss. Auf chiffrierte Art fliessen jüdisches Denken und jüdische Lebenskultur in den amerikanischen Film ein und verbinden sich mit uramerikanischen kulturellen Werten. Die Emigranten waren arm, sie wollten sich assimilieren – und fanden gerade deswegen eine gemeinsame Sprache für das ganze Land. So hat sich jüdisches Denken in die Dialoge, die Bilder, die Geschichten eingeschrieben.

Wie hat Hollywood es geschafft, zum globalen Filmzentrum zu werden?

Bronfen: Zynisch – und nicht ganz zutreffend – könnte man sagen, dass viel Geld dahintersteckt. Eine riesige Werbemaschinerie begleitet jeden Blockbuster. Dennoch erscheint mir etwas anderes wesentlicher: Hollywood erzählt Geschichten, das macht es so attraktiv für ein breites Publikum rund um den Erdball.

Was für Geschichten sind das?

Bronfen: Es handelt sich um einfache Geschichten, an deren Ende immer eine Art von Sinnstiftung steht. Wer sich diese Filme anschaut, wird unterhalten und erwirbt zugleich eine gewisse moralische Bildung. Ausserdem produziert Hollywood jenen Glamour, von dem eine gewisse Magie ausgeht. Ich spreche deshalb auch von einer säkularen Religion. Ausserdem ist Hollywood ehrlich.

Wie meinen Sie das?

Bronfen: Hollywood erklärt uns: Wir sind Täuschung. Wir sind auch nicht tiefsinnig – obwohl es tiefsinniger ist, als es zugibt. Seine Filme fokussieren auf Figuren, mit denen man sich identifizieren kann. Es pflegt einen Stil, der zugleich wandelbar und in einer Entwicklung verankert ist. Auf diese Wurzeln bezieht sich ein Film wie «The Hateful Eight» von Quentin Tarantino, in dem achtzig Jahre Western mitschwingen. So etwas funktioniert wie in der klassischen Malerei. Gemälde aus dem 17. Jahrhundert beziehen sich auf 300 Jahre Malereigeschichte. Bestimmte Filme tun etwas Ähnliches.

Sie haben sich mit Hollywood-Kriegsfilmen befasst. Wie hat sich die Darstellung von Gewalt verändert?

Bronfen: Bis 1960 herrschte eine Art Selbstzensur, manches wurde nur indirekt angesprochen. So ging es mit Erotik und Sex, so ging es mit der Gewalt, die höchstens verbalisiert wurde. Später durfte man sie zeigen, und da nutzte und nutzt Hollywood das Arsenal seiner Möglichkeiten aus. Bis heute zeigt ein Regisseur im Kriegskino, wozu er technisch in der Lage ist. Das kann in Extremfällen, etwa in Quentin Tarantinos «Inglorious Basterds», auch ins Parodistische kippen.

Jenseits der Kriegsfilme: Was macht der Mensch, wenn er im Kino sitzt?

Bronfen: Das hängt von der Gattung ab. Beim Biopic kann er Geschichtswissen erwerben. Liebeskomödien, Melodramen und Musicals eignen sich für persönliche Projektionen: Ich denke mich in die Lebenswelt eines anderen hinein. Allerdings glaube ich, dass viele Filme auf mehreren Ebenen funktionieren, dass ihre Wirkung also nicht so einfach zu beschreiben ist.

Mit dem Film treten auch die ersten Stars ins Rampenlicht. Wie hat sich dieses Phänomen verändert?

Bronfen: Die Stars von heute geben den Halbgottstatus früherer Zeiten auf. Damit schwindet ihr Zauber und auch ihre Langlebigkeit. Die Stars von früher wurden von den Studios aufgebaut, sie waren glamouröse, perfekte Wesen. Heute reden sie mit. Mehr noch: Sie produzieren mit und überlassen nichts dem Zufall. Das macht sie gewöhnlicher.

Trotzdem sind Stars heute permanent präsent. Ist der Star wichtiger geworden für die Menschen?

Bronfen: Nein, eher im Gegenteil. Denn heute will ja fast jeder selber ein Star sein. Was sich verändert hat, das sind die Medienmechanismen, es ist das Tempo. So sind die Stars viel präsenter, aber auf der andern Seite weniger wichtig.

Letzte Frage: Wo hat Hollywood versagt?

Bronfen: Was mir am Hollywood von heute nicht gefällt, das ist dieses Wetten auf extrem teure Produktionen, die keine interessanten Geschichten mehr erzählen. Man setzt auf das, was man technisch machen kann. Das ist eine Fehlentwicklung. Man merkt das daran, dass die ganze Kreativität ins Fernsehen abgewandert ist.

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Hinweis

Elisabeth Bronfen (57) lehrt englische und amerikanische Literatur an der Universität Zürich und schreibt Bücher über Literatur und Filme («Heimweh: Illusionsspiele in Hollywood»).

Die Oscar-Verleihung wird live übertragen von Pro 7 und ORF 1 (ab 0.45 Uhr bis in den frühen Morgen europäischer Zeit). Auf Pro 7 kann man sich ab 23 Uhr auf die Gala einstimmen.