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Ich bin nicht nur ich, sondern auch viele andere

Das Spiel mit Masken und Identitäten gehört zu unserer digitalisierten Zeit. Kunst spiegelt dieses gesellschaftliche Phänomen – und treibt es an.
Sabine Altorfer
Aneta Grzeszykowska baut ihr Gesicht aus Tierhäuten nach und kombiniert die Teile fotografisch zu verstörenden Gesichtern – im Bild «Selfie #19». (Bild: Raster Gallery)

Aneta Grzeszykowska baut ihr Gesicht aus Tierhäuten nach und kombiniert die Teile fotografisch zu verstörenden Gesichtern – im Bild «Selfie #19». (Bild: Raster Gallery)

Das Frauenduo Ikan Hyu spielt mit Händen und Füssen und Stimme und diversen Instrumenten gleichzeitig seinen Elastic-Plastic-Space-Power-Gangster-Future-Pop. Und wie wenn das in punkto Mehrgleisigkeit und Mehrdeutigkeit noch nicht genug wäre, setzen die beiden Musikerinnen für die Zugabe beim Konzert am letzten Samstag silberne, blinkende Fischmasken auf. Das wirkt spacig und spassig – und rätselhaft. Und vor allem: Es passt bestens in unsere Zeit. In den Alltag wie zum Geschehen auf den Bühnen dieser Welt.

Verkleidung, Rollenspiele und futuristische Outfits von Bands und Sängerinnen gehören zum Business. Von Madonna oder Alice Cooper bis zu den Strumpfmasken der Protestband Pussy Riot, die das Gesicht verhüllen, um einerseits sich der Verfolgung zu entziehen und um andererseits sich gegen gängige Schönheitsbilder zu wehren und sich weiblicher Vermarktung zu entziehen.

Masken sind uralt, wir alle kennen sie. In früheren Jahrhunderten waren sie – nicht nur in unserem Kulturkreis – fester Bestandteil des Brauchtums. Gehörten sie zu Festen, zum Ritus von Stämmen und Völkern. Bei uns bot die Fasnacht die willkommene Gelegenheit, Masken zu tragen, sich auszutoben, als ein anderer Schabernack zu treiben oder Verwirrung zu stiften.

Masken auf allen Kanälen

Anfangs des 20. Jahrhunderts brachten Masken aus Afrika und Ozeanien frischen Wind in die westliche Kunst. Künstler wie Picasso oder die Expressionisten Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner erkannten in ihren einfachen Formen, in ihrem übersteigerten Ausdruck eine urtümliche Kraft, die in der hiesigen akademischen Kunst längst unter normierten Formen und Farbschichten verloren waren. Im Primitiven und Authentischen fanden die Künstler unverbrauchte Kräfte und neue Inspiration. Sie sahen darin das vermeintlich unvermittelte Wahre. Kommt dazu, dass um 1900 auch Sigmund Freud seine Psychoanalyse entwickelte, dank derer die Menschen ihr verborgenes und verschüttetes Ich hinter ihrer äusseren Erscheinung zu erkennen versuchten.

Im digitalen Zeitalter, so scheint es, ist die Maskerade im Alltag angekommen. Vor allem auf den elektronischen Kommunikationskanälen ist das Spiel mit der Erscheinung und mit der Identität omnipräsent. Damit verbunden stellt sich uns dauernd die Frage: echt oder unecht? Maske oder reales Gesicht? Instagram ist das soziale Medium der Stunde – zählt hier doch das Bild und dominiert das Selfie. Das gilt es zu beherrschen, zu veredeln, zu faken. Oder man greift auf Kommunikationskanälen und bei Games gleich zu einem Avatar, erfindet sich mit seiner Kunstfigur eine neue Identität. Und kann sich ihrer auch wieder entledigen, sie wechseln.

Der Blick auf statt hinter die Maske

Kunst spiegelt gesellschaftliche Realitäten. So verwundert es nicht, dass Madeleine Schuppli, Direktorin des Aargauer Kunsthauses sagt: «Auch in der zeitgenössischen Kunst geniesst die Maske wieder höchste Aktualität.» Dem Thema widmet sie deshalb ab dem kommenden Wochenende eine grosse thematische Ausstellung mit 36 Künstlerinnen und Künstlern. Nicht eine These, nicht eine inhaltliche Vorgabe war für sie wichtig. Gibt es trotzdem Punkte, die diese Arbeiten aus allen Kulturkreisen verbindet?

Anders als vor hundert Jahren interessiere weniger die Maske als Objekt, sondern vielmehr ihre soziale und politische Bedeutungen, sagt Schuppli. «Nicht der Blick hinter die Maske, sondern auf die Maske und ihre Wirkung ist in der aktuellen Kunst zentral.» Mithilfe von Masken und Verkleidung können Genderfragen und Selbstoptimierungsprozesse sichtbar gemacht und verhandelt werden.

Mit Humor und Botschaft

Wenn Aneta Grzeszykowska in ihrer Serie «Selfie» Teile ihres Körpers aus Tierhäuten nachbildet und fotografisch neu montiert oder Cindy Sherman sich über Jahrzehnte als Opfer, prominente Persönlichkeit oder Gliederpuppe inszeniert, so wirkt das so gruselig wie schön – und wie eine Persiflage auf die Selfie-Manie.

Selbstzerstörung und Selbstoptimierung sind zwei der heute aktuellen Themen, in Kunst wie im Leben. Doch was heisst perfekte Schönheit? Für Schlagzeilen sorgte vor vierzig Jahren die französische Künstlerin Orlan, als sie sich mehrfach Schönheitsoperationen unterzog, um Körper und Gesicht berühmten Figuren der Kunst ähnlich zu machen.

Heutige Bildveränderungsprogramme machen solche reale Operation unnötig und vor allem lassen sie mehr Spielraum. Ob plump per Plastiksack eine Botschaft aufgestülpt wird, eine Sturmmaske versteckt, ein Schleier verhüllt, ob mit raffinierten technischen Lösungen und Schminke oder ob mit Emojis statt Gesichtern auf Fotomontagen: Dieses teils ernsthafte, teils humorvolle Spiel mit mehreren Identitäten sieht Yasmin Afschar, Kuratorin im Aargauer Kunsthaus, als eines der Leitthemen der heutigen Künstlerinnen und Künstler. Nach dem Motto, ich bin auch eine andere und ich kann sogar viele sein, handeln auch viele Selbstdarsteller in den sozialen Medien.

Was ist da mit unserer Gesellschaft passiert? Ist es Entfremdung oder Ausdruck von Ich-Bezogenheit?

Die Ich-Bezogenheit ist überlebenswichtig

Wie erklärt die Soziologie dieses Phänomen? Die Zürcher Professorin Katja Rost erklärt: «Meiner Meinung nach ist dies ein Zeichen der zunehmenden Individualisierung, und damit natürlich auch der Orientierungslosigkeit.» Frühere Orientierungshilfen wie sozialer Stand, Familie, lebenslanger Beruf oder Wohnort und Heimatort hätten zunehmend an Verbindlichkeit eingebüsst. Jeder müsse seinen Weg und seine Gemeinschaften stetig neu definieren, sagt Rost. «Damit ist Ich-Bezogenheit überlebensnotwendig, um überhaupt einen beständigen Ort in der Welt zu finden.»

Wohin führt aber dieser Weg? «Die Folge ist Anomie, das heisst Entfremdung des Einzelnen», sagt Katja Rost. Die Arbeitsteilung, Spezialisierung, Individualisierung heutiger Gesellschaften sei wohl nicht aufzuhalten und die sturen alten Werte wolle auch niemand. Und Rost ergänzt: «Was wir aber sehen, ist dass Heimat, Religion und Familie wieder an Bedeutung gewinnen. Einfach weil Gemeinschaft und Orientierung wesentlich sind.» Ob sich die Künstlerin Gillian Wearing auf ihren Selbstporträts aus diesen Gründen immer mehr ihrer Mutter angleicht?

Maske in der Kunst der Gegenwart Aargauer Kunsthaus, 1. September bis 5. Januar 2020. Vernissage: Sa., 31. August, 18 Uhr.

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