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HUMOR: «Die wunderbare Scheinheiligkeit»

Der Satiriker Gerhard Polt tourt wieder durch die Schweiz. Ein Gespräch über Islam, Katholizismus und die neue Selbstverständlichkeit des Rassismus.
«Pegida erstaunt mich überhaupt nicht. Ich kenne das schon lange», sagt Gerhard Polt (73). (Bild: PD/ Dionys Asenkerschbaumer)

«Pegida erstaunt mich überhaupt nicht. Ich kenne das schon lange», sagt Gerhard Polt (73). (Bild: PD/ Dionys Asenkerschbaumer)

Interview Benno Tuchschmid

Gerhard Polt, Sie sagen, in Deutschland herrsche Bürgerkrieg. Wer kämpft denn da gegen wen?

Gerhard Polt: Natürlich ist das kein echter Bürgerkrieg. Aber es gibt Untersuchungen zur Anzahl der nachbarschaftlichen Streitigkeiten. Sie glauben gar nicht, wie viele Nachbarn wegen Bagatellen übereinander herfallen. Ich nehme mal an, dass das in der Schweiz nicht anders ist, oder was denken Sie?

Auch bei uns existiert die Demarkationslinie Gartenzaun.

Polt: Sehen Sie? Für mich ist das herrlich. Damit lässt sich arbeiten.

Wieso mögen wir es so, uns nicht zu mögen?

Polt: Ich weiss es nicht. Ich kann es nur feststellen. Die Menschen nehmen Prozesse auf sich, nur um den Nachbarn in Grenzen zu halten. Da geht es um Äste, die über den Zaun wachsen, oder um Zufahrtswege. Wahnsinn.

Die Grundlage für die Fehden sind Gesetze, auf die sich die Menschen beziehen. Die Vorgartenscharia ...

Polt: Richtig. Es gibt mittlerweile bürokratische Richtlinien dazu, wo der Regen hinzufallen hat. Wo der Blütenstaub nicht zu sein hat. Und bis wo eine Pflanze wachsen darf, lässt sich mit dem Laser prüfen. Man versucht, alles zu ordnen. Unsere Gesellschaft ist verordnet.

Apropos Nachbarschaft: Erlauben Sie den holprigen Übergang. Sie haben 1986 als einer der ersten westlichen Kabarettisten in der DDR gespielt. War das ein anderes Publikum?

Polt: Franz Hohler war schon vor uns da. Aber ja, das war eine Besonderheit. Wir spielten drei Abende. In das Theater gingen 200 Leute rein. Wir wussten also, dass das Publikum sortiert war. Natürlich wurden wir beobachtet. Ich hab dann später Stasi-Protokolle gelesen.

Aber der Bayer funktionierte humoristisch auch in Ostberlin?

Polt: Grundsätzlich schon. Wir wollten natürlich provokant sein, was auch möglich war, denn zensiert wurden wir nicht. Ironischerweise war der grösste Fauxpas für mich absolut unvorhersehbar. Ich erzählte eine wahre Geschichte. Der Bürgermeister von Moskau besuchte bei uns im Dorf ein Wirtshaus. Und als er reinkam, sagte einer am Stammtisch: «Der Russe an und für sich ist sympathisch. Aber wir haben ihn leider persönlich nicht kennen gelernt, wir haben ihn eher erschossen.» Da herrschte eiserne Stille im Raum. Es ging um das Wort «Russe». Das kam in der DDR etwa ähnlich gut an wie heute das Wort «Neger».

Ihre Charaktere sagen die scheusslichsten rassistischen Dinge mit einer stoischen Ruhe. Überrascht Sie die neue Selbstverständlichkeit des Rassismus bei den Pegida-Anhängern?

Polt: Pegida erstaunt mich überhaupt nicht. Ich kenne das schon lange. Wenn man Menschen seit längerem genau zuhört, dann ist man über vieles nicht überrascht, was derzeit passiert. Dann ist vieles eigentlich vorhersehbar.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie sich nicht für das Aktuelle, sondern für das Akute interessieren.

Polt: Einem Gärungsprozess zuschauen zu können, ist interessanter, als das Ergebnis zu betrachten. Oder um es deutlicher zu sagen: Ich muss den Scheisshaufen nicht sehen, um zu wissen, dass er stinkt. Wenn jemand das und das isst, dann ist klar, dass es dem Metabolismus nicht hilft.

Die Debatte zu Humor und Fundamentalismus interessiert Siealso nicht?

Polt: Nein.

Trotzdem: Auch Sie nahmen in vergangenen Stücken den Islam aufs Korn, machten Sprüche über eine «heilige Sau mit Knödeln». Würden Sie das heute noch so sagen?

Polt: Ja, sicher. Ich finde es grässlich, im Nachhinein nachzubessern. Man muss dazu stehen, was man gesagt hat. Ich finde es hilflos, wenn man die alten Schriften irgendwelcher Schriftsteller auf die Wörter «Moor» und «Neger» untersucht. Das ist doch einfach fürchterlich.

Sie wuchsen in Altötting auf. Ein günstiger Ort, um als Satiriker aufzuwachsen, sagen Sie. Weshalb?

Polt: Das ist bekanntlich einer der katholischsten Orte nördlich der Alpen. Wenn Sie das einmal miterleben, diese Wallfahrer, die wunderbare Scheinheiligkeit, mit der die tiefste Gläubigkeit aufmerksam begleitet wird von Leuten, die daraus ihren Profit ziehen. Da verstehen Sie relativ schnell, wie alles läuft. Ein Geschäftstreibender sieht den lieben Gott anders als der Wallfahrer.

Wir Schweizer und die Bayern teilen ja etwas: Wir lassen uns herrlich klischieren. Nervt Sie das?

Polt: Es gibt Klischees, die stakkatoartig immer wieder kommen. Die nerven zum Teil. Aber ohne Klischees geht es auch nicht. Ohne können wir nicht leben. Und nicht jedes ist falsch, nur weil es ein Klischee ist. Verallgemeinerungen sind aus dem Sprachschatz schlicht und einfach nicht wegzukriegen. So ist das.

Heute gastiert Gerhard Polt am Humor-Festival in Arosa, morgen im Theater Casino Winterthur.

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