HORNFESTIVAL: Uraufführung mit irdischen und himmlischen Dimensionen

Sinfonieorchester und Solisten überzeugten in Sarnen mit Klassik und ganz neuer Musik. Dabei wurden auch die inneren Konflikte von Bruder Klaus musikalisch interpretiert.

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Die Tonfolgen der vier Hornisten spiegelten sich in den Orchesterklängen wider. (Bild: Pius Amrein (27. Mai 2017))

Die Tonfolgen der vier Hornisten spiegelten sich in den Orchesterklängen wider. (Bild: Pius Amrein (27. Mai 2017))

Ein Höhepunkt des 11. Hornfestivals Obwalden war das Sinfonische Konzert am Samstagabend in der Aula Cher in Sarnen. Die Auftragskomposition, die von der Horngruppe Obwalden zum Jubiläum 600 Jahre Bruder Klaus an den Schweizer Oliver Waespi vergeben worden war, wurde zum umjubelten Ereignis.

Mit dem Titel «Aus Schatten» verknüpfte der Komponist die Schatten der Ranftschlucht mit den Schatten der inneren Konflikte und Begegnungen, die das Leben des Niklaus von Flüe bestimmten. Oliver Waespi gab eine Einführung in sein Werk, in dem die vier Solohörner gleichberechtigt das Leben dieser spirituellen Persönlichkeit in Töne umsetzen. Das Sinfonieorchester des Internationalen Hornfestivals, das seit seinem Einstand am 9. Hornfestival mit Berufsmusikern und Musikstudenten zum festen Bestandteil des Festivals gehört, meisterte die Anforderungen der Uraufführung hervorragend.

In der wie aus Nebeln herauf-beschworenen Ouvertüre zur Oper «Der Freischütz» von Carl Maria von Weber, in dem die Streicher anfangs etwas unsicher wirkten, beeindruckten die Hornisten mit weichem Klang. Die Handlung der Oper wurde dann von gespenstisch bis übermütig von Dirigent Philippe Bach immer intensiver gestaltet, bis am Ende das strahlende Tutti die Zuhörer zu ersten Beifallsstürmen hinriss.

Melodien weitergereicht von Horn zu Horn

Wie dann die Klangmöglichkeiten des Orchesters in Waespis Komposition ausgeweitet wurden, wie sich die vier Hörner abhoben und wieder ganz hineingewoben wurden, führte in irdische wie auch in geradezu himmlische Dimensionen. Die weit ausgespannten Melodien wurden von einem Horn zum nächsten gereicht, Radovan Vlatkovic, Richard Watkins, Lukas Christinat (künstlerischer Leiter des Festivals) und Florian Abächerli zauberten irisierende Tonfolgen, die sich im Orchester spiegelten.

In den anfänglich rhythmisch betonten, aufwühlenden Dissonanzen, die unerbittlich von Flucht aus der grellen Aussenwelt und inneren Konflikten geprägt schienen, mischten sich immer wieder besinnliche Ruheinseln, in denen Orchester und Solisten in feine Dialoge traten. Dass Oliver Waespi zwei Bach-Choräle in seine Komposition einbezog, die sich in fast unmerklich verschobenen Klangteppichen zu dissonanten Flächen vereinten, fügte sich in das Suchen und die Visionen des Bruder Klaus ein. Wie ein heller Schein klangen Celesta und Flöte, bis über ein sich stets wiederholendes Motiv das ganze Orchester in reinem Wohlklang endete. Das Publikum spürte dem zunächst ergriffen nach, bevor es in Jubel ausbrach.

Nach der Pause überzeugten die Streicher mit exaktem, differenziertem Spiel in Telemanns Konzert D-Dur für Violine, drei Hörner und Streichorchester. Ulrich Poschners Solo-Violine strahlte über den Hornklängen, filigran spielte er die Melodien aus. Und die Hornisten zeigten nochmals alle Facetten.

Das konnten sie auch im letzten Werk des Abends ausspielen, denn in Joseph Haydns Sinfonie Nr. 31 D-Dur «mit dem Hornsignal» sind die Hörner prominent. Aber auch Solisten des Orchesters zeigten ihre Qualitäten. Virtuose Flöten-Tonleitern glitzerten im ersten Satz, hohe Cello-Kantilenen sangen über dem Pizzicato der Streicher im Adagio, und in den Variationen des letzten Satzes hatte nach Solo-Violine, Flöte, Fagott und Oboen auch der Kontrabassist sein Solo. Nach begeistertem Applaus gaben sechs Hornisten eine schmissige Zugabe.

 

Gerda Neunhoeffer

kultur@luzernerzeitung.ch