Hampus Lindwall: «Ich spielte während einer ganzen Stunde einen einzigen Ton»

In der Kunsthalle St. Gallen ist zurzeit das Libretto für eine Oper ausgestellt. Komponist Hampus Lindwall hat daraus eine Orgelkomposition entwickelt, die er am Donnerstag in der St. Galler Linsebühlkirche spielt.

Interview: Christina Genova
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Der 42-jährige Organist Hampus Lindwall hat eine Ausstellung der Kunsthalle St. Gallen vertont. (Bild: PD)

Der 42-jährige Organist Hampus Lindwall hat eine Ausstellung der Kunsthalle St. Gallen vertont. (Bild: PD)

In der Kunsthalle St. Gallen ist zurzeit das Libretto für eine Oper ausgestellt. Beschrieben wird darin eine Diktatur, in der jegliche Kreativität und Kommunikation verboten und mit grausamen Strafen belegt ist. Das Libretto wurde in der bedrohten griechischen Pfeifsprache Sfyria gepfiffen und der schwedische Komponist Hampus Lindwall hat daraus eine Orgelkomposition entwickelt. Er spielt sie morgen in der St. Galler Linsebühlkirche.

Hampus Lindwall, ist die Komposition für die Kunsthalle St. Gallen Ihr bisher verrücktestes Projekt?

Ich habe schon viele verrückte Projekte gemacht, das ist meine Spezialität. Dieses Projekt ist übrigens gar nicht so verrückt, sondern eine wunderschöne und poetische Interpretation der Pfeifsprache Sfyria. Aber wenn Sie mich nach verrückten Projekten fragen: Ich spielte während einer ganzen Stunde einen einzigen Ton, oder gar keinen Ton.

Das Libretto stammt von einem Künstler, der unter dem Namen «Studio for Propositional Cinema» auftritt. Sie arbeiten ab und zu mit Künstlern. Was gefällt Ihnen daran?

Kooperationen mit Künstlern erweitern den Horizont ausserordentlich. Man kommt auf Ideen wie man Dinge tun kann, die nicht auf der Musiktradition basieren.

Wie gingen Sie beim Komponieren vor?

Das Libretto besteht aus sechs Liedern, die sechs Charakteren entsprechen. Beim ersten Lied versuchte ich, möglichst nahe an der Pfeifsprache zu bleiben. Bei den weiteren Liedern verwendete ich die gepfiffene Sprache als Basis, aber verwandelte sie etwas. Das Ausgangsmaterial bleibt aber erkennbar.

Im Juni haben Sie Ihre Komposition in Basel in der St.Alban-Kirche uraufgeführt. Wie war es?

Für das Publikum war es eine spirituelle Erfahrung. Die Leute sagten mir danach, es sei ihnen vorgekommen, als seien sie ausserhalb von Raum und Zeit. Das hatte ich nicht erwartet. Ich dachte, sie würde sich mehr mit der Sprache auseinandersetzen oder analysieren, wie die Komposition aufgebaut ist. Aber das Publikum hörte wirklich zu, das macht mich sehr glücklich. Es gab eine grosse Verbundenheit unter den Zuhörenden und mit mir als Musiker.

Sie geben unkonventionelle Orgelkonzerte überall auf der Welt. Wie begann Ihre Liebe zur Orgel?

Als Kind spielte ich elektrische Gitarre. Dann traf ich mit Fünfzehn einen Freund meines Vaters, der Amateurorganist ist. Mitten in der Nacht öffnete er mit seinem Schlüssel die Kirche, zeigte mir seine Orgel und spielte super laut. Ich war total fasziniert: Es gab mehrere Keyboards, überall Knöpfe und Pedale und so viele Pfeifen. Ich fand das richtig cool und wusste, das will ich auch.

Was wünschen Sie sich für das Konzert in St. Gallen?

Ich wünsche mir, dass die Leute mit offenen Ohren zuhören und darüber nachdenken, wie flüchtig sowohl Musik als auch Sprache sind: Sfyria ist eine aussterbende Sprache und auch das Konzert gibt es nur einmal.

Konzert Donnerstag, 6.9.18, 18.30 Uhr, in der Linsebühlkirche St. Gallen; Dauer 53 Minuten.