Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

«Ich bin ein Klang-Maniac»: Neue CD des St.Galler Komponisten Charles Uzor

Als Kind ist Charles Uzor vom Krieg in Nigeria in die Schweiz geflohen. Der St. Galler Musiklehrer gibt nach über zehn Jahren wieder eine neue CD heraus– mit facettenreicher Musik, klangsinnlich, geheimnisvoll und mit einem ganz eigenen Zeitbegriff.
Martin Preisser
Die Herkunft aus Afrika spielt in einigen neuen Werken des St. Galler Komponisten Charles Uzor eine spannende Rolle. (Bild: Michel Canonica)

Die Herkunft aus Afrika spielt in einigen neuen Werken des St. Galler Komponisten Charles Uzor eine spannende Rolle. (Bild: Michel Canonica)

Als Siebenjähriger kam er vor fünfzig Jahren in die Schweiz, im Flugzeug, allein, mit Kinderlähmung, aus einem Kriegsgebiet. St. Galler Eltern hatten ihn damals adoptiert. Müsste er heute fliehen, käme er übers Mittelmeer. Hätte er damals bleiben müssen, hätte er nicht überlebt. Es wäre natürlich zu kurz gegriffen, die Musik des vielseitigen St. Galler Komponisten Charles Uzor auf seine afrikanische Herkunft zu reduzieren. Und doch gehen zwei der neun Kompositionen auf der neuen CD zurück auf seine nigerianischen Wurzeln.

«Mother Tongue Fire» heisst ein Werk für Tonband. Uzor hat seine Muttersprache Igbo verlernt. «Mother Tongue» lässt seine 85-jährige Mutter, die heute in Dallas lebt, Redewendungen auf Igbo sprechen. Schon hier wird, wie in anderen Werken, deutlich: Uzors Musiksprache fasziniert durch einen ganz eigenen Umgang mit Zeit. Die Musik entwickelt sich aus sich selbst. Uzor lässt Klänge, in diesem Fall die vergessene Muttersprache, wirken, forscht nach ihrem Wesen.

Klänge, in die man eintauchen muss

«Mimicri», so der CD-Titel, heisst auch das erste halbstündige Werk mit dem wie in weiteren Stücken hervorragend agierenden Percussion Art Ensemble Bern. Mimikry, das steht in der Natur für die Nachahmung und das Anverwandeln der Gestalt, um zu überleben. Uzor verfremdet eine afrikanische Vogelstimme elektronisch, sie wird tiefer, langsamer, stets eingebettet in faszinierende, rituell wirkende perkussive Klanggeflechte. Anders als in manch zeitgenössischer Komposition, die gedanklich oft bloss aneinandergereiht wirkt und den Fluss vermissen lässt, schreibt Uzor Klänge, die anziehen, zum Eintauchen einladen. «Die Zeitränder zerfliessen lassen», davon spricht der Musiker, der an der Kantonsschule am Burggraben als Musiklehrer arbeitet, wenn er sein subjektives Zeitgefühl beim Komponieren erklärt. Und er kommt auf den Amerikaner Morton Feldman zu sprechen, für den Komponieren wie Teppichknüpfen war.

Die Form eines Stücks ist also nicht vorgefertigt, sondern entsteht während des «Knüpfens» selbst. Die letztendliche Schönheit resultiert so aus den überraschend während des Tuns sich entwickelnden Mustern.

Auch elektronische Klänge sind ein Stück Natur

Mit «Mimicri», das sich auch auf das nigerianische Volk der Nri bezieht, dem Uzor selbst entstammt und dessen Friedfertigkeit ihn fasziniert, hat er auch das Verhältnis von Kultur und Natur in Töne gegossen. Mimikry ist verschleierte Natur, Kultur ebenso. Uzor hat einen breiten Naturbegriff. Auch elektronisch veränderte Klänge seien ein Stück Natur. In diesem Sinne sind die Kompositionen mit Tonband nicht elektronische Experimente. An Elektronik interessiert Uzor nicht der Reiz der unendlichen Klangmöglichkeiten, sondern eine Art verstellte Natur, die seinen originalen Klängen eine weitere Facette und Tiefenwirkung verleihen könne.

Seit 2005 gab es von Uzors Musik keine Aufnahme mehr. Die aktuelle, beim renommierten Label Neos erschienene CD bietet zeitgenössische Musik, die nie überintellektualisiert wirkt. Auch nicht in den monotonen Strickarbeiten einer psychisch kranken Patientin der Klinik Rheinau. «Varek» heisst diese eindrückliche Komposition für Stimme und Klavier. Seine Musik wolle nicht die Komponistenkollegen erreichen, sondern den neugierigen Hörer, sagt der 57-jährige Komponist, der sich als Klang-Maniac bezeichnet, einen, der den «Duft von Klang» liebe und weitergebe.

Fünfmal das "Ave Maria" vertont

Geadelt wird die Doppel-CD auch durch das Engagement des SWR-Vokalensembles unter Rupert Huber, einer der weltbesten Chöre gerade auch für moderne Musik. Fünfmal hat Charles Uzor das «Ave Maria» vertont; zwei finden sich auf der CD. Ein Schwenk jetzt also von der afrikanischen zur christlichen Kultur. Das «Ave Maria» fasziniere ihn als Gebet. «Es ist direkter, menschlicher, hat nicht die Wucht und den Machtanspruch eines Vaterunsers.» Die niederländische Renaissance-Chorkunst scheint bei diesen wunderbaren A-cappella-Gesängen durch.

Die neue CD hat Uzor selbst finanziert. Lange Durchdachtes und genau Geformtes will der sensible Musiker nicht vor Fördergremien anpreisen. «Irgendwie erniedrigend» fände er das.

Konzert mit Uraufführungen bei kleinaberfein

Auf der CD «Mimicri» von Charles Uzor sind auch zwei St. Galler ­Musikerinnen involviert: Die Pianistin Ute Gareis und die Geigerin Elena Zhunke. Zwei neue Lieder von Charles Uzor sind an einer Konzertlesung der Reihe «Klein, aber fein» zu entdecken. Der griechische Dichter und Nobelpreisträger Giorgos Seferis steht dabei im Zentrum. Übersetzt hat die Texte, die gerade im Waldgut Verlag Frauenfeld erschienen sind, der St. Galler ­Evtichios Vamvas. Die Matinee präsentiert am Sonntag überdies zwei Lieder des St. Galler Oboisten Michel Rosset und Klavierstücke von ­Nikos Skalkottas. Zu Gast sind Gabriela Glaus (Sopran) und Manuel Bärtsch (Klavier). Es liest Arnim Halter. (map)

Hinweis CD: Label Neos (11821–22), neos-music.com; Uraufführung der ­Seferis-Lieder: So, 13.1., 10.30 Uhr, Diözesane Kirchenmusikschule (Auf dem Damm 17), St. Gallen; kleinaberfein.sg

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.