HOMMAGE: Pierre Boulez war ein Denkmal zum Anfassen

Einst wollte Pierre Boulez Opernhäuser in die Luft sprengen. Im Alter prägte der am Dienstag verstorbene Dirigent das Lucerne Festival mit seinem Engagement für die Jugend.

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Abschied von einem Übervater wie einem Freund: Pierre Boulez inmitten der Studenten der von ihm gegründeten Lucerne Festival Academy. (Bild: Peter Fischli)

Abschied von einem Übervater wie einem Freund: Pierre Boulez inmitten der Studenten der von ihm gegründeten Lucerne Festival Academy. (Bild: Peter Fischli)

Urs Mattenberger

Es gibt Komponisten und Künstler, die werden schon zu Lebzeiten Legenden und auf Denkmalsockel gestellt – allein schon deshalb, weil sie so lange leben und ihr Wirken folgenreich und bedeutsam war. Schon die äusseren Lebensdaten und Erfolge als Galionsfigur der Nachkriegs-Avantgarde, als Stardirigent und als institutioneller Erneuerer zeigen, dass der am Dienstag 90-jährig verstorbene Pierre Boulez zu ihnen gehört.

Er verführte zu neuen Klängen

Umso bemerkenswerter war, dass man den französischen Komponisten, Dirigenten und Essayisten an seiner letzten wichtigen Wirkungsstätte in Luzern ganz anders erleben konnte. Hier, wo Boulez seit 2003 als Gründer und Leiter der Lucerne Festival Academy eine prägende Rolle am Festival spielte, konnte man den Avantgarde-Provokateur von einst als nahbaren Zeitgenossen erleben.

Da begegnete man Boulez beim Pendeln zwischen Proben und Hotel im Bus. Bei Meetings zur Mittagszeit bestellte er sich einen spartanischen Salat. Und Abends gab er an Veranstaltungen der Academy Einführungen in abstrakte neue Musik mit einem Charme und in einer Sprache, die jeder verstand und die auch ein uneingeweihtes Publikum zu neuen Klängen verführte.

Ein Signal dazu setzte letztes Jahr der Auftritt des Academy Orchestra am «Tag für Pierre Boulez» zu dessen 90. Geburtstag: in T-Shirts, auf denen das Konterfei des jungen Boulez wie ein Rockstar prangte. Das konnte der Komponist selber freilich bereits nicht mehr miterleben. Sein Gesundheitszustand hatte ihm in den letzten Jahren eine aktive Mitwirkung an der Academy verwehrt, deren Leitung im letzten Sommer an Wolfgang Rihm übertragen wurde.

Der Übervater als Freund

Ein Denkmal, das zum Anfassen nahbar wird – das wünschte sich auch Boulez selber im Umgang mit den Studenten, die an der Academy das Handwerk der Interpretation neuer Musik erlernten. So bedauerte er im Film «Die Zukunft der Musik als Vermächtnis», dass die Studenten ihn als Übervater wahrnahmen, weil man «mit einem Grossvater nicht wie mit einem Freund» spreche.

Im Engagement für junge Musiker ging freilich bis ins hohe Alter das Bekenntnis zur Zukunft weiter, das Boulez seit seinen eigenen jungen Jahren umtrieb. Er tat es zunächst im provokativen Ton eines jungen Wilden – mit Aussagen, die zu geflügelten Worten der jüngeren Musikgeschichte wurden. Im Aufsatz «Schoenberg est mort» sagte er sich von der Moderne der Zwischenkriegszeit los: Der Mathematik-Freak und Sohn eines Stahlfabrikanten wurde zu einem führenden Vertreter einer Avantgarde, die Schönbergs Zwölftontechnik zur sogenannten seriellen Musik weiterentwickelte – einer Strömung der Neuen Musik, die auf Zahlen- oder Proportionsreihen aufbaut. Seine in den 1950er-Jahren rigide konstruierte Musik trug Boulez umgekehrt den Spitznamen «Robespierre» ein.

Neue Massstäbe

Mit seinem oft zitierten Schlachtruf, man solle die «Opernhäuser in die Luft sprengen», wandte sich Boulez gegen die Erstarrung der Klassikinstitutionen. In diesen machte er später freilich selber als Dirigent eine glanzvolle Karriere, die den Dirigenten einem viel breiteren Publikum bekannt machte als den Komponisten Boulez. Aber auch hier setzte Boulez neue Massstäbe mit Interpretationen, die von einer Klarheit geprägt waren, die auch seine Kompositionen auszeichnet. Damit setzte Boulez auch interpretatorisch Meilensteine, unter anderem mit Regisseur Patrice Chéreau im Jahrhundertring in Bayreuth sowie als Chef des New York Philharmonic, mit dem er 1975 erstmals in Luzern am Festival auftrat.

Aber auch als Komponist entwickelte sich Boulez weiter. Hatte die serielle Musik der 50er-Jahre zu einem bis heute wirksamen Schreckgespenst einer unverständlich abstrakten Musik geführt, öffnete Boulez ab den 80er-Jahren kompositorisch neue Türen in die Zukunft. Mit dem Ircam in Paris gründete er eine renommierte Forschungsstätte für elektronische Musik. In eigenen Werken wie dem in Luzern aufgeführten «Répons» nutzte der Bewunderer von Debussy und Schüler von Messiaen die Elektronik nicht nur für die Erweiterung der Klangfarben, sondern auch für eine Verräumlichung der Musik. Eine weitere Pioniertat war die Gründung des auf Neue Musik spezialisierten Ensembles Intercontemporain.

Raum-Visionen

Das bedeutete nicht nur einen für einen Komponisten einzigartigen institutionellen Einfluss. Elektronik, Raummusik und Spezialensemble waren auch der Hintergrund für Boulez’ intensives Wirken in den letzten Jahren in Luzern. In der 2003 gegründeten Lucerne Festival Academy wirken etwa Musiker des Ensemble Intercontemporain als Lehrer mit. Und die Idee der Salle Modulable sollte nach Boulez’ Vision räumliche Flexibilität, Elektronik, Livemusik, Multimedia und Theater in einzigartiger Art und Weise kombinierbar machen. Auch mit der Realisierung eines neuen Theaters würde Boulez’ Wirken in Luzern weit über seinen Tod hinaus anhalten.