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«Ich vermisse die Zukunft»

Die französische Autorin Marie Darrieussecq hat einen aufrüttelnden Roman geschrieben. Ihre Themen: Furcht einflössende technische Manipulationen am Menschen und dessen perfekte Überwachung in einer von Robotern geprägten Welt.
Bernadette Conrad

Die Hälften sind das Problem. Aber sollten die Hälften nicht gerade die Lösung sein? Als Viviane versteht, wie bitter sie alle belogen und betrogen worden sind, ist es für sie selbst fast zu spät: ­ Sie, die den Namen Viviane «als Fluchtnamen angenommen» hat und mit ihrem wirklichen Namen, Marie, nur noch ihre «Hälfte» bezeichnet.

Daten sind den Menschen implantiert

Auch die Leserin braucht eine Weile, um jene Welt zu verstehen, aus der Autorin Marie Darrieussecq ihre Ich-Erzählerin Viviane entfliehen lässt im Roman «Leben in den Wäldern»: Auf einem maximalen Niveau der Technisierung angekommen, ist alles Datenmaterial den Menschen implantiert; werden Roboter so programmiert, dass sie menschliche Arbeitskräfte auch in ihren Alltags- und emotionalen Prozessen ersetzen können. Ist auch die körperliche Gebrechlich- und Sterblichkeit nahezu abgeschafft durch Züchtung geklonter «Hälften», denen jeweils das Organ oder Körperteil entnommen werden kann, das erkrankt ist oder Verschleiss zeigt. Die Hälften sind sozusagen «Ersatzteillager»; sorgsam gepflegt, existieren sie in einer Art chronischem Schlaf, es sei denn, sie werden «vertikalisiert» und ihnen wird, wie einem Baby, das Gehen und Denken beigebracht.

Die «alte Zeit» existiert nur noch als Erinnerung

Nur: Wozu sollte man das tun? In der Welt, von der Viviane erzählt, hat Leben an sich ja keinen Wert mehr. Wessen Leben auf seine Funktion als «Ersatzteillager» reduziert wird, definieren abstrakt kontrollierende Mächte. Bei ihnen laufen die Daten der perfekt überwachten Menschen zusammen. Programmierung ist alles, Identität ist etwas von gestern. Sogenannte «Klicker» sind damit beschäftigt, menschliche Verhaltensabläufe Robotern so beizubringen, dass möglichst alle «geistigen Assoziationen» vermittelt werden. Die «alte Zeit» existiert nur noch als Erinnerung, in ihr hatte Viviane (alias Marie) den Beruf der Psychotherapeutin erlernt und aus ihr ruft sie hier und da altes Wissen ab, über Malerei, über grüne Wiesen, über Schriftsteller.

Marie Darrieussecq (Bild: Jean-Marc Zaorski/Getty Images)

Marie Darrieussecq (Bild: Jean-Marc Zaorski/Getty Images)

Dieses Restwissen ist es unter anderem, das Viviane-Marie irgendwann das Licht aufgehen lässt: Dann, als es schon fast zu spät ist; als ihr, nach der Niere und dem Lungenflügel auch noch das eine Auge entfernt worden ist. Aber dann, «peng, alles trat zutage. Es war sonnenklar.»

Rebellion und zugleich Verzweiflungstat

Marie Darrieussecqs Dystopie ist kein gemütlicher Text. Es ist nicht möglich, ihn distanziert zu lesen, als hätten die geschilderten technischen Möglichkeiten, die Überwachungsszenarien und die bösen Absichten dahinter nichts mit unserer heutigen Welt zu tun. Die Flucht in die Wälder ist Rebellion und Verzweiflungstat zugleich, «eine Rückkehr zu den Anfangsgründen» – aber mit welcher Aussicht? «Ich vermisse die Zukunft», stellt Viviane so nüchtern wie traurig fest. Mit einer Art unhappy Happy End hinterlässt die 49-jährige französische Autorin ihre Leser alarmiert, aber auch berührt von einem literarisch so präzisen wie poetischen Text.

Marie Darrieussecq: Unser Leben in den Wäldern. Secession-Verlag, 2019, 110 S., Fr. 27.–

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