Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Ich will gar kein Rennpferd sein»

Die St. Galler Autorin Anna Stern gewinnt am 42. Ingeborg-Bachmann-Lesewettkampf nach kontroversen Jury-Debatten den 3sat-Preis. Den Hauptpreis erhält die in Wien lebende Tanja Maljartschuk.
Hansruedi Kugler
Anna Stern mit ihrem 3sat-Preis. (Bild: Johannes Puch/ORF)

Anna Stern mit ihrem 3sat-Preis. (Bild: Johannes Puch/ORF)

Was für eine Achterbahn der Gefühle! Mit einem überraschenden, glücklichen Ende. «Nach der Jurydiskussion am Donnerstag wollte ich gleich wieder abreisen», beschreibt die St. Galler Autorin Anna Stern die Niedergeschlagenheit nach ihrer Lesung. Gestern aber stand sie strahlend mit dem sperrigen 3sat-Pokal in der Hand («der wird wohl künftig mein Briefbeschwerer») und einem Check über 7500 Euro vor dem ORF-Studio. So kann es einem gehen beim Bachmann-Preis: Kontroverse Jurydiskus­sion schliesst einen Preis nicht aus. Anna Stern hatte sich neben Lob auch harte Urteile anhören müssen für ihren Text. Sie las einen Ausschnitt aus ihrem neuen Roman, der im Januar erscheinen wird. Nun garantiert mit einem Werbekleber drauf: «Gewinnerin 3sat-Preis beim Bachmann-Preis 2018 Klagenfurt». Das Gütesiegel freut Sterns Verleger André Gstettenhofer, der die Autorin nach Klagenfurt begleitet hatte. Verdoppelt er nun gleich die Erstauflage? «Üblich sind da 2000 bis 3000 Exemplar. Gut möglich, dass es diesmal mehr sind.»

Aufgedrängte Emotionalität oder virtuoser Text?

Klaus Kastberger

Klaus Kastberger

Sterns Lesung hatte die Jury am Donnerstag mehrheitlich ratlos gemacht. Zu vieles schien im Text nur angedeutet: Am Spitalbett einer schwangeren Koma-Patientin versammeln sich sechs Figuren, die sechs Arten der Trauer und Verdrängung zeigen. Ein Szenario, das die Jury würdigte. Professor Klaus Kastberger aber sagte: «Ich finde keinen ­einzigen Grund, mich für diesen Text zu interessieren. Er drängt sich mit seiner Emotionalität völlig übertrieben auf.» Anna Stern ärgerte sich danach: «Sich einem Text zu verweigern, genügt doch nicht. In diesem Literaturforum hätte ich erwartet, dass man auch mit komplexen Texten umgehen kann.» Dass sie sich für einen Romanausschnitt entschieden hatte, schien ein Fehler gewesen zu sein. Die Schweizer Kritikerin und Literaturprofessorin Hildegard Keller, die Anna Stern zur Teilnahme ermuntert hatte, hielt eine furiose Verteidigungsrede: Die Autorin führe ein virtuoses Spiel mit den Zeiten vor, der Text sei als Beschwörung zu verstehen und als Teil eines viel Grösseren.

Tanja Marjatschuk

Tanja Marjatschuk

Bachmann-Preis

Der mit 25000 Euro dotierte Hauptpreis geht an die in Wien lebende Tanja Maljartschuk. Ihr Text «Frösche im Meer» ist eine Parabel um den Lebens- und Liebesflüchtling Petro, der fern der Heimat ohne Papiere einen Park sauber halten muss, in dem keine Frösche leben und der dort eine demente, alte Frau kennenlernt, um die er sich kümmert, am Ende aber der Perversion verdächtigt wird. Zwei, die sich und ihrer ­Lebenswelt abhanden kommen. Fast märchenhaft-leicht erzählt, doppelbödig, welthaltig. (hak)


Hinweis
Alle Text sind nachzulesen unter bachmannpreis.orf.at

Tränen und Wutausbrüche sah man keine

Tränen flossen aber weder bei der Preisverleihung noch bei den Lesungen. Wutausbrüche von Juroren blieben aus, auch wenn das Wort «Langeweile» ein paar Mal fiel. Manche werden solche Knalleffekte vermisst haben. Schliesslich war es in Klagenfurt auch schon hoch zu und her gegangen – am fünf Tage dauernden wichtigsten Literatur-Wettkampf im deutschsprachigen Raum. 14 Autorinnen und Autoren lesen je 25 Minuten und hören danach der halbstündigen ­Jurydiskussion zu, alles live vor Publikum im Fernsehstudio. Im Unterschied zum WM-Public-Viewing in der Klagenfurter Innenstadt wird beim Public Viewing der Bachmann-Lesungen im Garten vor dem ORF-Studio ­weder geschimpft noch gejubelt, sondern artig geklatscht.

Eröffnet mit Wutpredigt gegen rechtes Geschwätz

Die Innenstadt ist behängt mit Fahnen und Liegestühlen. «Alles ist eine Frage der Sprache» steht drauf. Moderatorin Zita Bereuter macht klar, hier darf Literatur auch politisch gelesen werden: «Gegenwärtig scheint es einigen die Sprache verschlagen zu haben, einige missbrauchen sie.» Die sprachlich virtuose, inhaltlich brachiale, simple Eröffnungsrede von Feridun Zaimoglu, eine ­predigtartige Wutrede gegen das dumme Geschwätz der «Armenhasser, Frauenhasser, Fremdenhasser», lag ganz auf dieser Linie. Nur: Angesprochen fühlte sich hier an den Bachmann-Tagen wohl niemand.

Die Zeit der Literaturpäpste scheint vorbei

Bei der 42. Austragung bestätigte sich ein Trend: Die Autoren verzichten auf Showeinlagen vor den Fernsehkameras und nehmen die Jurydiskussionen cool entgegen. Die Schwyzerin Martina Clavadetscher sagt es so: «Ich will gar kein Rennpferd sein», und benennt damit den Zwiespalt des Anlasses: «Untereinander sind wir Autorinnen und Autoren sehr kollegial, die Wettkampfsituation ist uns deshalb fremd.» Die legendären schlaflosen Nächte oder Panikattacken plagten die Schweizer Autorinnen aber nicht. Wichtiger aber noch für die eher unverkrampfte Atmosphäre: Die Epoche der rabiaten Literaturpäpste wie Marcel Reich-Ranicki, die sagen, was Literatur sei und was nicht, scheint vorbei zu sein. Kastbergers Stern-Verriss scheint die Ausnahme zu sein. Die Schweizer Professorin und Literaturclub-Kritikerin Hildegard Keller, die dieses Jahr zum zehnten Mal in der Bachmann-Jury sitzt, bestätigt die Beobachtung: «Die Zeiten haben sich geändert. Heutige Kritiker am Bachmann-Preis sind neben genauer Textanalyse vor allem an einem differenzierten Nachdenken darüber interessiert, was formal unterschiedlichste Literatur an Erfahrungen, Empfindungen, Sprachgebrauch ermöglicht.» Keller sieht sich als «Anwältin» der Schweizer Texte.

«Irritierender Quietismus»

Das Niveau der Jurydiskus­sionen ist bemerkenswert. Manche Literatursendungen und Literaturfestivals müssten sich eine Scheibe abschneiden. Wie hier ­literarische Verfahren benannt werden, Motive und Themen untersucht und Sprachstile analysiert werden, das ist erhellend. Da sitzen Literaturkritiker neben Literaturprofessoren, die allerdings nicht immer zwischen persönlichen Geschmacksurteilen («Toller Text, ich habe mich mitreissen lassen») und literaturwissenschaftlichem Seminarstil entscheiden können («unterdeterminierter Text», «irritierender Quietismus», «sonst verflachte das in Repräsentationismus»).

Kleinbürgerliches Nachkriegsmilieu

Martina Clavadetscher

Martina Clavadetscher

Fragt man die Autoren, sagt etwa Martina Clavadetscher: «Ich bin überrascht, dass die Juroren so offen, differenziert und neugierig sind. In meinem Text haben sie sehr viel entdeckt.» Clavadetscher lässt in ihrer Erzählung eine alte Frau im selbst gewählten Sterben einen bitteren Monolog halten und sich in eine Motte verwandeln. Die alte Frau hatte sich in ihrem kleinbürger­lichen Schweizer Nachkriegs­milieu nie dagegen gewehrt, als schöne Puppe missbraucht zu werden. Für die experimentelle Erzählperspektive und die groteske Verwandlung bekam der Text Jurylob. Für einen Preis reichte es dennoch nicht. Hildegard Keller winkt ab: Auch wenn viele Autoren diesen Wettkampf scheuen, schon die Nomination sei für ­viele ein Karrieresprung. «Als Schweizer Jurymitglied sehe ich es als meine Aufgabe, Schweizer Talenten zu dieser Chance zu verhelfen», sagt sie. Das nütze nicht nur bei Förderanträgen, es komme auch vor, dass jemand dank des Auftritts in Klagenfurt einen Verlag finde. So wie Gianna Molinari, deren Text 2017 kontrovers beurteilt worden ist, aber einen Nebenpreis gewann. Ihr Roman «Hier ist noch alles möglich» wird Ende August erscheinen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.