HOMMAGE: Max Reger – der Fugenfanatiker entpuppt sich als Melodiker

Ein Fazit zum Abschluss des Jubiläumsjahrs Max Regers: Der Organist Olivier Eisenmann gab ein Plädoyer für den vor 100 Jahren verstorbenen Komponisten, der einst so hoch im Kurs stand wie Richard Strauss.

Fritz Schaub
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Max Reger (1873-1916) (Bild: wikipedia.org/PD)

Max Reger (1873-1916) (Bild: wikipedia.org/PD)

Vor dem Ersten Weltkrieg galt Max Reger (1873–1916) neben Richard Strauss als der führende deutsche Komponist. 100 Jahre nach seinem Tod steht er nicht mehr hoch im Kurs. Da­ran änderte auch das zu Ende gehende Jubiläumsjahr nichts. Aber es war nicht zufällig ein Orgel­rezital, das am Donnerstag zum Abschluss des Regerjahres Anlass gab, Vorurteile gegen ihn zu revidieren.

Max Reger hat ein umfangreiches Œuvre in allen Gattungen ausser der Oper hinterlassen. Ein älterer Konzertführer widmet dem Komponisten noch nicht weniger als 18 Seiten. Heute ist es ruhiger geworden um ihn. Aber mit einem Instrument bleiben seine Person und sein Werk besonders verbunden: mit der Orgel. Hier konnte der Bach-Bekenner alle jene barocken Formen ausleben, denen er sich verpflichtet fühlte: Choralvorspiel, Fantasie, Fuge, Passacaglia. Daher war es nur folgerichtig, dass sich Organisten im Gedenkjahr auf den Komponisten besannen. Seinem Werk war der Orgelsommer in der Hofkirche Luzern gewidmet, nun stellte der Organist Olivier Eisenmann Orgelwerken von Reger solche von Komponisten zur Seite, die von ihm beeinflusst wurden, heute aber weitgehend vergessen sind.

Ein Komponist im Zwiespalt

Der international tätige Luzerner Organist Olivier Eisenmann (76) führt seit 33 Jahren in Weggis den Zyklus der Weggiser Sonntagskonzerte durch und bot dem Orgelkomponisten Reger eine Plattform. Der initiative Organist und Historiker, ein Sohn des Komponisten Will Eisenmann (1906–1992), weiss auch mit dem Wort umzugehen und gibt jeweils vor den Konzerten in der katholischen Pfarrkirche eine fachkundige Einführung.

Erste Erfolge hatte Reger mit kühnen Orgelwerken wie der Chorfantasie «Ein feste Burg ist unser Gott» und «Fantasie und Fuge über B-A-C-H». Während in solchen Werken die kontrapunktische Schreibweise angemessen, ja gefordert ist, wirkt sie bei Instrumentalwerken für den Konzertsaal oft überladen und schwerfällig. Die Ausnahme bilden die fast am Ende des Lebens entstandenen «Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart», die sich bis heute in den Konzertsälen halten.

Max Reger befand sich in einem gewissen Zwiespalt: Auf der einen Seite neigte er zu den alten Meistern, allen voran zu Bach. Auf der andern Seite führte er, den das Erlebnis des «Parsi­fal» an den Bayreuther Festspielen bewog, Musiker zu werden, die nachwagner’sche Chromatik weiter bis an ihre Grenzen. Weil er sich in der Harmonik auch an Brahms und Liszt orientiert, galt er eine Zeit lang sogar als Ver­treter der Neudeutschen Schule. Den Orgelwerken bekam das gut, weil diese in der Harmonik, durch den modulationsreichen Chromatismus, ihre unverwechselbare Prägung erhielten. Olivier Eisenmann ist ein überzeugter Max-Reger-Verfechter und glaubt, dieser sei zu Unrecht heute etwas in Vergessenheit ge­raten.

Liedromantik für die Orgel

Für sein Rezital an Mariä Empfängnis wählte Eisenmann zwei ganz unterschiedliche Werke aus den 1902 komponierten «Zwölf Stücken»: zum einen die Toccata in e-Moll und die Doppelfuge in E-Dur Nrn. 11 und 12, zum anderen die Melodia B-Dur Nr. 11.

Das letzte Werk zeigt, dass Reger nicht nur ein Fugen-Fanatiker, sondern auch ein grosser Melodiker war, der zahlreiche Lieder hinterlassen hat, in denen er sich ganz als Spätromantiker offenbart.

Die Kantilene in der gefühlsbetonten «Melodia» aus dem Jahre 1901 trug Eisenmann mit der rechten Hand auf einem separaten Manual vor, während er sie auf der linken mit einem anderen Manual auf der Basis einer Pedalbassstimme beglei­tete. Wunderbar der verklärte, mit leicht schimmerndem Vibrato belebte Ausklang.

Das barock-vielstimmige Element aber konnte Reger in einem Werk wie der erwähnten Toccata und Doppelfuge ausleben. Wie Eisenmann von der Stelle an, wo das Thema der ersten Fuge mit dem Thema der zweiten Fuge verbunden wird, bis zum monumentalen, die Kirche beinahe sprengenden Höhepunkt sukzessive steigerte, war überaus eindrücklich.

Fritz Schaub
kultur@luzernerzeitung.ch