«Ich bin hier, um zu lernen»

Andrea Schelbert
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Hat schwierige Momente hinter sich: Caroline Chevin.

Hat schwierige Momente hinter sich: Caroline Chevin.

M it meiner Musik will ich meine Gefühle ausdrücken und meine Geschichten authentisch erzählen. Ziel meines Schaffens ist, dass ich den Leuten etwas mitgeben oder bei ihnen innerlich etwas bewegen kann. Im besten Fall helfen meine Lieder Menschen über eine schwere Zeit hinweg.

Diese Worte stammen von Caroline Chevin (38). Mit dem Tod ihres Vaters, der 2012 im Alter von knapp 80 Jahren gestorben ist, hat auch Chevin schwierige Momente erlebt. Ihren Vater beim Sterbeprozess zu begleiten, sei eine prägende Erfahrung gewesen: Dadurch habe sie festgestellt, dass man keine Angst davor haben muss. «Der Tod gehört wie die Geburt zum natürlichen Lauf des Lebens.» Die Sängerin hat aber auch beobachtet, dass der Tod bei uns in der Schweiz ein Tabuthema ist: «Man spricht hier nicht gern darüber, in anderen Kulturen aber wird der Tod richtig zelebriert. Ich glaube, dass wir mehr darüber reden sollten, dann hätten wir auch weniger Angst vor dem Sterben.»

Trauer braucht Geduld

Nicht nur über den Tod, sondern auch über ihre Wurzeln hat sich die Luzernerin Gedanken gemacht. «Ich habe mich gefragt, was jetzt mit meinen Wurzeln passiert ist, wo er nicht mehr in meinem Leben ist. Ich habe mich intensiv damit befasst. Letztlich hat mich diese Erfahrung reifer und erwachsener gemacht.» Die Musik und das Gespräch mit Familien und Freunden haben Chevin über die Trauer hinweg geholfen. Zwischendurch suchte die Sängerin die Ruhe und zog sich in ein abgelegenes Haus zurück. «Ich bin jemand, der vieles am liebsten mit sich selber ausmacht», sagte sie in einem früheren Interview dazu. «Man muss in Zeiten der Trauer geduldig mit sich selber sein. Es ist ein Prozess, für den man Zeit braucht.»

Ihr wichtigstes Ritual

Caroline Chevin ist eine sensible, herzliche und kontaktfreudige Frau. Während des Interviews, das in einem Café an der Seepromenade Weggis stattfindet, grüsst sie immer wieder Menschen, die sie auf der Strasse oder im Café sieht. Als eine Nachbarin auftaucht, entschuldigt sie sich, läuft weg und umarmt die Bekannte. Umarmungen und eine familiäre Atmosphäre sind ihr auch auf der Bühne wichtig. So treffen sich Band und das ganze Team vor jedem Konzert zum gemeinsamen Essen. «Diese Gemeinschaft schätze ich sehr. Das wichtigste Ritual kurz vor einem Auftritt ist für mich, dass ich alle Musiker und Teamkollegen herzlich umarme und einen guten Gig wünsche», erzählt sie.

Im Februar 2013 hat Chevin ihr neues Album «Hey World» veröffentlicht. «Es ist schön zu sehen, wie die Reaktionen auf meine Songs sind. Das erfüllt mich mit Freude», schwärmt sie. Dass Chevin dankbar dafür ist, was sie erreicht hat, spürt man während des Gesprächs immer wieder. «Ich gebe gerne Interviews, weil ich dadurch die Gelegenheit habe, über meine Musik zu reden. Mir ist bewusst, dass dies nicht selbstverständlich ist. Viele andere Musiker stecken genau soviel Herzblut in die Musik, schaffen es aber nicht bis dahin.» Auch die gelernte Bankfachfrau konnte lange nicht 100 Prozent von der Musik allein leben. Es gab Phasen, in denen sie in acht Bands gleichzeitig engagiert und gleichzeitig in einem Teilpensum bei der Bank tätig war. «Damals hatte ich viele Gastauftritte. Es war sehr anspruchsvoll. Ich habe eines Tages bemerkt, dass der Speicher in meinem Kopf mit den vielen Texten voll war», meint sie dazu lachend. 2006 gab sie ihren Job bei der Bank ganz auf und setzte voll auf die Musik. «Es war ein Bauchgefühl, das mich dazu bewogen hat. Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe.»

Vom Freund getrennt

Chevin schreibt in ihren neuen Songs über verschiedene Themen. In «Hey World» beschreibt sie ihre Sicht auf ihren Alltag. «Wir sind gestresst, und die heutige Zeit verlangt sehr viel von uns allen ab. Dadurch handeln wir alle sehr ich-bezogen, anstatt das Miteinander zu leben.» Kleine Gesten oder ein Lächeln würden unseren Alltag freundlicher und einfacher machen. Auch die Liebe wird in vielen ihrer Liedern thematisiert. Warum? «Letztlich ist die Liebe das, was uns am meisten beschäftigt. Jeder hat zum Ziel, dass er lieben kann und geliebt wird. Es gibt viele Formen von Liebe, und es wird darum immer wieder Songs geben, die sich damit auseinander setzen», ist Chevin überzeugt.

Sie habe in der Liebe viele Erfahrungen machen dürfen, erfreuliche und weniger schöne. Caroline Chevin ist Single, ihr Freund und sie haben sich nach zwei Jahren Beziehung getrennt. «Man will in einer Beziehung ja auch wachsen und sich weiter entwickeln.» Wenn dies nicht mehr möglich sei, käme es oft zur Trennung. «Ich bin der Meinung, dass man in einer Beziehung nicht zu schnell aufgeben sollte. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Es ist leider auch oft in der Liebe so, dass wir, wenn uns ein Partner auf den Geist geht, uns trennen und eine neue Beziehung eingehen.» Solange man das Problem aber nicht bei sich selber löse, lande man auch beim nächsten Partner wieder im gleichen Desaster. «Ich bin hier, um zu lernen. Und ich hoffe, dass ich auch in der Liebe noch viel lernen kann.»