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HOMMAGE: Kurt Marti – Am Ende bleibt die Liebe

Kurt Marti ist mit 96 Jahren verstorben. Sein erster Mundart-Gedichtband «rosa loui» wurde 1967 zur Sensation. Er war aber auch ein engagierter Theologe.
Charles Linsmayer
Der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti 2001 in seiner Berner Wohnung. (Bild: Alessandro della Valle/Keystone)

Der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti 2001 in seiner Berner Wohnung. (Bild: Alessandro della Valle/Keystone)

Charles Linsmayer
kultur@luzernerzeitung.ch

2010 hat sich Kurt Marti ein letztes Mal zu Wort gemeldet: mit den «Spätsätzen», die drei ­Jahre nach dem Tod seiner Frau Hanni in die für einen Pfarrer frappierende Erkenntnis mündeten: «Ich glaube nicht mehr an das ewige Leben, alles ist verschwunden, es bleibt nur noch die Liebe.» Am Samstag ist der Berner Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti 96-jährig gestorben.

«früelig / hahnefuess und ankeballe / früehlig trybt scho schtyf / liechti rägetröpfli falle / radioaktiv». Marti war seit einem Jahr Pfarrer an der Berner Nydegg­kirche, als er im «Bund» vom 18. Mai 1962 ein Frühlings­gedicht veröffentlichte, das den heimeligen Tonfall schon in der ersten Strophe mit dem Wort «radioaktiv» demontierte und die Dialektlyrik für die politische Diskussion öffnete. Aber nicht nur als Lyriker, auch als Erzähler und Essayist vertrat er von Anfang an eine neuartige, unbeschönigt realistische, formal brillante Schreibweise.

Lebendige Gottesbeziehung statt Dogmatik

Ein «Pfarrer und Poet dazu» war er jedenfalls nicht, der am 31. Januar 1921 in Bern geborene Sohn eines Notars, sondern ein Theologe, der aus dem Innersten seines Umgangs mit Gott und der Kirche zum Schriftsteller wurde. Karl Barth, der, so Marti, alle dogmatischen theologischen Systeme «zu Gunsten einer lebendigen Gotteserkenntnis und Gottesbeziehung aufgebrochen» hat, war nicht umsonst sein Lehrer.

Der entscheidende Impuls, Schriftsteller zu werden, kam aber nicht vom Studium, sondern vom Pfarrberuf her. «Zuerst wollte ich nur Pfarrer sein», erklärte er 1971. «Aber die in der Kirche übliche Sprache ­befriedigte mich je länger, desto weniger. Ich versuchte, für mich eine Sprache zu sprechen, die genauer, ehrlicher, sachlicher sein sollte. Das löste die literarische Aktivität aus.»

Ehrlich, nüchtern und illusionslos

Nimmt man zum innovativen Sprachgebrauch den nüchternen, illusionslosen Blick hinzu, der Marti eigen war, sind die Ingredienzien beisammen, die seine Werke bestimmten: die «Dorfgeschichten» und die «Bürger­lichen Geschichten», die abgelebten Genres zu neuer Kraft verhalfen, die «Leichenreden», die dem Pathos der Bestattungsgottesdienste eine schockierende Offenheit im Umgang mit dem Tod entgegenstellten, die Jour­nale «Zum Beispiel Bern 1972», «Ruhe und Ordnung», «Högerland» und «Tagebuch mit Bäumen», die den kritisch engagierten, aber auch den umwelt­bewussten Zeitgenossen Marti zeigten, der Gedichtband «Abend­land», der Martis neues, die Frau mit einbeziehendes «Unser Vater» enthält, der Diskurs «Die gesellige Gottheit», wo er die Frage stellt: «Wird er wiederkommen? Und wie?/ Vielleicht – nach Ende des Patriarchats – / als messianische Frau? / Oder – jeder Knechtsgestalt ­ledig – als messianisches Paar?»

Kostbares Vermächtnis

Wie sehr Martis Denken und Schreiben angewandte Theologie war, wurde klar, als 2010 die von 1964 bis 2007 in der Zeitschrift «Reformatio» erschienenen «No­tizen und Details» gesammelt vorlagen. 1422 Seiten hat der Band. Und wem die Bibel zu zeitfern ist, wird sich auch künftig an dieses kostbare Vermächtnis Kurt Martis halten können.

Es wird ebenso bleiben und für den grossen Moralisten und Zeitkritiker zeugen wie seine in fünf Bänden gesammelten lyrischen, erzählerischen und essayistischen Werke. Am längsten leuchten wird vielleicht «Zärtlichkeit und Schmerz» von 1979, wo es hiess: «Zärtlichkeit, eine der Töchter Gottes und unbeirrt subjektiv. Wie schwach sie auch sein mag, sie legts darauf an, das männliche Spiel zu beschämen, zu verwirren, damit wir uns vielleicht und endlich entschliessen, es abzubrechen und ein anderes, besseres zu beginnen.»

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