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«Hören, was nicht zu kaufen ist»
an den «40min»-Gratiskonzerten

Die «40min»-Gratiskonzerte des Lucerne Festival bringen den Hörern auch neue Musik näher. Ein Selbstversuch.
Susanne Holz
Einmal mitten unter den Musikern zuhören: Beim «40min»-Format geht das.Bild: Peter Fischli/LF (Luzern, 27. August 2019)

Einmal mitten unter den Musikern zuhören: Beim «40min»-Format geht das.
Bild: Peter Fischli/LF (Luzern, 27. August 2019)

Warum man bei moderner Musik stets meint, einen Schwarm Insekten zu hören? Man weiss es nicht. Aber es ist auch nicht von Belang. Hauptsache, die Musik öffnet das Ohr. Gerade noch schwärmte das Publikum in den Luzerner Saal – und nun also scheinen die Töne wie nervöse Wespen auszuschwärmen. Die Gratiskonzertreihe des Lucerne Festival, «40min», lockt Zuhörer jeden Alters in diesen Saal, auf die Sitzkissen und sogar auf Plätze mitten unter den Musikern. Kein Wunder: Hier kann man auch Stars wie Heinz Holliger oder Riccardo Chailly zum Nulltarif erleben.

Auf dem Programm stehen heute, Dienstag, Überraschungen: Unter dem Titel «Surprise! Entdeckungen mit Orchester» spielen Orchestermusiker der Lucerne Festival Academy. Es dirigieren Ruth Reinhardt und David Fulmer. Mehr weiss man nicht. Man hört und schaut: Ein Baby kommentiert die Musik ab und zu, und eine Mutter und ihr Töchterchen im Sitzkissen halten sich liebevoll an der Hand.

Moderator Dominik Deuber, Leiter der Lucerne Festival Academy, meinte noch: «Sie sind ein aufgeschlossenes Publikum, denn Sie wissen ja gar nicht, was kommt.» Und jetzt sorgen Streicher und Holzbläser für Spannung, unter dem Dirigat von Ruth Reinhardt. Der Kontrabass setzt dunkle Töne, die Violinen scheinen zur Vorsicht zu gemahnen. Und einige Zuhörer lauschen mit geschlossenen Augen.

Die Dirigentin löst das Rätsel auf

«Was haben wir gehört, Ruth?» So die Frage von Dominik Deuber im Anschluss. Die Dirigentin löst das Rätsel auf: Es war ein Stück der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina, geboren 1931: «Concordanza» (1971). Reinhardt findet: «Ein tolles Stück, mit frivolen Klarinetten, sehr viel Seele, und mit choralähnlichen Stellen.»

Den zweiten Teil der «40 Minuten Musik zum Einsteigen und Eintauchen» bestreiten Dirigent David Fulmer und die Musiker mit einem Stück Fulmers: «Jauchzende Bögen», für Solo-Violine und Orchester. Tags darauf wird man Folgendes googeln: Das Stück sei auch eine augenzwinkernde Auseinandersetzung mit den Violinkonzerten Mozarts.

Für den Moment ist man beeindruckt vom Solisten, der sich stets ansatzweise romantisch und dann gleich wieder schräg zeigt. Es ist ein Auf und Ab, ein Anschwellen und eine Wirrnis. Und woher kommt eigentlich plötzlich dieser Glöckchenklang? Die Violine zwitschert ganz unvermittelt wie ein Vögelchen, und das Baby im Publikum macht sich erneut leise bemerkbar. Wie von weiter Ferne ertönt die Percussion. Ein Kind im Sitzkissen bläst seine Backen auf.

Ein Setting, welches das Bewusstsein schärft

Nach 40 spannenden Minuten meint eine Zuhörerin: «‹40min› ist immer wieder interessant. Ich höre sonst am liebsten das 21st Century Orchestra, aber die neue Musik heute hat mich sehr fasziniert. Es war, als ob die Instrumente miteinander kommunizieren würden.» Klaus Witt aus Malta, der fürs Festival nach Luzern gekommen ist und im Anschluss das Sinfoniekonzert besuchen wird, ist der Ansicht: «Hier hört man, was nicht zu kaufen ist.» Und: «Bei moderner Musik darf man keine Melodien erwarten. Sie beruht auf Klangfolgen, die sonst in der Klassik nicht vorkommen.» Er gehe gezielt zu den «40min»-­Konzerten: «Denn sie sind ein perfekter Kontrast zu den grossen Konzerten.»

Laut Katharina Schillen, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit beim Lucerne Festival, ist die «40min»-Reihe «auch dieses Jahr wieder sehr gut gestartet, egal, ob romantische oder zeitgenössische Musik gespielt wird». Woher der Glöckchenklang in Fulmers Werk kam, erfährt man an diesem Abend zwar nicht. Aber weil dieses Setting die Ohren öffnet und das Bewusstsein schärft, geht man doch bereichert nach Hause.

Hinweis
«40min» heute: Luzerner Saal, 18.20 Uhr: «Many Many Oboes» u.a. mit Heinz Holliger.
www.lucernefestival.ch

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