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Udo Lindenberg: «Ich bin immer am Vorpreschen»

Udo Lindenberg legt ein neues Album vor und möchte von Maria Furtwängler für die Schauspielerei entdeckt werden. Auch politisch will er sich noch nicht zur Ruhe setzen.
Interview: Steffen Rüth
«Musik ist auch wie eine Droge»: Udo Lindenberg. (Bild: Christian Marquardt/Getty (Berlin, 7. Dezember 2018))

«Musik ist auch wie eine Droge»: Udo Lindenberg. (Bild: Christian Marquardt/Getty (Berlin, 7. Dezember 2018))

Der 72-jährige Udo Lindenberg ist so umtriebig wie eh. Zurzeit laufen die Dreharbeiten zum ­Kinofilm «Lindenberg! Mach dein Ding!», der seiner Karriere gewidmet ist, und im nächsten Sommer wird er wieder auf eine ausgedehnte Tournee gehen. Aber jetzt legt er erst mal ein neues Album vor: «MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik». Dieses Mal hat Lindenberg vermehrt auch alte Schätze aus seiner Laufbahn gehoben, etwa «Hoch im Norden», «Cowboy Rocker» oder «Der Astronaut muss weiter», doch auch neuere Lieder wie «Durch die schweren Zeiten» kommen in der Neubearbeitung gut zur Geltung. Zu den Duettgästen zählen neben andern Maria Furtwängler, Jan Delay, Marteria und Alice Cooper.

Udo Lindenberg, Sie haben Ihren Lebensstil verändert, sind auf E-Zigarre umgestiegen, trinken weniger Alkohol.

Ich rauche sowohl als auch. Nur nicht mehr 15 Zigarren am Tag. Mit der Stimme bin ich gerade sehr zufrieden, die ist schön rau, dank Whisky und Kuba-Zigarren, aber sie darf auch nicht zu rau sein. Deshalb muss ich genau dosieren. Gerade auch beim Alkohol. High werde ich bei meinen Konzerten und den ganzen Abenteuern, die ich mit meiner Musik erleben darf. Das ist auch wie eine Droge. Eine bessere Droge. Und diesen Rausch auf der Bühne, den kann ich heute auch richtig geniessen.

Jetzt legen Sie eine feine neue Platte und DVD vor. Ist das für Sie immer wieder ein neues Abenteuer, mit einem neuen Projekt in See zu stechen?

Oh ja. Mit dem Dreimaster auf den Atlantik rauszusegeln, hier und da ein paar Freigeister aufzunehmen, das war herrlich. Ein paar Leute, die ich schon ein bisschen kannte, wie Gentleman oder Marteria, die kommen dann an Bord und tragen ihren Teil bei, rappen vielleicht eine Strophe. Oder Maria Furtwängler, das war echt ein Abenteuer und ein schönes Ding. Maria und ich, das passt einfach. Sie singt mit mir überhaupt zum ersten Mal. Toll, dass sie sich das getraut hat. Erlebnisse wie dieses halten mich frisch.

Schauen Sie «Tatort»?

Ja, vor allem, wenn Maria kommt, Frau Lindholm, dann immer. Ich schaue das richtig gerne, so gerne, dass ich mitspielen will. Das wird auch momentan überlegt. Ich habe sie entdeckt für den Gesang, und sie entdeckt mich möglicherweise für die Schauspielerei. Mit Maria, das ist ein facettenreiches Zusammenwirken.

Ihr Duettpartner Jan Delay sagt über Sie, Sie seien der «Derbste». Was heisst das?

Ich denke, er meint der Krasseste und der Mutigste. Ich habe keine Angst vor grossen Dingern, bin immer am Vorpreschen mit meinen Shows, auch mit den kulturhistorischen Auftritten wie damals zu DDR-Zeiten 1983 im «Palast der Republik». Und Anfang der Siebziger sich überhaupt zu trauen, deutsche Texte zu singen, als alle anderen englisch sangen und Deutsch nur die Sprache der Schlagersänger und Liedermacher war, das war auch gewagt. Aber ich wusste, das muss irgendwie gehen. Okay, mit 15 Doppelkorn im Kopf, da kamen die deutschen Texte irgendwie angeflogen. Und heute diese Stadionshows, dieses Durchfliegen durchs Stadion, das traut sich auch nicht jeder.

Sie blicken auf «Unplugged 2» nochmals ein bisschen zurück auf Ihre frühen Lieder wie «Hoch im Norden». Kann man sagen, Sie schwelgen zugleich in Nostalgie und sind mittendrin im Jetzt? Als taufrische Legende?

Ja, das läuft alles gleichzeitig. Ich schnuppere auch manchmal an meiner Haut, ob sie schon nach Denkmal riecht. Aber nein, sie duftet nach frischer Lindenblüte. Sicher, viele sehen in mir so eine alte Legende. Doch ich selbst fühle mich eher als einen New Beginner. Du weisst ja bei jedem neuen Projekt vorher nicht, wie es wird. Ich bin da wie ein Entdecker, der durch die Nebelwand segelt, wie ein James Cook oder Vasco da Gama. Auch die Astronauten sind meine grossen Vorbilder.

Sie wollen auch ins All?

Ja, würde ich gerne. Mit dem ­Alexander Gerst, der wie ich auch Unicef unterstützt, habe ich neulich eine coole Korrespondenz gehabt. Er meinte: Komm’ doch mal an Bord. Bei dem Schleudertest dürfte ich keine Schwierigkeiten haben, ich bin im Leben schon gut rumgeschleudert. Das könnte hinhauen. Wer weiss, vielleicht landet das junge Talent Udo auch mal im All.

Gerade seit dem Comeback-­Album «Stark wie zwei» 2008 und der ersten «MTV Unplugged»-Platte drei Jahre später sind Sie permanent obenauf. Erleben Sie das auch so?

Ja, das sind jetzt echte Wunderjahre. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es nochmals so abgeht. Aber es ist wirklich so: Alles, was ich mache, geht seit zehn Jahren megamässig ab.

Haben Sie alle Ziele erreicht? Sind Sie wunschlos glücklich?

Politisch möchte ich noch mehr bewirken. Ich wünsche mir ein grosses, vereintes Europa, das zwischen den Grossmächten moderiert und zur Abrüstung mahnt. Das kann so nicht weitergehen, wie sich die Schwachmaten Trump und Putin mit ihrer Aufrüstung brüsten. Und ihre widerlichen Waffenlieferungen an die Saudis, damit die im Jemen noch besser morden können. Gerade Deutschland, als Verlierer von zwei Weltkriegen, muss als Vermittler sagen: Ihr müsst miteinander reden, reden, reden. Aufrüstung ist ein tägliches Verbrechen, während in vielen Teilen der Welt Menschen sterben. Das ist pervers und kriminell. Jeder, der nichts dagegen tut, ist Teil dieser stummen Armee, die solche Zustände durch Passivität mitträgt. Und deswegen auch «Wir ziehen in den Frieden».

Sie sprechen in diesem Lied die Hippies an, die alten Tugenden von Love and Peace. Glauben Sie noch an diese alten Utopien?

Ich bin überzeugt, dass wir solche Visionen brauchen. Keine Grenzen, keine Mauern, aber Menschenketten, das ist mein Traum. Wir müssen so viel machen, wir müssen die Ozeane retten, den Klimawandel hinbekommen, wir brauchen Geld für unsere Sozialsysteme – das sind Visionen, klar. Ich weiss aber auch, dass viel gelingen kann. Woodstock hat dazu beigetragen, dass der Vietnamkrieg endete, auch die Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King. In Deutschland die ­Bewegungen für mehr Umweltschutz, zuletzt die Aktivisten im Hambacher Forst, es ist geil, wenn Leute losziehen und für etwas eintreten. Erst waren in Berlin 300000 Menschen auf der Strasse, haben für kulturelle Vielfalt und Weltoffenheit und gegen Abschottung demonstriert.

Was soll in den nächsten Jahren bei Ihnen passieren?

Die Filmerei ist mein Ding, da passiert hoffentlich was. Dann: Planetenretten und gegen die ganzen Bekloppten vorgehen, da gibt es genug zu tun. Nächstes Jahr werde ich auf grosse Tournee gehen, da freue ich mich drauf.

Spielen Sie im Film über den jungen Udo mit, den Regisseurin Hermine Huntgeburth gerade dreht?

Ja, ich habe eine kleine Rolle. So Hitchcock-mässig komme ich mal kurz um die Ecke.

«MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik», ab 14.12.

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