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Interview

Anatole Taubman über schwarze Fingernägel, die Liebe und Tricks zur Entschleunigung

Anatole Taubman ist soeben Vater eines Sohnes geworden. Im Januar kommt ein Zwingli-Film ins Kino, in dem er Leo Jud, den besten Freund des Reformators spielt. Für den Geschichtsfan «der Fünfer und das Weggli».
Melissa Müller

Grinsend schlendert Anatole Taubman in die Lounge des Kurhotels Oberwaid in St. Gallen, wo er an zwei Abenden Weihnachtsgeschichten las – und fällt inmitten der grau melierten Gäste wie ein bunter Vogel auf. Der prominente Schauspieler trägt Trainerhosen und neongelbe Turnschuhe zu edlem Jackett und Hut.

Es läuft gerade gut für den gefragten Mimen: Als Bösewicht Nummer 2 im James-Bond-Film «Quantum of Solace» wurde er international bekannt. In den USA stand er gerade für «Men in Black» neben Liam Neeson vor der Kamera. Auch privat erlebt der 48-Jährige bewegende Momente: Am 29. November ist Henri, sein viertes Kind, auf die Welt gekommen. «Ein kleiner König», sagt Taubman, der auch einen britischen Pass besitzt. Er gestikuliert viel, wirkt vergnügt und energiegeladen.

Anatole Taubman, eigentlich wollten wir Sie schon vor Ihrer Weihnachtslesung interviewen. Warum ging das nicht?

Weil ich eben gestern Premiere mit meiner Weihnachtslesung hatte. Eine gewisse Nervosität und Aufregung entsteht und ist auch notwendig für die Konzentration. Da könnte selbst Regisseur Martin Scorsese kommen, und ich würde Nein sagen. Ich habe meine Prinzipien.

Ausdrucksstark auch beim Interview: Anatole Taubman. (Bilder: Michel Canonica (St. Gallen, 14.12.2018))Ausdrucksstark auch beim Interview: Anatole Taubman. (Bilder: Michel Canonica (St. Gallen, 14.12.2018))
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Schauspieler Anatole Taubman: «Ich bin ein Musketier»

Sie treten hier nur an einem Privatanlass auf, nicht in einem Hollywoodfilm!

Jeder ernst zu nehmende Schauspieler, selbst wenn er schon 50 Oscars im Schrank hat, ist vor einer grossen Szene nervös. Wenn du vor Leuten liest, ist es noch direkter, da bist du irgendwie entblösst und exponiert. Eine Spannung ist da unverzichtbar. Wenn ich davor noch ein Interview gebe, kann ich nicht abrufen, was ich von mir erwarte.

Sie spielen im neuen «Zwingli»-Film mit. Sind historische Stoffe schwieriger zu spielen?

Kostüm- und Historienfilme sind für mich der Fünfer und das Weggli, weil ich ein grosser Geschichtsfan bin. In der Schule hatte ich sehr gute Geschichtslehrer, die meine Faszination unterstützt und gefördert haben. Da kann man sich wunderbar verkleiden, Zähne und Fingernägel werden eingefärbt. Alles mit dem Ziel, die Rolle so realistisch wie möglich zu bewohnen. Anfang des 16. Jahrhunderts hat die Welt brutal anders ausgesehen, da gab es kein Aspirin und WC-Papier.

Sie verkörpern im Film den besten Freund des Reformators Zwingli ...

... Leo Jud, er war sozusagen das Gehirn der Schweizer Reformation. Die zwei lernten sich in Basel kennen, wo beide Theologie studierten. Da haben sie sich von Anfang an ineinander verliebt – platonisch natürlich – und hatten neben dem Studium eine Riesenfreude daran, auch miteinander zu musizieren. Es ist toll, dass dieser Leo Jud auch einmal Aufmerksamkeit bekommt.

Wieso?

Zwingli war keine One-Man-Show. Leo Jud war ein leidenschaftlicher Gelehrter. Er wollte, dass das lateinische Wort authentisch auf Züritütsch übersetzt wird. Dafür brannte er. Wie das dann unter die Leute gebracht wurde, war für ihn aber sekundär. Dazu war Zwingli wichtig, der Stratege und Politiker. Leo Jud war sich seiner Stärken und Schwächen bewusst und überliess Zwingli noch so gerne das Rampenlicht.

Gibt es auch in Ihrem Leben einen solchen Mann, einen besten Freund?

Viele meiner besten Freunde sind einiges älter als ich. Das liegt sicher daran, dass ich meinen Vater sehr früh verloren habe – mit zehn Jahren. Was man in der Kindheit nicht hatte, versucht man im Leben zu kompensieren. Das zieht sich durch mein ganzes Leben.

Die Hauptrolle spielt Max Simonischek. Wäre die Rolle des Zwingli nicht auch etwas für Sie gewesen?

Für diese Rolle bin ich mit 48 Jahren zu alt, Max ist 34. Auch er ist ein sehr guter Freund von mir.

Sie spielten in über 100 Filmen mit, meist nur in Nebenrollen – jetzt schon wieder.

Ich habe kein Problem damit. Wichtig ist, dass diese Nebenrollen keine blossen Nummern sind, sondern eigenständige Figuren mit einem emotionalen Bogen. Ein lieber Schauspielerfreund, der leider schon verstorben ist, hat einmal zu mir gesagt: Weisst du, Anatole, die Champions League der Schauspielerei zu erreichen, ist schwer. Sie zu halten, ist ein Monster. Das bedeutet unglaublich viel Druck. Versuch dich in der Euro League zu halten, in der zweitobersten Spielklasse. Da ist weniger Druck, die Luft ist nicht so dünn. Aber die Champions League braucht dich. Was den Salat essbar und das Dressing kostbar macht, sind die Nebenrollen – die den Hauptrollen erst den Glanz verleihen.

Mögen Sie Weihnachten?

Ich mag die Stille und Einkehr. Sie ist ein Luxus in der hektischen, digitalen Leistungsgesellschaft, von der ich kein Fan bin. Ich bin romantisch-kitschig veranlagt, liebe es, wenn alles leuchtet und blinkt. Das Bling-Bling gehört bei Weihnachten einfach dazu.

Wie holen Sie sich Momente der Stille ins Leben?

Ich mache direkt nach dem Aufstehen jeden Tag eine Viertelstunde Yoga, das ist herrlich. I love it! Wenn ich es zu lang mache, wird mir schnell langweilig. Aber es tut gut, sich ein paar Minuten mit seinem Atem zu verbinden, das entschleunigt total. (schnippt mit dem Finger) Denn ich habe ein superbeschäftigtes Leben, tanze jeden Tag auf verschiedensten Hochzeiten.

Apropos Hochzeit, Sie haben im September Sara Hildebrand geheiratet. Wie haben Sie die ehemalige TV-Moderatorin kennen gelernt?

Sie heisst jetzt Sara Taubman, übrigens auf ihren Wunsch, was mich sehr freut. Wir begegneten uns vor fünf Jahren an einem Anlass von Seat Schweiz, wo sie moderierte und ich als Ambassador auftrat. Da hat’s sofort Boom gemacht.

Liebe auf den ersten Blick?

Für mich schon, ja. Obschon Liebe, was heisst Liebe, Jesus Christ! Das ist ein so starkes Wort. Ich würde sagen: Attraction und Affection auf den ersten Blick.

Ist Ihnen das Wort Liebe zu bedeutungsschwer?

Man solls’ nicht so schnell daher sagen. Die Amerikaner sagen schnell einmal «I love you», darum gelten sie in unseren Breitengraden oft auch als oberflächlich. Es ist völlig utopisch und unrealistisch, dass Liebe so schnell kommt. Sie entwickelt sich mit der Zeit.

Wie verbringen Sie Weihnachten mit Ihren vier Kindern, die in den USA, in Berlin und in der Schweiz leben?

Ganz einfach: Hin- und herreisen. Das Reisen ist schon immer Teil von meinem Dasein gewesen. Meine Frau und ich sind auch schon fünf Jahre zusammen, das ist unser daily life. Mit dem Unterschied, dass jetzt auch ein kleiner König dabei ist, Sir Henri.

Sie sind jüdischer Herkunft, woran glauben Sie?

Meine Religion ist Manchester United. Ich bin fanatischer Fussballfan. Woran ich glaube? Dass über uns sicher etwas ist; ob man das Schicksal, Jesus, Mohammed, Buddha oder Ganesh nennt, muss jeder für sich selber entscheiden. Aber es wäre arrogant zu denken, dass da nichts ist. Also ich glaube an Schicksal und nicht an Zufall. Und dass man es beeinflussen kann. Ich versuche, als Ehrenmann, Gentleman und Musketier durchs Leben zu gehen.

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