Interview

Starflötist Sir James Galway: «Ich übe immer noch jeden Tag Tonleitern»

Der Wahl-Megger und Starflötist Sir James Galway ist 80 geworden. Deshalb tritt er mit den Festival Strings im KKL auf.

Interview: Roman Kühne
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Sir James Galway in seinem Daheim in Meggen.

Sir James Galway in seinem Daheim in Meggen.

Bild: Nadia Schärli (30. Oktober 2017)

Sir James Galway, Sie sind gerade auf Ihrer Ursprungsinsel Irland unterwegs und spielen die Flöte, ein typisch irisches Instrument?

Die «Tin whistle», die irische Flöte, ist wohl mehr im Ausland das typische Instrument Irlands. Von der Geschichte her sind die keltische Harfe, die auch die irische Pfundmünze zierte, oder die Uilleann Pipes, unser Dudelsack, wichtiger. Ich spiele Querflöte. Die irische Flöte ist gerade.

Neben Irland sind Sie sind auch Meggen besonders verbunden.

Natürlich. Hier lebe ich seit Jahrzehnten. Auch findet in Meggen mein jährliches Flötenfestival statt. Viele meiner ehemaligen Schüler, zum Beispiel die Soloflötisten vom Royal Concertgebouw, von Rom oder vom Royal Opera House, unterrichten dann etwa 170 Musikbegeisterte. Ein toller Anlass, wo wir das ganze Spektrum des Flötenspielens ­abdecken, von der Bassflöte bis zum Piccolo und von der alten Musik bis hin zur Moderne.

Sie sind berühmt für Ihre Goldflöte. Ist sie tatsächlich aus purem Gold?

Nein, es ist eine Platinflöte mit Goldklappen. Die biegen sich nicht wie Silberklappen. Dadurch ist die Reaktion des Instruments, also mein Spiel, schneller. Die Platinflöte gibt mir auch mehr Farbmöglichkeiten. Meine Querflöten sind alle auf meine Finger angepasst, handgefertigt von der Firma Nagahara in Boston. Viele Flöten werden heute in Taiwan oder China vorproduziert. Nur der Finish findet noch in der Manufaktur statt. Nagahara ist noch eine der wenigen, welche die ganze Flöte selber im eigenen Geschäft produziert.

Im Zug historischer Aufführungspraxis wird oft auch auf Holzflöten gespielt. Wäre dies eine Option für Sie?

Ich denke nicht, dass es einen grossen Unterschied ausmacht, ob die Musik auf Holz- oder Metallflöten gespielt wird. Ich erinnere mich an ein Konzert des NHK-Sinfonierochesters in Tokio. Sie spielten Mozart mit Holzflöten, und es hat nicht so getönt, wie ich es erwartet habe. Würde man hinter einem Vorhang sitzen, man könnte nicht sagen, welche Art Flöte jetzt gerade gespielt wird.

Sie machen seit über siebzig Jahren Musik. Wie schafft man es, das hohe Niveau so lange zu halten?

Ich nehme meinen Job sehr ernst. Schon im Studium habe ich sechs bis sieben Stunden am Tag geübt. Selbst heute übe ich noch sehr viel. Vor allem meine Artikulation und meine Intonation pflege ich konstant. Diese Grundlagen sind ein Leben lang wichtig. Ich gebe jungen Spielern den Ratschlag, viele lange Noten zu spielen. Beherrscht man den konstanten reinen Ton, wird das eigene Spiel viel flexibler. Ich spiele auch jeden Tag Tonleitern. Mozarts Musik etwa ist vor allem aus vielen Tonleitern geschickt zusammengesetzt.

Sie sagten mal, Sie hören eigentlich keine Flötenmusik. Gibt es dennoch musikalische Vorbilder für Sie?

Damals gab es nicht viele Flötisten, die mich beeindruckten. Ein grosses Vorbild war für mich der Geiger Jascha Heifetz oder der Cellist Mstislav Rostropovič. Beide haben ein Singen, ein Schweben in ihrer Musik, das ich auch erreichen wollte.

Sie waren für kurze Zeit Soloflötist bei den Berliner Philharmonikern unter Karajan, bevor Sie – damals noch unüblich – voll auf Ihre Solistenkarriere setzten. War er ebenfalls ein Vorbild?

Ich habe bei ihm extrem viel gelernt. Er war einfach ein Spitzendirigent. Aber auch Rudolf ­Kempe oder Daniel Barenboim waren oder sind wunderbare Musiker, mit ihnen habe ich immer gerne gespielt. Wenn ich in London einen freien Tag hatte, dann bin ich zum Beispiel in den Covent Garden gegangen und habe mir Kempe mit «Lohengrin» angehört. Dies waren sehr tiefe Erlebnisse.

Ihr Geburtstagskonzert in Ihrer zweiten Heimat Luzern spielen Sie jedoch mit den Festival Strings Lucerne. Was verbindet Sie mit ihnen?

Mit ihnen habe ich unter Rudolf Baumgartner 1976 die Mozart- Flötenkonzerte aufgenommen. Dies war meine erste Aufnahme. Das heisst, eigentlich war es mein zweites Album. Das erste machte ich mit dem Irish Chamber Orchestra. Dies wurde aber erst später publiziert. In Irland sah man meine Karriere nicht als dringlich an (lacht).

Beim Konzert tritt auch ein Flötenorchester auf?

Zuerst bringe ich ein paar Höhepunkte aus klassischen Werken für die Querflöte. Daneben gibt es jedoch auch eine «Zauberflöten»-Ouvertüre und viele kleine Stücke, auch irische Musik, die zu meinen Lieblingen gehören. Und ja, am Schluss trete ich gemeinsam mit über 30 meiner Flötenschüler auf, alle aus der Umgebung von Luzern.

Eine letzte Frage: Was macht eigentlich Sir James Galway, wenn er nicht Flöte spielt?

Nichts (lacht). Nein, ich höre zum Beispiel viel Jazz oder spiele Schach. Dann schickt mir ein guter Kollege, der Präsident des Massachusetts Institute of Technology ist, regelmässig Bücher. Jetzt lese ich gerade eines über die Entdeckung des Uranus durch Wilhelm Herschel. Das letzte war über das Leben von Charles Newton. Es wird mir also nicht langweilig.

Sir James Galway und Festival Strings Lucerne, Freitag 10. Januar 2020, 19.30 Uhr, KKL.