Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Ich habe ‹Victoria› fürs Nervensystem gemacht»

Mit «Victoria» hat Sebastian Schipper («Absolute Giganten») an der Berlinale den Silbernen Bären gewonnen. Auf seinen in einer Einstellung gedrehten Film fahren auch die Amerikaner voll ab.
Vor einem Berliner Club lernt die Spanierin Victoria (Laia Costa) vier Jungs kennen. Zwischen ihr und Sonne (Frederick Lau, Mitte) knistert es sofort. Doch die vier Freunde müssen erst ein krummes Ding drehen. (Bild: PD)

Vor einem Berliner Club lernt die Spanierin Victoria (Laia Costa) vier Jungs kennen. Zwischen ihr und Sonne (Frederick Lau, Mitte) knistert es sofort. Doch die vier Freunde müssen erst ein krummes Ding drehen. (Bild: PD)

Über Ihren Film wird viel geredet, und Sie bekommen viel Lob, manchen dauert der Anfang zu lange.

Sebastian Schipper: Manchmal sind die besten Sachen die, die einfach passieren. Ein grosses Problem des Filmemachens ist, dass man hier alles verschlimmbessern kann, um es mal mit diesem schönen Wort zu sagen. Man denkt, man könnte alles kontrollieren. Filme werden so geplant, als würde man sich für einen einwöchigen Urlaub vorher alles ganz genau überlegen, damit es unbedingt gut wird.

Was heisst das, übertragen auf den Film?

Schipper: Man arbeitet ewig lang am Drehbuch, dann setzt man es um und versucht, aus diesem Ergebnis den Film zu schneiden. Aber ich glaube, dass oft die Sachen, die sich nebenbei ergeben, wichtig sind. Und bei uns war das die Ausgangslage. Ich finde es gut, dass unser Film nicht so anfängt wie ein Film über einen Banküberfall.

Hätte das auch anders sein können?

Schipper: Ich glaube, wenn ich den Film geschnitten hätte, hätte ich schon gedacht, dass ich von Anfang an einen gewissen Rhythmus vorgeben muss. Mir gefällt, dass er jetzt einen so elliptischen Rhythmus hat.

So lernt man auch die Protagonisten besser kennen, dadurch funktioniert die Geschichte überhaupt erst.

Schipper: Ja. Wenn ich gefragt werde, ob ich den Film für den Kopf oder für das Herz mache, sage ich immer, ich habe «Victoria» fürs Nervensystem gemacht. Wenn ein Film langsam anfängt und dann so eine Richtung einnimmt, ist der Zuschauer ganz anders konditioniert, als wenn der Film gleich so einen schnellen Rhythmus hat. Ich wundere mich, wenn Leute sagen, ich fand den Film gut, nur an einigen Stellen war er mir zu lang. Wie soll das gehen? Man kann das eine doch nicht ohne das andere haben. Dann müssten alle Filme ohne Längen tolle Filme sein.

Aber es passiert doch auch viel in Szenen, in denen nur geredet wird.

Schipper: Eben. Ich muss auch zugeben, dass ich eine Schwäche dafür habe, wenn dummes Zeug geredet wird. Ich mag das.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film ohne Schnitt zu drehen?

Schipper: Es fing alles damit an, dass ich den Tagtraum hatte, eine Bank zu überfallen und überlegte, wie ich das machen würde. Aber ich bin ja Filmemacher und kein Bankräuber. Aber dann stellte ich fest, dass ich von der Idee, einen Film über einen Banküberfall zu machen, total gelangweilt war und fragte mich, wie das sein kann. Daraus entstand die Idee, das in einer Einstellung zu drehen, um wirklich in die Haut der Protagonisten schlüpfen zu können.

Aber warum in einer Einstellung, was ist denn so schlimm an Schnitten?

Schipper: An Schnitten ist gar nichts schlimm. Das ist, als würde man sagen, warum fährst du nach Italien, was ist denn so schlimm an Spanien? Wenn man sich für eine Sache entscheidet, entscheidet man sich notwendigerweise gegen eine andere. Ich komme noch mal auf das Optimieren zurück. An Schnitten ist oft «schlimm», dass man alle Fehler rausnimmt. Aber Film braucht Fehler.

Was für Fehler?

Schipper: Ich habe das Gefühl, dass das Kino, das deutsche und auch das internationale, aufpassen muss, nicht so ein Streichelzoo zu werden. Es ist doch kein Wunder, dass sich ein filmischer Geist, vor allem in den USA, in die Serien geflüchtet hat, denn da passieren auf einmal Dinge, mit denen man nicht rechnet. Es gibt dramaturgisch spannende Wendungen, Charaktere sterben mittendrin, und die Figuren dürfen unsympathisch sein. Das sind Sachen, die im Kino nur noch ganz selten vorkommen.

Im Kino ist Ihnen also alles zu vorhersehbar?

Schipper: Ja, man hat doch nur die Wahl zwischen Komödien, Filmen, in denen alles explodiert oder Arthouse, das anspruchsvoll oder auch langweilig sein kann. Man sagt bei allen Filmen nur noch, das ist so ein Film wie ... Letztendlich bedeutet das aber doch nur, dass der Film nicht so gut ist wie das Original.

Erzählen Sie von den Figuren in Ihrem Film.

Schipper: Ich glaube, dass es heutzutage ganz schön rau ist, in unserer Welt ein junger Mensch zu sein. Dafür steht Victoria als Spanierin. Und dann trifft sie auf diese Gruppe von Berliner Jungs, die so bedingungslos zusammenhalten. Sie kommt aus einer privilegierten Familie, hat Klavier am Konservatorium gelernt, die Jungs hatten keine grosse Chance auf Bildung. Die Welt scheint diesen und vielen anderen jungen Menschen zu sagen, wir brauchen euch nicht. Für viele junge Menschen aus der ganzen Welt ist Berlin ein Sehnsuchtsort, man trifft hier auf Gleichgesinnte.

Was wäre, wenn es nicht geklappt hätte, den Film in einem Rutsch zu drehen?

Schipper: Wir sind ohnehin so herangegangen, dass wir dachten, vielleicht drei, vier Schnitte zu machen. Dann wären es immer noch sehr lange Plansequenzen gewesen. Es ging nicht darum, den Film in einem Take zu drehen, um ihn nicht zu schneiden, sondern ich dachte, die Bilder werden eine andere Autorität bekommen, wenn wir alles in einem durchspielen.

Wie haben Sie die Schauspieler auf diese Aufgabe vorbereitet?

Schipper: Sie mussten ihre Figuren verstehen, verstehen, worum es in den Szenen geht, um in diese Emotionalität hineinzukommen.

Sie haben drei Takes gedreht. Wird es die anderen vielleicht auf DVD zu sehen geben?

Schipper: Das weiss ich noch nicht. Einerseits wäre es vielleicht interessant, denn der erste Take ist kein richtiger Film. Es wurden zwar keine Fehler gemacht, aber es ist nicht emotional, sondern eigentlich nur die technische Durchführung. Der zweite ist total chaotisch. Aber was würde es bringen, das zu sehen?

Was macht Ihrer Meinung nach einen Film gut?

Schipper: Ich will die Figuren verstehen, ihre Motivationen, etwas zu sagen oder zu tun. Oft sehe ich einen Film und frage mich, warum macht der das denn jetzt? Warum sagt der das? Ich glaube, in unserem Film kommt das kaum vor, und das macht seine Stärke aus. Nicht, dass er in einem Take gedreht ist.

Haben Sie diesen Erfolg erwartet?

Schipper: Ich wusste, dass der Film was Besonderes wird und dass die, die dabei sind, es nicht bereuen werden. Das wusste ich auch schon bei «Absolute Giganten». Die Amerikaner fahren auch völlig auf den Film ab, vor allem weil sie wissen, dass das bei ihrem System nicht funktionieren ­würde. Die sagen, so einen Film könnten wir hier nie so drehen.

Einen amerikanischen Verleiher haben Sie also schon gefunden?

Schipper: Ja. Erst sollte «Victoria» nur in New York und Los Angeles starten, aber mittlerweile startet er in acht Städten. Das ist so verrückt, dabei haben wir doch einfach nur einen kleinen wahnsinnigen Film gemacht.

Tatjana Niezel/Ricore

Die Filmbesprechung erscheint diese Woche in der Tagesausgabe.

Filmemacher Sebastian Schipper: «Manchmal sind die besten Sachen die, die einfach passieren.» (Bild: PD)

Filmemacher Sebastian Schipper: «Manchmal sind die besten Sachen die, die einfach passieren.» (Bild: PD)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.