Veranstalter im KKL: Nach der Solidarität wieder Vollgas

Im Corona-Modus entwickeln Veranstalter Ideen über die Krise hinaus. Das zeigt das Beispiel von Pirmin Zängerles City Light Concerts im KKL. Sie sind doppelt betroffen, aber versprechen mit einem diversifizierten Konzept ab Herbst wieder Vollgas.

Urs Mattenberger
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Die Musik-Filmpremiere von «Superman» – im Bild Schauspieler Christopher Reeve – soll am 16. Mai im KKL stattfinden, als Weltpremiere begleitet vom City Lights Symphony Orchestra.

Die Musik-Filmpremiere von «Superman» – im Bild Schauspieler Christopher Reeve – soll am 16. Mai im KKL stattfinden, als Weltpremiere begleitet vom City Lights Symphony Orchestra.

Filmbild

«Ich bin überrascht, wie man den durch den Coronavirus erzwungenen Stillstand auch positiv nutzen kann», sagt Pirmin Zängerle, der als Veranstalter im KKL Luzern mit seinen City Lights Concerts eine besondere Rolle spielt: «Man kann diese Zeit nutzen, um vermehrt über längerfristige Perspektiven nachzudenken. Da geht es auch um die Frage, wie man sich künftig aufstellen muss, um gegen solche Krisen besser gewappnet zu sein».

Eine Sonderrolle hat Zängerle insofern, als er sowohl die Musiker eines eigenen Projektorchesters – des City Light Symphony Orchestra – unter Vertrag hat, als auch Gastproduktionen nach Luzern holt. Das sind einerseits Filmproduktionen wie die für den 16. Mai vorgesehene «Superman»-Weltpremiere. Anderseits steht mit einem Beethoven-Fest mit dem Kammerorchester Basel und Starsolisten ab 24. Mai eine prominente Klassik-Serie auf dem Programm.

«Ein Silberstreif am Horizont»

Andere Grossveranstalter im KKL tragen – wie im Fall des Luzerner Sinfonieorchesters – die Fixkosten für ein eigenes Orchester. Oder sie laden Gastformationen ein, wobei bei einer Absage die Kosten fürs Büro, Werbung und Stornierungen anfallen. Am massivsten betroffen sind die Obrasso Concerts, der Lucerne Chamber Circle oder die Alegria-Konzerte, unter deren Label das 21st Century Orchestra im KKL auftritt (siehe Kasten). Die meisten von ihnen versuchen, möglichst viele Termine zu verschieben, um den Schaden gering zu halten.

Im Fall von Zängerle kommt beides zusammen. An seinem Beispiel kann man ermessen, wie existenziell die Corona-Krise Veranstalter trifft. «Die Bedrohung ist auf jeden Fall existenziell», bestätigt der Kulturmanager: «In der ersten Märzhälfte war ich pessimistisch. Aber seit klar ist, dass ein Hilfsprogramm vom Bund auch für Kulturveranstalter hochgefahren wird, zeigt sich ein Silberstreif am Horizont».

Veranstaltern droht das Schicksal der Taxifahrer

Aber für die Zeit, in der die gegenwärtigen Einschränkungen gelockert werden, sieht Zängerle ein neues mögliches Problem. «Die Kartenverkäufe sind eingebrochen, auch für Konzerte bis in den Herbst hinein», stellt er fest: «Falls diese Zurückhaltung beim Publikum anhält, ist denkbar, dass wir in eine ähnliche Situation kommen wie momentan die Taxifahrer: zwar dürfen nach einer Lockerung der Massnahmen vielleicht wieder Veranstaltungen stattfinden, aber das Publikum bleibt weg.»

Bis dahin haben Veranstalter andere Sorgen. Wo sie Musiker eines eigenen Orchesters unter Vertrag haben, stellt sich die Frage, wie diese für die entfallenden Gagen entschädigt werden können: «Es ist meine Verantwortung als Veranstalter, im Rahmen des Möglichen eine Ausfallentschädigung für die Musiker des City Light Symphony Orchestra sicher zu stellen. Ich möchte ja, dass die Musiker auch nach der Krise im Orchester spielen.»

Zum Silberstreif am Horizont gehört, dass für solche Teilzeitarbeitsverträge die Kurzarbeitszeit-Regelung des Bundes zum tragen kommen könnte. Für die mehreren 100000 Franken, die anfallen, reichen die Rückstellungen nicht, die Zängerle für Ausnahmesituationen tätigt: «Als vor ein paar Jahren der Bahnhof Luzern wegen eines Unfalls ein paar Tage geschlossen blieb, war ein dicht gepacktes ‹City-Light›-Wochenende betroffen, weil Besucher nicht anreisen konnten», erinnert er sich: «Aber die gegenwärtige Situation ist damit natürlich nicht zu vergleichen. Speziell ist jetzt, dass der Umsatz in breiter Front eingebrochen ist, auch in Bereichen wie der Gastronomie, die eng mit Veranstaltungen verknüpft sind.»

Komplizierte internationale Verflechtungen

Bei Gastspielen kommen erschwerend die internationalen Verflechtungen hinzu. In den Filmmusik-Projekten betrifft das Filmstudios und Agenturen. Diese zeigen sich zwar kulant und übertragen die Lizenz-Verträge auf Verschiebedaten. Zängerle spürt eine grosse Solidarität in der Branche. Aber für die Weltpremiere von «Superman» will die Agentur mit einem eigenen Produktionsteam vor Ort sein: «Angesichts der aktuellen Corona-Entwicklung in den USA ist denkbar, dass dieses nicht in die Schweiz reisen kann. Es ist also möglich, dass wir hier Veranstaltungen durchführen dürfen, das aber wegen solcher Verflechtungen dennoch nicht möglich ist.»

Zu den längerfristigen Perspektiven gehört die Diversifikation des Angebots. Diese hat Zängerle freilich schon vor Corona aufgegleist. Nach der Trennung Zängerles vom 21st Century Orchestra, mit dem er das live begleitete Film-Format im KKL aufgebaut hatte, wurden die einst gemeinsamen Film-Termine im KKL für beide quasi halbiert. Als Folge davon baute Zängerle im Rahmen der City Light Concerts das Angebot an Klassik-Konzerten aus – bis hin zum erwähnten Beethoven-Fest mit Konzerten am 24. und 31. Mai sowie 12. Juni.

Inhaltliche Neuausrichtung hat bereits begonnen

Das ist bereits eine «inhaltliche Neuausrichtung», bestätigt Zängerle: «Aber wir werden darüber nachdenken, wie wir diese Diversifizierung ausbauen könnten – bezüglich der Saisonalität wie der Lokalität». Als Gegenbeispiel nennt er Grossprojekte, mit denen er in früheren Jahren im Dezember das KKL zur Film-Erlebniswelt machte: «Bei einer derartigen Ballung von Veranstaltungen wäre eine solche Krise eine Katastrophe.»

Für die Zukunft nach Corona ist Zängerle deshalb zuversichtlich und mit neuen Projekten bereit, «ab Herbst wieder Vollgas zu geben». Auch der Vorverkauf für das Beethovenfest verlief – bis zum Kriseneinbruch – gut. «Ich kann mir vorstellen, dass wir diese Konzerte auch mit nur 1000 Besuchern durchführen, falls die Bestimmungen gelockert werden und das mit Blick auf die Gesundheit der Besucher verantwortbar wäre», spekuliert Zängerle. «Auch bei einem Konzertbesuch würde gelten, dass für den Schutz vor einer Ansteckung nicht die Massnahmen entscheidend, sondern wie sie jeder einzelne von uns umsetzt.»

Entschädigungsart noch unklar

 Projektorchester Orchester, deren Musiker projektweise bezahlt werden, stehen zwischen solchen mit fixen Anstellungen und freiberuflich tätigen Musikern. Welche Entschädigung Projektorchester erhalten können, ist deshalb noch unklar. Das gilt auch für das 21st Century Orchestra. «Wir schauen gegenwärtig, wie wir den Musikern eine Entschädigung anbieten können», sagt Vereinspräsident Andy Weymann. Ob das Modell Kurzarbeit hier zur Anwendung kommen kann, ist noch nicht klar. Froh ist Weymann über die gute Zusammenarbeit mit dem Veranstalter Alegria, der die 21st-Anlässe im KKL durchführt und die meisten Termine auf später verschieben konnte. «Die Welt wird nach der Corona-Krise eine andere sein», ist Weymann überzeugt: «Aber Musik und emotionale Erlebnisse werden wichtig bleiben, weshalb wir weiter in die Zukunft planen». Auch bei den Festival Strings Lucerne ist die Entschädigungsfrage offen. «Im Moment sind wir mit dem Kanton in Kontakt und haben die Soforthilfe beantragt, die nichtgewinnorientierten Kulturunternehmen offen steht», sagt Hans-Christoph Mauruschat, der als Geschäftsführer des Tournee-Orchesters die Entwicklung im Ausland aufmerksam verfolgt und auf die Schliessung der Carnegie-Hall bis Ende Saison hinweist. «Da die Soforthilfe subsidiär ist, werden wir auch mit der Ausgleichskasse über Möglichkeiten einer Entschädigung sprechen». Das Modell Kurzarbeit sei für die Strings nicht praktikabel, weil «bei unseren Musikern zu viele Ausschlusskriterien einer Auszahlung von Leistungen entgegenstehen».
Urs Mattenberger