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«Ich werde es nie verstehen»

Im Juli 2017 hat sich Linkin-Park-Sänger Chester Bennington das Leben genommen. Co-Frontmann Mike Shinoda verarbeitet den Suizid seines Freundes nun auf seinem aktuellen Soloalbum «Post Traumatic».
Steffen Rüth

Am 20. Juli 2017 nahm sich Chester Bennington, der Sänger der US-Rockband Linkin Park, das Leben. «Post Traumatic» ist nun der Versuch seines Freundes und langjährigen Frontmannkollegen Mike Shinoda (41), die Tragödie künstlerisch aufzuarbeiten. Das gelingt ihm. Man kann Shinoda dabei zuhören, wie er seine Trauer angeht.

Mike, wann hast Sie ­beschlossen, Chesters Tod künstlerisch aufzuarbeiten?

Sehr bald. Mir war vollkommen klar, dass ich das tun musste. Für mich kam keine andere Option in Frage, mich mit dem, was passiert ist, auseinanderzusetzen. Kunst war immer schon der Ort, an den ich ging, wenn ich Probleme hatte oder schwierige Situationen durchmachte.

Ihr Leben lang?

Ja. Beim Malen, Zeichnen und Songs schreiben fühle ich mich sicher – in diese Welt habe ich mich bereits als Kind sehr gern geflüchtet. Für mich funktionierte diese Art des Eskapismus immer schon besser, als zum Beispiel einen Film zu gucken. Wenn du selbst etwas machst und kreativ bist, dann ist das ein wirklich wertvolles Ventil. Ich würde mir wünschen, dass sich alle Menschen zutrauen würden, etwas zu malen oder mit den eigenen Händen zu erschaffen. Du musst kein Rembrandt sein, um dich gut und stärker zu fühlen, nachdem du irgendetwas zu Papier gebracht hast.

Haben Sie nach Chesters Suizid auch professionelle Hilfe in Anspruch ge­nommen?

Nein. Ich habe darüber nachgedacht, aber dann keinen professionellen Therapeuten besucht. Ich habe ein sehr gutes Netzwerk von Freunden, einige von ihnen sind tatsächlich Psychiater von Beruf, die haben mich unterstützt. Viele meiner Freunde sind sehr einfühlsam und klug und haben mir sehr geholfen.

Können Sie Namen nennen?

Zum Beispiel Rick Rubin. Er hat in seinem Leben alles gesehen, besitzt einen wundervollen Geist und hält sich in Gesprächen nicht mit Unsinn auf. Rick hat ein paar unserer Platten aufgenommen, er kannte Chester gut. Und er wusste natürlich, dass er lange schon unter Depressionen litt. Wir sprachen darüber, dass du den meisten Menschen mit schweren Depressionen ansehen kannst, wie extrem unwohl sie sich in ihrer eigenen Haut fühlen. Und dass es bei Chester eben nicht so war. Er kam ganz gut mit sich selbst zurecht. Chester hatte immer einen Draht zu seinem Inneren. Wir kamen zu der Einsicht, dass wir keine Antworten bekommen werden.

Wenige Monate vor seinem Tod habe ich Chester in Berlin getroffen. Er war gut drauf, sehr reflektiert, und er sprach offen über seinen Alkoholrückfall, seine Wut und seine seelischen Nöte.

Ich weiss. Er hat sich so sehr geöffnet, wie sich Menschen mit dieser Krankheit nur selten öffnen. Er zeigte sich so ehrlich und so verletzlich. Chester hatte seit vielen Jahren mit Süchten zu kämpfen, es war ein Auf und Ab. Viele Menschen unterstützten ihn, viele haben ihn aber auch regelrecht fertig gemacht, weil sie nicht einverstanden waren mit den klanglichen Entscheidungen, des letzten Linkin-Park-Albums «One More Light». Er war sauer, weil die Leute so widerlich zu ihm waren. Die Verrisse des Albums haben ihn sehr verletzt.

Hatten Sie Angst um ihn?

Wir haben immer versucht, so gut es geht aufeinander aufzupassen. Im Hinterkopf ist die Sorge immer da, man schaut schon hin. Doch manches, was in einem Menschen vorgeht, bekommst du nicht zu Gesicht.

Wie haben Sie die Fans nach seinem Tod erlebt?

Ich bin von Anfang an überwältigt gewesen, was für ein liebevoller, tröstender Ort auch meine Seiten in den sozialen Medien sind. Viele meckern ja immer, dass die Kids nur noch am Handy sind, anstatt zu reden, dass sie ausgestöpselt sind vom Leben. Meine Erfahrung des letzten Jahres ist eine komplett andere: Die Fans haben sich in den sozialen Netzwerken wirklich mitfühlend um mich, aber auch umeinander, gekümmert.

Auf Ihrem Song «Place To Start» hört man, wie Freunde auf den Anrufbeantworter sprechen, um sich nach Ihnen zu erkundigen.

Ja, es haben sich unheimlich viele Menschen gemeldet. Die Fragen waren immer «Was ist passiert?» und «Wie geht es dir?». Wenn ein Familienmitglied oder enger Freund stirbt, dann erkundigt sich normalerweise ein enger Kreis nach dir. Wenn du in der Öffentlichkeit stehst und die ganze Welt Bescheid weiss, dann ist dieser Kreis ungleich grösser. Ich konnte in den ersten Wochen das Haus so gut wie nicht verlassen.

Warum nicht?

Zum einen wollte ich Zeit für mich und meine Trauer haben. Einmal verfolgten mich beim Mittagessen die Paparazzi. Sie umstellten mein Auto und belagerten mich förmlich. Ich konnte nicht mehr weg, ohne die Leute mehr oder weniger umzufahren. Und dann dieses «Mike, erzähl’ mal», «Mike, bist Du traurig?». Ich habe nur gesagt, dass sie sich schämen sollten und habe mich wochenlang daheim verkrochen.

Wann sind Sie wieder raus­gegangen?

Du hältst so etwas nicht ewig durch, schon rein praktisch nicht. Ich musste meine Kinder zur Schule bringen oder sie zu Geburtstagspartys bringen. Logisch, alle anderen Eltern dort wieder: «Mike, wie geht es dir», «Können wir dir helfen?». Das ist alles sehr süss und gut gemeint, aber es wirft dich immer wieder zurück. Sobald mich jemand auf Chester ansprach, war ich im Kopf sofort wieder an dem Moment, als ich davon hörte. Ich dachte mir, wenn ich diese Fragen schon nicht beantworten kann, dann will ich mich wenigstens künstlerisch mit ihnen auseinandersetzen. «Post Traumatic» ist ein sehr persönliches Statement.

Wie wichtig ist Humor bei der Trauer?

Wichtiger als ich dachte. Wir sassen und sitzen oft zusammen, Chesters Frau Talinda, meine Frau Anna und ich. Manche unserer Gespräche waren sehr düster, aber viele waren auch lustig. Innerhalb dieses «Was machen wir eigentlich hier?»-Gefühls haben wir sehr viel gelacht. Chester konnte so witzig sein. Er war ein Mensch, der gern auf andere zuging. Er liebte es, sich mit wildfremden Leuten zu unterhalten.

Sie sind also hoffnungsvoll, was die Zukunft angeht?

Total. Ich sehe, mit was für einem hartnäckigen, unerschütterlichen Optimismus sich junge Leute aufmachen, um die Probleme zu lösen. So eine Energie, auch so ein konstruktives Angepisstsein, habe ich noch nie erlebt. Ich bin Jahrgang 1977, ich habe die Proteste gegen den Vietnam-Krieg nicht erlebt, aber damals war es ähnlich. Die Kids waren motiviert und leidenschaftlich, sie wollten die Welt verändern und haben es geschafft. Heute haben sie mit dem Internet ein spektakuläres Werkzeug in der Hand.

Mike Shinoda «Post Traumatic» Web: mikeshinoda.com

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