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Kultschauspieler Song Kang-ho: «Ich stellte mir vor, der Mörder sitzt im Kino»

Kultschauspieler Song Kang-ho über sein Meisterwerk «Parasite» und seine historische Auszeichnung am diesjährigen Locarno Film Festival.
Interview: Lory Roebuck

Sein Gesicht ist in unseren Breitengraden definitiv bekannter als sein Name. Die knautschigen Falten, die frech funkelnden Augen und das oftmals zottelige Haar von Song Kang-ho dürften vielen Cineasten aus dem Monsterfilm «The Host» (2006) oder dem Netflixhit «Okja» (2017) bestens in Erinnerung sein.

Nun reist der koreanische Kultschauspieler ans Locarno Film Festival, wo er mit dem diesjährigen Excellence Award ausgezeichnet wird und wo einige seiner besten Filme zu sehen sein werden.

Wir unterhielten uns mit dem 52-Jährigen über seine krassesten Rollen, den Klassenkampf in seiner Heimat – und über sein neues Meisterwerk «Parasite», das seit dieser Woche in den Deutschschweizer Kinos läuft.

Bekanntes Gesicht: Song Kang-ho (52) gilt als einer der talentiertesten koreanischen Schauspieler aller Zeiten. (Bild: Getty Images)

Bekanntes Gesicht: Song Kang-ho (52) gilt als einer der talentiertesten koreanischen Schauspieler aller Zeiten. (Bild: Getty Images)

Ihr neuer Film «Parasite» hat seit der Weltpremiere in Cannes überall Begeisterungsstürme ausgelöst. Was ist das für ein Gefühl?

Song Kang-ho: Ich konnte nicht abschätzen, ob ein internationales Publikum alles verstehen und Sympathien für die Filmfiguren entwickeln würde. Aber offenbar waren meine Sorgen völlig unbegründet. Das freut mich.

«Parasite» erzählt vom sozialen Klassenkampf in Korea anhand zweier Familien: eine reich, eine arm, aber beide selbstsüchtig.

Korea hat sich in den letzten Jahren stark verändert, wurde westlicher, auch was die Familien betrifft. Dieser Film zeigt, dass das ökonomische Ungleichgewicht uns alle betrifft. Es geht um die individuelle Würde, die an der unsichtbaren Wand zwischen den sozialen Klassen zugrunde geht.

Wie stark sind diese Klassenunterschiede im koreanischen Alltag spürbar?

Von Auge ist dieser Klassenunterschied kaum zu erkennen, da kommen andere Sinne zum Zug. Eine Filmszene in «Parasite» zeigt das exemplarisch: Der reiche Sprössling merkt, dass die neuen Hausangestellten anders riechen. Mit dem Geruchssinn nimmst du Dinge viel intensiver und nuancierter wahr. Der Geruch ist das, was jene unterscheidet, die etwas haben, von jenen, die nichts haben. Und zwar auf der ganzen Welt.

Sie gelten als bester koreanischer Schauspieler aller Zeiten. Ob als Punk, Taxifahrer, Anwalt oder Detektiv: Sie haben die unterschiedlichsten Rollen gemeistert. Wie wählen Sie eine Rolle aus?

Vielen Dank, aber das ist ein viel zu starkes Kompliment! (Lacht.) Die entscheidende Frage, die ich mir bei jedem Rollenangebot stelle, ist: Welche Botschaft will der Regisseur mit dieser Geschichte und mit meiner Filmfigur vermitteln? Aus diesem Betrachtungswinkel nähere ich mich auf sehr natürliche Art den Eigenheiten jeder meiner Figuren an. Aber ich bin kein Schauspieler, der mit jeder Rolle unbedingt etwas völlig Neues ausprobieren muss.

Viele Ihrer Filmfiguren zeichnen sich durch ihren zynischen Humor aus. Zufall?

Stimmt. Aber das ist keine Eigenheit von mir als Schauspieler. Viele Menschen betrachten die Welt mit Zynismus und Humor. Das Leben ist Komödie und Drama in einem – genau das will ich mit meinen Figuren zum Ausdruck bringen.

Haben Sie ein Bedürfnis danach, sich mit Ihren Filmfiguren zu identifizieren?

Mit Ki-Taek, meiner Filmfigur in «Parasite», konnte ich mich in vielen Belangen identifizieren. Klar, gegen Ende des Films tut er auch Dinge, mit denen ich keine Erfahrung habe. Aber mental und emotional kann ich alles nachvollziehen, das ist für mich entscheidend. Ki-Taek ist ein finanziell inkompetenter Familienvater, für den vieles schiefläuft. Aber gleichzeitig unternimmt er alles, um aus dieser Abwärtsspirale herauszukommen.

«Parasite» ist Ihr dritter Film mit Regisseur Bong Joon-ho. Was ist das Geheimnis Ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit?

Ich habe grossen Respekt vor seiner Weltanschauung. Er hinterfragt alles. Wenn wir zusammenarbeiten, bringen wir uns gegenseitig weiter. Deshalb finden wir immer wieder zueinander zurück.

«Parasite»: Song Kang-ho spielt Ki-Taek, den Patron einer verarmten Familie, die sich mit Tricks und Lügen in das Anwesen der reichen Familie Park einnistet. In diesem Mikrokosmos vollzieht sich in der Folge ein irrwitziger, zunehmend brutaler Klassenkampf. «Parasite» ist Komödie, Thriller und Sozialparabel in einem. Ein Meisterwerk voller genialer Einfälle und unerwarteter Wendungen. Jetzt in den Schweizer Kinos. (LOR)

«Parasite»: Song Kang-ho spielt Ki-Taek, den Patron einer verarmten Familie, die sich mit Tricks und Lügen in das Anwesen der reichen Familie Park einnistet. In diesem Mikrokosmos vollzieht sich in der Folge ein irrwitziger, zunehmend brutaler Klassenkampf. «Parasite» ist Komödie, Thriller und Sozialparabel in einem. Ein Meisterwerk voller genialer Einfälle und unerwarteter Wendungen. Jetzt in den Schweizer Kinos. (LOR)

Ihr erster Film mit Bong Joon-ho war «Memories of Murder» und handelt von einer Serie von echten Mordfällen, die sich zwischen 1986 und 1991 in Korea ereignet haben. Und die bis zur Kinopremiere im Jahr 2003 noch ungelöst waren. Ist das immer noch so?

Ja. «Memories of Murder» war in Korea ein grosser Hit, was auch ein bisschen unheimlich war. Denn ich stellte mir vor, der Mörder sitzt auch im Kino. Wegen des Filmerfolgs wurden die Ermittlungen damals zwar wieder aufgenommen. Doch der Mörder wurde bis heute nicht gefasst.

In «Snowpiercer» und «Okja» spielten Sie an der Seite von Hollywoodschauspielern wie Tilda Swinton und Jake Gyllenhaal. Reizt Sie das westliche Kino?

Ich habe bereits einige Angebote aus Hollywood erhalten, aber aus verschiedenen Gründen wurde nie etwas daraus. Derzeit verfolge ich keine bestimmten Pläne in diese Richtung. Aber wenn sich eine Möglichkeit auftut, würde ich mir das genau anschauen. Die koreanische Filmindustrie funktioniert inzwischen sehr ähnlich wie die westliche, das wäre also keine grosse Umstellung für mich. (Lacht.)

Wie hat sich diese Verwestlichung der koreanischen Filmindustrie vollzogen?

Früher hatten wir in Korea nur sehr wenig Zeit, um einen Filmdreh vorzubereiten. Weil dann auf dem Set vieles unklar war, dauerte der eigentliche Dreh umso länger. Wir haben sehr oft das Budget überzogen. Heute haben wir Gesetze, die vorschreiben, wie lange dein Arbeitstag höchstens sein darf. Wir wurden also gezwungen, uns besser vorzubereiten. Unsere Filmindustrie hat von dieser Professionalisierung stark profitiert.

Sie werden am Locarno Film Festival mit dem diesjährigen Excellence Award gewürdigt – als erster asiatischer Schauspieler überhaupt. Was bedeutet Ihnen das?

Als ich hörte, dass mir dieser Preis verliehen wird, dachte ich: Ich habe ihn doch gar nicht verdient. Ich war sehr bewegt. Dieser Preis geht normalerweise an grossartige Schauspieler aus der westlichen Hemisphäre. Dass ich der erste asiatische Preisträger sein werde, ist in meinen Augen eine Würdigung des asiatischen Kinos und seiner positiven Entwicklung.

Sie haben die neue Locarno Direktorin Lili Hinstin bereits in Cannes kennen gelernt. Worüber haben Sie gesprochen?

Wir haben uns am Strand getroffen und uns kurz unterhalten. Sie warnte mich, dass es in Locarno sehr heiss sein wird und ich bloss keine dicken Kleider einpacken sollte. (Lacht.)

Song Kang-ho: Der asiatische Kultdarsteller

Song Kang-ho kam 1967 in der Südkoreanischen Stadt Gimhae zur Welt. Er besuchte nie eine Schauspielschule, trat aber während seiner Schulzeit einer Theatergruppe bei. Ein erstes Ausrufezeichen als Filmschauspieler setzte er 1997 in der Rolle eines Gangsters im Film «No. 3». Ab dem Jahr 2000 wurde er in seiner Heimat dank Hauptrollen in Kassenschlagern wie «Joint Security Area» zum Star. Die langjährige Zusammenarbeit mit international renommierten Regisseuren wie Bong Joon-ho («The Host») und Park Chan-wook («Sympathy for Mr. Vengeance») verschaffte ihm weltweites Ansehen. Sein neuester Film «Parasite» wurde Ende Mai in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. (LOR)

Locarno Film Festival: Verleihung Excellence Award am Montag, 12. August.

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