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«Ich suchte nach dem Gefühl der Balance»

Die Luzerner Künstlerin Judith Huber hat soeben in Basel den Schweizer Performancepreis 2018 gewonnen. Zwei Fichtenlatten auf ihren Schultern balancierend, berührte sie im Museum Tinguely auch das Publikum. Ein Porträt.
Julia Stephan
Judith Huber vor ihrem Atelier in Emmenbrücke. Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 23. Oktober 2018)

Judith Huber vor ihrem Atelier in Emmenbrücke. Bild: Nadia Schärli (Emmenbrücke, 23. Oktober 2018)

Basel, vor zwei Wochen. Eine Ausstellungshalle im Museum Tinguely. Wie ein intelligenter Schwarm weicht das Publikum vor der Luzerner Künstlerin ­Judith Huber (* 1964) und ihren beiden vier Meter langen Fichtenlatten zurück und zur Seite. Das Holz ruht auf ihren Schultern. Zuvor hatte Huber minutenlang konzentriert mit diesen Latten, die wie Fühler ihren Körper nach vorne und hinten verlängern, den Raum ausgelotet, sich um ihre eigene Achse gedreht. Die Stabilität ihrer Haltung bot einen ausgleichenden Gegenpol zum sanften Auf- und Abwiegen der Hölzer, die sich zeitweise auch überkreuzten.

Huber hat mit ihrer Arbeit «2 x Fichte» am 13. Oktober den Schweizer Performancepreis gewonnen – und den Publikumspreis gleich mit. Wie sie mit Beharrlichkeit den Raum einnehme, «ohne ihn direkt einzufordern auf nicht-konfrontative, doch selbstbewusste Art», sei höchst berührend, bilanzierte die Jury.

Wenn Körper und Ereignis eins werden

Zu Beginn der 1990er kam die in Zürich aufgewachsene Künstlerin nach Luzern und studierte Freie Kunst. Seit 2003 lebt sie in Emmen. Unter dem Label «(ort)» ist ihr Atelier in Emmenbrücke jeden zweiten Donnerstag ein Mittagstisch, eine öffentliche Begegnungszone für Künstler aus dem pulsierenden Umfeld des benachbarten Hochschulstandorts auf dem Viscosi-Areal und darüber hinaus. Jeden letzten Donnerstag im Monat finden hier zudem abends Performances statt.

Das Netzwerken zieht sich durch Hubers Leben wie ihre Liebe zur Performancekunst, die sie erst nach dem Studium entdeckte, «weil ich den Eindruck hatte, dass eine einmal eröffnete Ausstellung meiner persönlichen Entwicklung bereits hinterherhinkt». Das Unmittelbare der Performance, in der Körper und Ereignis eins werden, faszinierte sie. «Dabei bin ich eher eine zurückhaltende Person.»

Neben kuratorischen Tätigkeiten, etwa am Kaskadenkondensator Basel, war Huber Mitbegründerin des Netzwerks Offoff für unabhängige Kunsträume, leitet bis heute die migma Performancetage in Luzern und waltet als Kopräsidentin des Performance Art Network Schweiz (PANCH). Die Szene boomt. Performancekunst passt mit seiner obsessiven Beschäftigung mit dem Körper gut in unsere ober­flächenvernarrte Zeit.

Während einer persönlichen Krisenstimmung hatte Huber letztes Jahr am Camp-Festival im Waschhaus Potsdam die Ein­gebung zu «2 x Fichte». Huber war Teil einer lebendig-lauten Gruppe aus Elektromusikern und Videokünstlern gewesen. Die machte sich für eine politische Performance stark. Auch der polarisierende US-Präsident ­Donald Trump sollte mit aufs ­Tapet. Da geriet die für ruhigere Arbeiten bekannte Künstlerin ­etwas aus dem Takt. «Ich suchte intuitiv nach dem Gefühl der ­Balance.» In einem Technikraum stiess sie auf zwei Holzlatten. Sie legte sie sich auf ihre Schultern und begann sich langsam im Kreis zu drehen. Das Fundament zur später eigenständigen Arbeit «2 x Fichte» war gelegt.

Die Luzerner Künstlerin Judith Huber mit den zwei Fichtenlatten ihrer Performance in ihrem Atelier in Emmenbrücke. (Bild Nadia Schärli )

Die Luzerner Künstlerin Judith Huber mit den zwei Fichtenlatten ihrer Performance in ihrem Atelier in Emmenbrücke. (Bild Nadia Schärli )

Das Interesse an Raumauslotungen setzt bei Huber aber schon früher ein. Vor sieben Jahren ­geriet sie in eine Schaffenskrise. Mit der Arbeit «The sound of my shoulder» wollte sie ihren inneren Rhythmus wiederfinden. Nicht mit dem Körperbewusstsein einer Tänzerin bewegte sie sich im Raum, sondern wie eine Musikerin.

«Ich verwendete Arme und Finger und ging ähnlich vor wie improvisierende Musiker, die nicht wissen wollen, welchen ersten Ton sie anschlagen werden.» Ihr Fichte-Projekt ist eine Fortsetzung dieser innerrhythmischen Raumerkundungen – allerdings erstmals mit Hilfsmitteln.

Kartoffelstock als zweite Haut

Zuvor war es bei Huber jahrelang um den Körper und seine Verformbarkeit gegangen. Für ihre erste Arbeit spritzte sie sich Kartoffelstock unter einen naturfarbenen Body für Eiskunstläufer. Einverleibung, Ohnmacht und Kontrolle waren die dominierenden Themen.

Für Basel musste sie diese Kontrolle allerdings komplett ablegen. «Ich kann nur balancieren, wenn meine Schultern nicht verkrampft sind», sagt sie. Zu viel Übung im Voraus wäre einem Musikvortrag ab Blatt gleichgekommen. «Also habe ich mich im Vorfeld nur noch um die Farbe meiner Socken kümmern können.»

«ort» an der Gerliswilstrasse 23 lädt am letzten Donnerstag im Monat zum Performanceabend. Mehr Infos: www.judhu.ch

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