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Ich bin, wie ich mich darstelle

Mit dem Selfie hat das Porträt überwältigende Präsenz gewonnen. Doch was es zeigt, gehört seit Jahrhunderten zum Inventar menschlicher Ausdrucksbedürfnisse. Das zeigt eine Ausstellung im Rosgartenmuseum Konstanz.
Rolf App

Besonders beliebt scheint der Ermatinger Fabrikant Louis Sauter nicht gewesen zu sein. Dem Porträtmaler Viktor Surbek nicht, der ihn in eher unsympathischer Pose ziemlich nachlässig auf die Leinwand gebannt hat. Und auch ­seiner Gemeinde nicht. Als 2007 das Inventar des 1997 verstorbenen Unternehmers versteigert wird, hat sie kein Interesse am Konterfei des Firmenpatriarchen und ehemaligen Gemeindeammanns. Für nur gerade hundert Franken geht es ans Rosgartenmuseum Konstanz.

Dort hängt es zur Zeit dicht an dicht mit rund 150 anderen Porträts aus vier Jahrhunderten in der aktuellen Sommerausstellung «Charakterköpfe». Sie zeigt, wie Menschen sich quer durch die Zeiten in Szene gesetzt haben. Darin steckt ein Bedürfnis, das im Zeitalter des Selfies neue Möglichkeiten zu seiner Verwirklichung findet. «Emotionen werden ausgedrückt, Statussymbole – die Insignien der Macht in früheren Zeiten – sollen der Öffentlichkeit gezeigt werden, und millionenfach werden Porträts in die globale Netzwelt katapultiert, ausgetauscht und kopiert», beschreibt Lisa Foege in der Begleitpublikation die Gegenwart. «Sogenannte Insta­gram-Stars geben mit ihren Bildwelten die modischen Trends der Selfie-Porträts vor – ganz wie einst Franz Xaver Winterhalter.»

Königin Victoria trauert um ihren Porträtmaler

Der aus dem Schwarzwald stammende Franz Xaver Winterhalter ist im 19.Jahrhundert derPorträtmaler schlechthin und für Hochadel wie Grossbürgertum derart wichtig, dass die englische Königin Victoria 1873 bei seinem Ableben an ihre Tochter schreibt: «Dieser Tod ist schrecklich, nicht wieder gutzumachen.» Womit sie natürlich übertreibt. Doch immerhin, Winterhalter stellt die bis dahin gewohnte Hierarchie auf den Kopf: Nicht er wirbt um Kunden – seine bedeutenden oder wohlhabenden Kunden stehen bei ihm Schlange. Denn wer will sich nicht so schmeichelhaft ins Bild setzen lassen, wie Winterhalter es kann?

Dieses Schmeichelhafte nimmt in der Ausstellung im Rosgartenmuseum vielerlei Gestalt an, je nach dem Zweck, den die Abgebildeten verfolgen. Und, natürlich, auch je nach den Massstäben der Zeit. Die Bischöfe des 17. und 18. Jahrhunderts lassen sich noch in Herrscherpose malen, der deutsche Südwesten präsentiert sich in dieser Zeit als politisch und territorial zersplittertes Gebilde.

Ein Grossherzog, den Mantel lässig geöffnet

Mit Napoleons Siegen treten nach 1806 neue Herren auf in Gestalt der Herrscher Württembergs, Bayerns und Badens. Die württembergischen Könige machen Friedrichshafen zu ihrer Sommerresidenz. Grossherzog Friedrich I. von Baden will da nicht zurückstehen. Er verbringt die Sommer auf der Mainau, wo er 1907 auch stirbt. Die Ausstellung zeigt ihn in preussischer Generalsuniform, den Mantel lässig geöffnet. Die Zeit ist angebrochen, da auch die Herrscher Menschen werden. Anrührend schaut Königin ­Viktoria von Schweden aus dem schweren Rahmen, die im Ersten Weltkrieg in der Verwundetenbetreuung ihren Lebenssinn findet und 1928 die Mainau erbt.

Die Emanzipation wirft ihre Schatten voraus

Geradezu als Lebemann lässt Prinz Wilhelm sich im spätexpressionistischen Stil porträtieren, Viktorias Sohn, dessen Sohn Lennart 1932 die verwilderte Insel übernimmt. Der Schein trügt nicht: Wilhelm feiert ganz gern bei der Fasnacht mit. Und er ist nicht eitel. Bo Beskow malt ihn mit dekorativ abstehenden Ohren. Nicht alle lassen so etwas mit sich machen. Und gerade in bürgerlichen Kreisen muss es auch nicht immer das Einzelporträt sein. Gern zeigt man sich hier im Kreise der Familie, mit den Besitztümern als einem neuen Statussymbol im Hintergrund. Um 1810 lässt sich zum Beispiel die Familie Pauly aus Kreuzlingen vor ihrem Anwesen malen. Die Frau zeigt mit einer Geste an, woher hier das Geld gekommen ist.

So wirft die Emanzipation ihre Schatten voraus. Eine andere, diesmal technisch bedingte Emanzipation ist nicht weit. In den 1830er-Jahren erfinden die Franzosen Daguerre und Niépce mit der Daguerrotypie die frühe Fotografie. «Von heute an ist die Malerei tot», soll der Pariser Maler Paul Delaroche voller düsterer Vorahnungen ausgerufen haben. Die ersten Fotografien faszinieren sofort – und ernüchtern auch. «Auf Fotografien sehe ich aus wie ein Frosch», stellt beispielsweise der Philosoph Arthur Schopenhauer fest. Und hat damit nicht unrecht.

Doch das gemalte Porträt verschwindet nicht. Die Malerei wird freier, was sich nicht zuletzt in den Selbstporträts der Maler selber zeigt. Der in St. Gallen unterrichtende Theo Glinz malt sich 1913 mit Malerkollegen und nacktem Modell. Der Pinsel in seiner Hand zeigt auf ihrem Körper dorthin, wohin sein sexuelles Besitzstreben geht.

Hinweis

Charakterköpfe, Rosgartenmuseum Konstanz, bis 30. Dezember

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