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ICH-AG: Georg Keller: Kunstkapitalist

Der Zuger Manor-Kunstpreisträger Georg Keller lebt in direkter Nachbarschaft zum Investment Banking. Er performt gut, aber anders als seine Kollegen von der Bank.
Szene aus der Performance «Bausatz-Projekt» von Georg Keller. (Bild: PD)

Szene aus der Performance «Bausatz-Projekt» von Georg Keller. (Bild: PD)

Julia Stephan

Georg Keller liest die «Financial Times Weekend» und das «Bloomberg Business»-Magazin. Seine Loft liegt direkt neben der Investment-Banking-Abteilung der Credit Suisse. Ein unbezahlbarer Zufall, den der 33-jährige Künstler schätzt. Ein smarter Anzugträger ist er nämlich mitnichten. Neben der Wirtschaftspresse liest er Klassiker der Soziologie, Gebrauchsanweisungen und 37-seitige Lizenzvereinbarungen der Firma Adobe weil solches zeige, wie uns das Wirtschaftssystem «entmündigt».

Paris, Warschau, Kolumbien ...

Mit beinahe kindlicher Schüchternheit und ohne Krawatte begrüsst der freischaffende Künstler den Besuch in seiner Loft an der Zürcher Giess­hübelstrasse, wo er mit der polnischen Künstlerin Zofia Kwasieborska und dem gemeinsamen Sohn Kunst und Leben verbindet. «Manchmal schon anstrengend», sagt Keller und krault der kläffenden Hündin Rosa, polnisch für Morgentau, am Kopf.

Die kleine Windhündin hatte schon Auftritte im Schauspielhaus und ist so klein, dass sie auf Reisen auch bequem ins Handgepäck passt. Das ist dem Vielreiser-Künstlerpaar wichtig. In Paris, Warschau und Kolumbien hat es bereits seine Zelte aufgeschlagen, in der Loft steht ein Tipi. Und im August geht es mit dem von Kanton Zug finanzierten Reisestipendium nach Tokio. Dort will Keller herausfinden, wie sich das anfühlt in einem Land, das seit 25 Jahren in der Wirtschaftskrise steckt.

Kann sich Krise in eine Gesellschaft einschreiben? Die Frage ist aktueller denn je. Doch anstatt nach Griechenland zu schauen, schaut Keller lieber in der Vergangenheit nach Antworten. Oder nach Japan.

Inhaber einer Scheinfirma

Am Vortag hat er dem Besuch pflichtbewusst sein Portfolio geschickt. Darauf prangt sein Selbstporträt: ein ausuferndes Organigramm einer Firma. Es verweist auf Kellers künstlerisches Langzeitprojekt. 2006, während seines Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste und noch vor der Bankenkrise, gründete er die Firma Georg Keller Unternehmungen (GKU).

Deren Struktur ist von den Briefkastenfirmen seiner Heimatstadt Zug inspiriert. Die Klicks auf die Sektionen des Firmenorganigramms auf Kellers Homepage laufen ins Leere. Der Kern des Scheinunternehmens ist nicht greifbar. Genauso wenig wie Georg Keller selbst, der nichts hält von Seelenstriptease und Starkult in der Kunst. Der mit seinen Produkten hingegen als Player auf dem Kunstmarkt in Erscheinung tritt, mit unverkennbarer Corporate Identity.

Denn der selbst ernannte CEO bringt mit seiner Ich-AG seit einigen Jahren Theater- und Kunstprojekte auf den Markt, die sich ausschliesslich mit unserer durchökonomisierten Welt beschäftigen. Das hat ihm gerade den Manor-Kunstpreis Luzern Zentralschweiz 2016 eingebracht. Der Bonus: 15 000 Franken, eine Ausstellung im Kunstmuseum Luzern nächstes Jahr sowie ein Ausstellungskatalog. Dass das Jahr 2016 zugleich Firmenjubiläum ist, trifft sich gut.

Sich in den Diskurs einschleusen

Zurück zur Loft: Im kreativen Chaos liegt ein Werk von Adam Smith, dem Vater der Ökonomie und der freien Marktwirtschaft, über den Keller demnächst eine Performance machen will. An der Wand hängt ein grossformatiger Stadtplan von Paris. Ein Geschenk der polnischen Grossmutter seiner Freundin, erzählt Keller. Die lebte in den 1950er-Jahren als Architektin in Paris und durfte ihre Devisen nicht ins kommunistische Heimatland überführen. Also hat sie aus ihren Francs Sachanlagen gemacht. So eine Karte zum Beispiel. Und Keller wäre nicht Keller, wenn er die ökonomischen Zwänge hinter dieser Handlung nicht sofort erkannt hätte. Denn das ist sein Thema.

«Mein Scheinunternehmen ist eine Art Narrativ, mit dem ich mich einklinken kann in den Diskurs», sagt er. Er interessiert sich für Systeme, und er liebt die Analogie. Und scheut sich nicht, Begriffe aus der Theaterwelt und der Kunst mit den Reizwörtern der Ökonomie zusammenzubringen. Etwa, wenn er in der Restrukturierungsarbeit eines Unternehmensberaters einen künstlerischen Gestaltungswillen entdeckt wie in der Performance «Firmengeschichten-Doppelabend». Dort wurden auf der Bühne Firmenbereiche wie Bauklötze verschoben. Im Premierenpublikum sassen auch Banker. Das hat ihn gefreut.

Keller will mit seiner Kunst alle erreichen. Seine Zielgruppe ist gross. Er denkt sich bewusst Arbeiten aus, welche die Supermarktverkäuferin genauso unterhalten wie die Entscheidungsträger unserer Gesellschaft. «Wenn man Letzteren neue Inputs auf den Weg gibt, haben wir alle etwas davon.»

Schnittmengen zwischen Kunst und Ökonomie gäbe es genug. Schliesslich kennt man den Performance-Begriff unter Bankern gut. 2008, inmitten der Bankenkrise, wollte Keller ein hölzernes Freilichttheater auf den Paradeplatz stellen. Banker, die tagsüber schlecht performt hatten, hätten das Börsenparkett gegen die Bühnenbretter austauschen können. Doch die Zürcher Verkehrsbetriebe liessen wegen des eingeschränkten Sichtfelds ihrer Tramfahrer das Projekt scheitern.

Man könnte das alles als ironisches Wetterleuchten sehen, das schnell vergeht. Eines, das wegen des Aktualitätsbezugs auch noch kunstmarktkonform ist. Aber so einfach ist es nicht. Keller redet ironiefrei über seine Arbeit. Er ist eine Art Wissenschaftler, der das Wirtschaftssystem ernster nimmt, als es seine Player je tun würden. Seit Jahren geht er ihm mit viel Denkarbeit akribisch auf den Grund. Er will unsere Wahrnehmung durchlüften, die sich an die normierten Bushaltestellen und Shoppingcenter gewöhnt haben einen solchen Kauftempel hat er 2012 im Kunstraum Akku Emmenbrücke nachgebaut.

«Wie Pinguine auf Packeis»

Dabei hilft ihm seine Beobachtungsgabe: Keller sieht, wie die Banker morgens vor seiner Haustür über den mehrspurigen Autobahnzubringer zur Tramhaltestelle schwärmen und dabei kaum Platz finden auf den Verkehrsinseln. «Wie Pinguine auf Packeis», findet er. Und staunt wertfrei über Herdenverhalten und uniforme Aufmachung.

Erst kürzlich hat die Investment-Banking-Abteilung der CS Bürostühle auf die Strasse gestellt. Sie waren auf Paletten gestapelt und in Folie gewickelt. «Ein Zeichen dafür, dass Arbeit verschwindet», so Keller. Wird er mit seiner Stuhlthese demnächst einen weiteren Unternehmenszweig der Georg Keller Unternehmen eröffnen? Da wird Georg Keller ernst. Nein, daraus will er kein Kapital schlagen: «Diese CS-Stühle sind einfach so für mich», sagt er. Diese Freiheit darf er sich nehmen. Als Künstler.

So stellte sich Georg Keller sein Bühnenprojekt für Banker auf dem Zürcher Paradeplatz vor. (Bild: PD)

So stellte sich Georg Keller sein Bühnenprojekt für Banker auf dem Zürcher Paradeplatz vor. (Bild: PD)

Neon-Logo der Georg-Keller-Unternehmungen. (Bild: PD)

Neon-Logo der Georg-Keller-Unternehmungen. (Bild: PD)

Georg Keller, Künstler. (Bild: PD)

Georg Keller, Künstler. (Bild: PD)

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