Im Kunsthaus Zürich möchte man rufen: «Houston – wir haben ein Problem»

Mit der Ausstellung «Fly me to the Moon» blickt das Kunsthaus Zürich zurück auf die Mondlandung vor 50 Jahren. Dabei droht man bei rund 200 Kunstobjekten die Orientierung zu verlieren. 

Sabine Altorfer
Drucken
Teilen
Sylvie Fleury «First Spaceship on Venus», 1997 (Bilder: Kunsthaus Zürich)
5 Bilder
Barbie im Helm, 2006
Hiroyuki Masuyama «Die Piazzetta in Venedig bei Mondschein»
Roman Signer «Mondflug», 2017.
(Bild:Walter Bieri/Keystone)

Sylvie Fleury «First Spaceship on Venus», 1997 (Bilder: Kunsthaus Zürich)

Wo waren Sie am 20. Juli 1969? Wenn Sie damals nicht mehr hinter dem Mond waren, dann sassen auch Sie mit Garantie vor dem Fernseher und verfolgten gebannt die Mondlandung. Es war ein unglaubliches Mitfiebern rund um den Globus, denn erstmals konnte der Mensch auf einem anderen Himmelskörper landen. Das Jubiläum, die 50 Jahre, seit Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuss in den Mondstaub setzte und den Hopser, den berühmten «grossen Schritt für die Menschheit» machte, nimmt nun das Kunsthaus Zürich zum Anlass, dem Mondflug eine Ausstellung zu widmen.

Historische Fotos mit mehr Charisma als Kunst

«Fly me to the Moon» sang Frank Sinatra schmelzend, und genau an diese Sehnsucht nach einer romantischen Mondnacht, nach heldenhaften Weltraumtaten oder nach dem Ergründen des Universums appelliert die Ausstellung. Die gross angelegte Schau, in schummriges Dunkelblau getaucht, beginnt logischerweise mit den berühmten Nasa-Fotos des historischen Moments. Man schaut sie immer noch und immer wieder gerne an. Wie viel schöner, wie viel charismatischer wirken doch diese dokumentarischen Bilder als das Stück schwarz gewellter Boden, das vor ihnen liegt. Das ist dafür Kunst. Michael Sallistorfers künstlerisch nachgebaute Oberfläche der Mondrückseite.

Die Kunst macht uns mondsüchtig

Ist das schon Anlass genug, um den ersten Hilferuf in die Zentrale abzusetzen? Schauen wir erst mal selber und weiter. Aber noch ist der Kampf Kunst gegen Realität nicht entschieden. Denn nun wird die alte Kunst aufgefahren: Johann Heinrich Füsslis Albtraumgestalten genauso wie Mondnacht-Seestücke der skandinavischen Romantiker. Edward Munch und Marianne von Werefkin lassen uns im Wintermond frösteln oder Schlittschuh laufen, Max Ernst verängstigt uns mit leblosen Landschaften, Robert Delaunay dagegen zündet ein abstraktes Farbenfeuerwerk aus Mond und Sonne. Mondsüchtig könnte man werden.

Die Kuratorin war schon in der Schwerelosigkeit

Eine Art Weltraumsucht prägt auch Kuratorin Catherine Hug. Sie konnte 2012 bei einem Parabelflug mit einem Flugzeug einen Moment der Schwerelosigkeit erleben. «Das hat mein Leben verändert», erzählt sie. Seither hat sie das Thema Weltraum gepackt. Doch wenn Süchtige auf Stoffsuche gehen, kommt das nicht immer gut. Sie wollen zu viel. Unser Flug zum Mond führt an über 200 Exponaten vorbei: Kosmonauten, Wissenschafter und Künstler, Bilder aus Psychologie, Physik und Fantasy kreisen als wilder Schwarm um den Mond. Wie das alles verknüpfen? Wie die Orientierung behalten? «Houston – wir haben ein Problem», möchte man funken. Doch ob der Hilferuf wie bei der Apollo-Mission in der richtigen Zentrale landen würde?

USA gegen UdSSR

Eines der zentralen und gelungen dargestellten Themen gilt dem Wettlauf der beiden Grossmächte. Den Sowjets gelang 1957 mit dem Sputnik der erste Weltraumflug, Präsident John F. Kennedy erklärte die Raumfahrt daraufhin zur vordringlichsten Staatsaufgabe. So konnte die USA 1969 ihre Fahne auf dem Mond hissen. Der Kalte Krieg wurde symbolisch im All ausgetragen. Welch versöhnliches Bild malte das russische Künstlerduo Vladimir Dubossar­sky & Alexander Vinogradov dafür: Sie steckten die 1959 geborene US-Ikone Barbie in den Helm von Sowjet-Kosmonauten-Held Juri Gagarin, der 1961 als erster Mensch die Erde umkreist hatte.

Amüsante Fantasy-Filme

Doch nicht nur die Flagge und ihren Fussabdruck haben die Menschen auf dem Mond hinterlassen, sondern auch Kunst. Paul Van Hoeyendoncks Erinnerungstäfelchen mit den Namen der «gefallenen Astronauten und Kosmonauten» befindet sich seit 1971 auf dem Erdtrabanten. Wem das alles zu schwer erscheint: Bei alten Fantasy-Filmen oder bei Ausschnitten aus der Kult-Serie «Orion» von 1965 kann man sich amüsieren. Zu den heiteren Begleitern auf dieser Mondfahrt gehören auch ein Engel, der Gottes Bart kämmt, oder in folkloristische Helme gesteckte «Afronauten». Vor weltraumtauglichen Wohnzellen des Architekturbüros Coop-Himmelblau fragt man sich dagegen, wie sinnvoll die Idee sei, Mond oder Mars zu besiedeln. Auch wenn uns Zilla Leutenegger in ihrem Video vorgaukelt, der Mond sei die perfekte Piste für Autoralleys. Das schönste Werk der Ausstellung verdanken wir aber keiner Künstlerin, sondern einem Astronauten. William Anders fotografierte am 8. Dezember 1968 den ersten von einem Menschen beobachteten Erdaufgang. Dieses Bild unseres Planeten ist die Sehnsuchts-Ikone der Mondfahrt-Geschichte.

Hinweis
Fly me to the Moon. Kunsthaus Zürich, bis 30. Juni.