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Die «Herbstzeitlose» am Luzerner Theater: «Ich liebe den gemeinsamen Herzschlag»

Nach Jahrzehnten und mit vielen Erinnerungen wieder in einer Operette am Luzerner Theater: Heidi Maria Glössner (76) blickt zurück und nach vorne.
Interview: Urs Mattenberger
War in den 70er-Jahren am Luzerner Theater, wo sie jetzt in der Operette «Märchen im Grand Hotel» auf der Bühne steht: Heidi Maria Glössner. (Bild: Dominik Wunderli)

War in den 70er-Jahren am Luzerner Theater, wo sie jetzt in der Operette «Märchen im Grand Hotel» auf der Bühne steht: Heidi Maria Glössner. (Bild: Dominik Wunderli)

Heidi Maria Glössner, es brauchte mehrere Anläufe für diesen Gesprächstermin. Waren die Endproben für die Operette «Märchen im Grand Hotel», die am Samstag Premiere hatte, intensiver als sonst?

Das Stück erforderte tatsächlich einen besonderen Aufwand, weil eine eigene Fassung erstellt wurde. Da geht es natürlich etwas chaotischer zu und her. (lacht) Vor allem aber musste ich rund um die Premiere einmal ins Tessin und drei Mal nach Bregenz fahren, wo ich in Joan Didions Monolog «Das Jahr magischen Denkens» 90 Minuten lang auf der Bühne stehe: ein grossartiger Text, in dem die Autorin über das Leben nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Tochter reflektiert.

Wie bewältigen Sie ein solches Arbeitspensum mit 76 Jahren, in einem Alter, wo sich viele über Gedächtnislücken beklagen?

Texte auswendig zu lernen ist mir schon in der Jugend leichtgefallen, und daran hat sich bis heute nichts geändert. In Didions Monolog liegt zwar ein Ausdruck des Textes bereit – im Notfall würde ich darin wie beiläufig in einem Buch blättern, ohne dass das Publikum Verdacht schöpft. Aber benötigt habe ich das bisher nicht. (lacht) Ich denke, das lebenslange Training hält mich fit – etwas anderes wie Mentaltraining oder Sport mache ich jedenfalls nicht.

Sie sind in der Operette viel älter als der Kellner, der Sie liebt. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

Als ich für die Rolle der Putzfrau/Prinzessin im «Grand Hotel» angefragt wurde, fragte ich mich zuerst schon, wieso sich der arme Samuel Streiff als Kellner in eine «alte Schachtel» verlieben muss. (lacht) Für mich war klar: Das macht nur Sinn, wenn die Beziehung des Kellners zu mir nicht als reale Liebesgeschichte gezeigt wird, sondern als irreale Schwärmerei. Und genau darauf ist die Inszenierung angelegt. Alle Figuren spielen im Hotel und im Film, der über das Hotel gedreht wird, Doppelrollen. Das hält alles und auch diese Schwärmerei in der Schwebe.

Trotzdem stellen Sie der Melancholie des Hotel-Ausverkaufs einen frischen Lebensmut entgegen. Lässt sich das Alter auf der Bühne leichter wegspielen als im Film, wo Sie auch als «Herbstzeitlose» bekannt wurden?

Der Eindruck des Alters hängt entscheidend mit der Rolle und ihrer Körperlichkeit zusammen. Aber in meinem Fall spielt sicher auch mein Temperament und meine Art, mich zu bewegen, mit hinein. (deutet einen Hüftschwung an) Schon als ich jünger war, riet mir mal ein Regisseur, mich altersgemässer, also weniger jugendlich zu bewegen. (lacht) Aber im Film lässt sich das Alter tatsächlich viel weniger weg­spielen.

Wegen der Nahaufnahmen?

Ja, wobei gerade sie eine Stärke des Films sind. Sie ermöglichen eine Intimität, bei der man alles zurücknehmen kann und nur noch die Gedanken zählen. Aber HD-Kameras haben heute eine Detailschärfe, die einen viel älter aussehen lässt als man in Wirklichkeit ist. Einfach weil sie jedes Barthaar und jede Falte in einer Schärfe wiedergeben, die das Auge gar nicht sieht oder gnädig übersieht. Aber ich bin doch vor allem Theaterschauspielerin. Ich liebe es, mich mit dem Publikum auszutauschen und den gemeinsamen Herzschlag mit den Zuschauern zu spüren.

Sie haben Ihre Karriere als Ensemble-Mitglied am Luzerner Theater (1976–87) begonnen. Wie haben Sie seither die Entwicklung etwa des Regietheaters erlebt?

Wenn es dabei nicht um pure Provokation ging, hat mich das immer interessiert. Wissen Sie, mit der Zeit war mir aufgefallen, dass in jeder «Bohème» das Mansardenfenster in der Dachschräge oben links war und in der «Tosca» der Altar immer rechts auf der Bühne stand. Das war mit der Zeit langweilig, und so habe ich es geschätzt, dass in meiner Zeit im Ensemble in Bern Intendant Eike Gramss zunächst mit neuen Formen experimentiert hat. Damals, in den 90er-Jahren, war Body Painting angesagt, wir standen weiss oder bunt geschminkt, mit Masken und halb nackt auf der Bühne, bis auch das wieder langweilig zu werden drohte. Theater braucht Veränderung, aber egal wie schräg eine Inszenierung war oder ist: Wichtig ist für mich immer, dass die Geschichte im Zentrum steht und dass sie so erzählt wird, dass sie berührt.

Modern inszenierte Operetten führten in Luzern immer wieder zu Kontroversen. Wie sehen Sie da den Unterschied vom «Märchen im Grand Hotel» zu Ihren Operetten in den Siebzigerjahren in Luzern?

«Die goldene Meisterin» und «Das weisse Rössl», in denen ich damals mitgespielt habe, waren ganz traditionelle Inszenierungen. Aber auch in der Operette finde ich neue Regieansätze spannend, wenn der Charakter einer leichtfüssigen Unterhaltung gewahrt bleibt. Das kann, wie jetzt im «Grand Hotel», bis zur völligen Neukonstruktion gehen, wenn sich dadurch die Geschichte mit neuen Aspekten erzählen lässt.

Dass zum Schluss die Gender-­Rollen so vertauscht werden, dass selbst ein «Junge» mal mit einem «Mann» glücklich werden soll, ist keine Provokation?

Dass man Gender-Rollen grundsätzlich aufweicht, ist angesichts der veralteten Geschlechterklischees im Stück sicher legitim. Wie die Marthaler Schauspielerin und Sängerin Tora Augestad diese zuvor bereits ironisiert, finde ich grossartig.

26 Jahre liegen zwischen dem ersten und dem letzten «Tatort», in dem Sie mitgespielt haben. Wie gross war da der Unterschied?

Gewaltig! Die «Tatort»-Folgen Anfang der 90er-Jahre waren normale Krimis, wo ich als Sekretärin ein, zwei Sätze sagen durfte. «Die Musik stirbt zuletzt» (2018) von Dani Levy war auch deshalb eine ganz spezielle Erfahrung, weil die vier Durchläufe im KKL jeweils in einem einzigen Take aufgenommen wurden. Das verlangte, 89 Minuten lang ohne einen einzigen Unterbruch durchgespielt, von uns Schauspielern ein Spiel und eine Präsenz wie im Theater. Da waren Film und Bühne praktisch eins.

Was bedeutet für Sie persönlich die Rückkehr auf die Luzerner Bühne?

Sehr viel. Ich bin eine echte Heimwehluzernerin, obwohl ich in Bern gut aufgehoben bin. In Luzern lebt, nach dem Umweg über Bern, auch mein Sohn mit seiner Familie. Als Kind deutscher Eltern bin ich der Stadt bis heute dankbar, dass sie mir einst das Bürgerrecht verlieh. Nur dass ich dafür bei der Prüfung den Namen des letzten Wey-Zunftmeisters und Fritschi-Vaters wissen musste, überraschte mich. Zum Glück hatte mir zuvor jemand die Namen ­gesteckt.

«Märchen im Grand Hotel», Operette von Paul Abraham, im Luzerner Theater. Aufführungen bis 13. März; www.luzernertheater.ch.

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