Der Krienser Autor Heinz Stalder: «Ich ahne nur, wie man sich mit 80 fühlt»

Für das Theater Ballenberg modernisierte er «Romeo und Julia auf dem Dorfe». Doch Heinz Stalder redet auch über Finnland oder Tango.

Susanne Holz
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Viel unterwegs: Der Krienser Autor Heinz Stalder im Februar 2019 am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika. Das Foto hat ein Einheimischer gemacht, dem Heinz Stadler zu diesem Zweck sein Handy anvertraut hatte. (Bild: PD)

Viel unterwegs: Der Krienser Autor Heinz Stalder im Februar 2019 am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika. Das Foto hat ein Einheimischer gemacht, dem Heinz Stadler zu diesem Zweck sein Handy anvertraut hatte. (Bild: PD)

Wir erreichen den Krienser Schriftsteller Heinz Stalder, der am 1. Juli seinen 80. Geburtstag feierte, am Telefon, als er sich gerade auf den Weg in sein ostfinnisches Sommerhaus macht. Eben befindet er sich noch zusammen mit Ehefrau Taina in der Wohnung in Savonlinna, einer Stadt nahe der russischen Grenze mit einer 600 Jahre alten Burg und einem bekannten Opernfestival. Doch nun geht es für einige Zeit in die Tiefe der finnischen Wälder. In die Schweiz zurückkehren wird Heinz Stalder Mitte August zur Dernière von «Romeo und Julia auf dem Dorfe» des Landschaftstheaters Ballenberg. Heinz Stalder holte als Autor für das Landschaftstheater die Novelle von Gottfried Keller in die Gegenwart. Das und sein runder Geburtstag sind Anlass unseres Anrufes in Finnland.

Herr Stalder, wie fühlt man sich mit 80?

Heinz Stalder: sehr gut. Ich bin gesund. Ich weiss deshalb noch nicht so richtig, wie man sich als 80-Jähriger fühlt, geben Sie mir noch ein bisschen Zeit.

Haben die vielen finnischen Sommer zu Ihrer guten Gesundheit beigetragen?

Vermutlich schon. Wenn wir in Finnland sind, radle ich zweimal die Woche insgesamt 32 Kilometer durch den Wald zum Einkaufen ins nächste Geschäft. Zum 70. Geburtstag schenkten mir meine beiden Töchter dann ein E-Bike. Und als ich 50 wurde, brachte mir die eine Tochter, die damals gerade auf der Schauspielschule war, das Jonglieren bei – das hält ebenfalls jung. Ich jongliere jeden Morgen, bevor ich diese auspresse, mit drei Orangen. Man sagt: Wer singen und tanzen kann, der kann auch jonglieren.

Tanzen und singen Sie gern?

Ja, sehr. Und die Finnen sind ein überaus tanzfreudiges Volk. Im Sommer gibt es viele Tanzböden in der freien Natur – die Finnen lieben Tango. Sie wählen jedes Jahr einen Tangokönig ...

Finnland und Tango, das kann man sich gar nicht so richtig vorstellen ...

Der finnische Tango ist ja auch eine «Mischung aus deutschen Marsch und russischer Melancholie». So sagte mal M. A. Numminen, ein finnisches Unikum, Sänger, Schriftsteller, Entertainer und Filmemacher.

Apropos Filmemacher. Mögen Sie die Filme von Aki Kaurismäki?

Auf jeden Fall. Kaurismäki versteht die finnische Seele schon sehr gut.

Und wie ist die finnische Seele? Sie verbringen ja nicht nur Ihre Sommer in Finnland, sondern sind auch verheiratet mit einer Finnin – seit 53 Jahren!

In Finnland ist man eher schweigsam, dafür aber sehr treu. Ist man dort, fühlt man sich immer zu Hause. Und der Alkoholkonsum ist übrigens auch nicht schlimmer als anderswo. Wir sind beispielsweise jedes Jahr bei einem Strandfest von Jägern zu Gast – da gibt es Fischsuppe, und es wird gar kein Alkohol getrunken.

Wo haben Sie und Ihre Frau sich eigentlich kennengelernt?

Am Bieler See, Mitte der Sechzigerjahre. Sie passte auf die Kinder einer Familie aus Basel auf, und ich war damals Lehrer in Biel. Als sie nach Finnland zurückging, schrieben wir uns ein Jahr lang täglich einen Brief. Dann heirateten wir in Finnland, 1966. Und zogen anschliessend zusammen in die Schweiz.

Sie lebten aber auch schon in London und New York?

1991 erhielt ich ein London-Stipendium der Zuger Kulturstiftung Landis & Gyr. In zwölf Monaten verliebte ich mich in die Stadt und das Wesen der Engländer mit ihrem schwarzen Humor, ihrer Geduld und ihrer freundlichen Höflichkeit.

Sie arbeiteten dort fürs Radio?

Ich wohnte damals in der Gegend, in der einst Jack the Ripper sein Unwesen trieb. Aus dessen Untaten und den Biografien seiner Opfer machte ich eine zwölfteilige Radioserie.

Einige Jahre später kehrten Sie dann noch für viel länger nach London zurück?

Mit 60 liess ich mich als Lehrer pensionieren und zog für zehn Jahre nach London, um als Sportkorrespondent für die NZZ zu arbeiten. Ich schrieb Hintergrundberichte zum britischen Sportgeschehen, etwa über Cricket und Snooker, eine Variante des Billards.

Sind Sie sehr sportlich?

Das mit dem Sport hat sich so ergeben, Sport ist nicht mein Ein und Alles. Ich schwimme und rudere im Sommer und bin ein passionierter Fussgänger – ich habe nie ein Auto besessen.

Und New York?

Dank eines Stipendiums des Kantons Bern verbrachte ich 1996/97 sieben Monate in New York. Es war eine tolle Zeit, ich wohnte in Manhattan an der fünften Strasse, bei der legendären Linda Geiser, Berner Schauspielerin, die sich in den Kopf gesetzt hatte, am Broadway zu spielen. Diesen Mai ist bei Zytglogge mein jüngstes Buch erschienen: die zusammen mit Gabriela Kaegi verfasste Biografie «Auftritt Linda Geiser».

Und nicht zu vergessen: Ihre Adaption der Keller-Novelle «Romeo und Julia auf dem Dorfe» für das Landschaftstheater Ballenberg!

Das war mir eine grosse Freude; diese traurig schöne Geschichte erneut mitzugestalten. Ich entdecke den Autor Gottfried Keller immer wieder neu.

«Romeo und Julia auf dem Dorfe» läuft noch bis 17. August: www.landschaftstheater-ballenberg.ch