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St.Galler Theaterpremiere: «Der Mann der die Welt ass»

Mit den Nerven am Ende, Job und Familie weggeschmissen. «Ich steig aus», ruft der Mitdreissiger. Aber statt Freiheit gibt es für ihn mehr Stress. In der Lokremise St. Gallen prallen selbstgefälliges Aussteigertum und rührende Demenz aufeinander: Hoch aktuell.
Hansruedi Kugler
Der eingeschüchterte, demente Vater (Bruno Riedl) und sein selbstgefälliger Aussteiger-Sohn (Tobias Graupner). (Bild: Tanja Dorendorf)

Der eingeschüchterte, demente Vater (Bruno Riedl) und sein selbstgefälliger Aussteiger-Sohn (Tobias Graupner). (Bild: Tanja Dorendorf)

«Ich will einfach, dass mir alles mal egal sein darf!», schreit der namenlose Mittdreissiger seinen besten Freund an, den sanftmütigen Ulf. Man kann den sensiblen Mann ja verstehen. Das Hamsterrad der Erwartungen und des Leistungsdrucks kotzt ihn an. Ein aktuelles Thema, ein wohl ziemlich allen bekannter Impuls. Dass ihn nicht nur die verlassene Gattin, der lebensuntüchtige Bruder und der treue Freund, sondern auch noch sein dementer Vater am Telefon bedrängen, macht ihn fast wahnsinnig. Am liebsten würde er nämlich nur noch auf seinem Laufband schwitzen oder am See Bier saufen.

Tobias Graupner auf dem Laufband

Tobias Graupner auf dem Laufband

Nis-Momme Stockmans Stück «Der Mann der die Welt ass», vor acht Jahren uraufgeführt, geht viel weiter und steigert sich fast ins Desaster. Der Freiheitsimpuls des nicht mehr ganz jungen Mannes macht deutlich: Im Grunde ist er ein selbstgefälliges, asoziales Arschloch. Ein reaktionäres Stück als Abgesang auf einen zeitgeistigen Individualismus, der sich als Egoismus entlarvt? Provokativ ist es allemal. Allerdings schenkt uns die Inszenierung nicht nur neunzig Minuten tolle Schauspielkunst, sondern auch ein offenes Ende.

Bruno Riedl bringt einen zum Lächeln und Weinen

Anja Horst geht als Regisseurin mit einem leicht zugänglichen psychologischen Realismus an das Stück heran. Für einen Mitdreissiger etwas zu jungenhaft wirkt Tobias Graupner, der der Rolle damit aber zusätzliche Verletzlichkeit verleiht. Man möchte ihn tröstend umarmen, den zornigen Buben. Elektrisierend, wie Bruno Riedl den dementen Vater zurückhaltend spielt: mit treuherzigem Optimismus und gutmütiger Ignoranz («Ich bin so stolz auf Dich»). Man lächelt, staunt und bekommt Tränen in die Augen, wenn man ihm atemlos zuschaut in seiner kindlichen Scham über Missgeschicke, seinem sanften Trotz, wenn er sich im Kleiderschrank versteckt: «Ich habe Angst vor Dir.»

Bruno Riedl, Tobias Graupner

Bruno Riedl, Tobias Graupner

Wunderbar hält die Inszenierung die Balance zwischen leisen Momenten und ruppigem Zerwürfnis. Die treue, sanftmütige Gattin (Jessica Cuna) und der eingeschüchterte Freund Ulf (Christian Hettkamp) bringen sensiblen Realitätssinn ins Spiel.

Das Bühnenbild ist abstrakt reduziert: eine gewaltige Holzbühne, die sich zu einer Welle aufschwingt. Sie gibt Schutz und ist Sinnbild der Erwartungen, die einen überschwemmen. Mit dem Sound von Jonas Knecht wird jener bedrängende Raum geschaffen, in dem die Telefonstimmen dem Aussteiger aus allen Richtungen als geisterhafte Dämonen die Luft abschnüren und mit Klaviertönen dem dementen Vater Erinnerungen aufkommen lassen.

Tobias Graupner, Jessica Cuna, Christian Hettkamp

Tobias Graupner, Jessica Cuna, Christian Hettkamp

Zeitgenössisches wird provokant serviert

Nachdem der namenlose Held durch die Hölle der Selbstsucht gegangen ist und den Vater fast erwürgt hat, geht er mit einem Anflug von Fürsorglichkeit mit ihm von der Bühne. Ob er seinen Egoismus durchschaut und seine Verantwortung wieder akzeptiert hat? Möglich. Die Inszenierung lässt es offen. «Der Mann der die Welt ass» bringt in einer konzentrierten Inszenierung wunde Themen auf die Bühne: Verantwortung, Freiheitssehnsucht, Leistungsdruck, egoistischer Individualismus, Umgang mit Demenz. In der kommenden Saison geht es thematisch in dieser Dringlichkeit weiter. Zeitgenössisches wird provokativ serviert. Bravo!

Hinweis

«Der Mann der die Welt ass»,
Lokremise St.Gallen
Vorstellungen bis 10. Juni.

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