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Erotikfotografie von Philipp Marfurt: «Ich wollte nie alles sichtbar machen»

Der Luzerner Philipp Marfurt hat Zehntausende von Porträts gemacht. Zu seinen Spezialitäten gehörte auch die Akt- und Erotikfotografie. Wie blickt er als nunmehr 80-Jähriger auf diese Zeit zurück?
Pirmin Bossart
Philipp Marfurt bei sich zu Hause und mit einer Auswahl seiner Fotos, welche den weiblichen Körper mit Musik in Verbindung bringen. (Bild: Philipp Schmidli, 2. August 2018)

Philipp Marfurt bei sich zu Hause und mit einer Auswahl seiner Fotos, welche den weiblichen Körper mit Musik in Verbindung bringen. (Bild: Philipp Schmidli, 2. August 2018)

Eigentlich wollten wir nur ein paar Fragen stellen, aber dann häuften sich die Fotobücher auf dem Tisch, begann der Fotograf zu erzählen und öffneten sich langsam die Poren der Geschichten. Wir blätterten durch erotische Aufnahmen von Frauen, die sich im Porträtstudio von Philipp Marfurt ablichten liessen. Schwarz-Weiss-Fotos mit anmutig inszenierten Körpern, jenseits der grellen ­Ästhetik heutiger Aufnahmen, die einem in der sexualisierten Gesellschaft auf Schritt und Tritt ins Gesicht klatschen.

«Erotik- und Aktfotografie als Kunstform ist nicht einfach das Ablichten eines nackten Körpers, sondern eine Beschreibung desselben», sagt Philipp Marfurt. «Ich wollte nicht alles sichtbar machen. Bei meinen Porträts sehen Sie kaum intime Stellen im Schambereich.» Seine Frau Evelyn lächelt und sagt: «Philipp war kein Pornograf, sondern ein Fotograf mit viel Respekt.» War sie denn nie eifersüchtig, wenn ihr Mann mit einer jungen Frau für Aktaufnahmen im Studio war? «Nein», sagt sie entspannt. Sie habe viele der Frauen selber kennen gelernt, die meisten hätten einen Partner gehabt. «Das war sein Job, und er machte ihn gerne. Ich hatte Vertrauen in ihn und habe ihm die lange Leine gelassen. So hatte ich keine Probleme.»

«Lerne zuerst einen anständigen Beruf»

Schon als Kind schoss Marfurt Fotos mit einer französischen «Petit-Kamera», später bekam er eine «Nettar-Kamera» 6 x6 cm und konnte im Keller ein kleines Fotolabor einrichten. Nach der Schule wollte er Fotograf werden. Aber der ­Vater sagte: «Lerne einen anständigen Beruf!» Also machte Marfurt eine Ausbildung als Augenoptiker und verlegte das Fotografieren auf die Freizeit. Nach Wanderjahren in renommierten Optikerfachgeschäften in Zürich, Basel und Bern konnte er in Luzern bei Foto Ecker eine Stelle als «Optiker mit Mithilfe in der Fotoabteilung» antreten. Als der Fotoverantwortliche kündigte, wurde ihm die vakante Stelle offeriert. Marfurt staunt noch heute über das immense Vertrauen, das er bekam. Mit Kursen und Seminaren bildete er sich weiter. «In dieser Zeit ist er jeden Abend mit einer anderen Kamera nach Hause gekommen und hat sie intensiv studiert», erinnert sich seine Frau.

So richtig los ging es 1969, als Marfurt ein Fotogeschäft an der Gerliswilstrasse in Emmenbrücke übernehmen konnte. Bald stattete er seine Studioräumlichkeiten mit einer modernen Blitzanlage aus. Nun wurde es möglich, mit kurzen Verschlusszeiten nebst schwarz/weiss auch farbig zu fotografieren. Neben unzähligen Passfotos entstanden viele Einzel- und Familienporträts. Und auch erotische Aufnahmen. Der gesellschaftliche Aufbruch in den 1960-er Jahren habe dazu beigetragen, dass die Frauen selbstbestimmter wurden und sich auch mal «anders» fotografieren liessen, sagt Marfurt. Männliche Kunden hingegen waren eher selten.

Alles lief über Mund-zu-Mund-Propaganda

Umso regelmässiger meldeten sich Frauen bei ihm. «Ich habe nie ein Inserat für die Aktfotografie gemacht. Das lief alles über Mund-zu-Mund-Propaganda.» Hilfreich waren die kleinen Fotobüchlein mit je einem Dutzend Aufnahmen, die Marfurt jeweils für Kundinnen anfertigte. Das Minibüchlein passte in jede Handtasche. «So haben die Frauen die Aufnahmen unkompliziert ihren Liebsten und vielleicht auch ihren Freundinnen zeigen können. Das brachte wieder neue Kundinnen.» Auch für schwangere Frauen hat Marfurt eine exakt konzipierte Serie von monatlichen Aufnahmen in genau gleicher Pose gemacht. Anspruchsvoll war seine Idee, vollschlanke Frauen zu fotografieren. «Ich hatte gewettet, dass ich innert zwei Jahren zehn solche Frauen würde erotisch porträtieren können, und die Wette schliesslich gewonnen. Aber ich brauchte alleine ein Jahr, um meine Hemmungen zu überwinden und diese Frauen zu fragen.»

Sehen Sie im Folgenden einige Beispiele von Fotos aus dem Werk des Luzerner Fotografen Philipp Marfurt. Das erste mit dem Titel "Vater & Kind" zeigt, dass Marfurt auch Motive ausserhalb der Erotik gewählt hat.

9 Bilder

Fotos von Philipp Marfurt

Bei der Aktfotografie spielt das Vertrauen zwischen dem Fotografen und der zu porträtierenden Person die zentrale Rolle. «Man darf dieses Vertrauen nie missbrauchen», legt Marfurt klar. «Das schönste Kompliment war immer, wenn eine Frau nach der Fotosession sagte, dass sie sich bei mir sehr wohl gefühlt habe.» Als Fotograf liebte er es, mit Licht und Schatten zu spielen, bestimmte Linien und Kurven zu betonen und neue Nuancen eines Körpers hervorzuheben. «Die Porträtfotografie ist eine kreative Angelegenheit. Je mehr von einem Körper ins Spiel kommt, desto anspruchsvoller wird die Aufgabe, die einzelnen Partien und ihr Zusammenspiel so in jenes Licht und in jene Form zu rücken, dass es ästhetisch stimmt.»

Auf seiner Suche nach neuen Porträtformen begann Marfurt die Kundinnen mit Taschenlampenlicht zu beleuchten, um neue Effekte hervorzuholen. Er experimentierte mit Bodypainting und Airbrush, trug auch mal Lehm auf die Körper auf und setzte gerne fluoreszierende Farben ein. «Ich hatte ein paar Dutzend Frauen aus der ganzen Deutschschweiz in meinem Kundenkreis, die ich anfragen konnte, wenn ich ein neues Projekt ausprobieren wollte.»

Mit seiner innovativen Fotografie wurde Marfurt bald ein gefragter Seminarleiter für die Aktfotografie in ­Schweden, Dänemark, Belgien, Holland, Deutschland und Österreich. Er war Fachlehrer für die Porträtfotografie und Prüfungsexperte an der Gewerbeschule Luzern und unterrichtete auch für den Schweizerischer Verband für Photo und Handel. 1979 war er Gründungsmitglied von «Colour-Art-Photo-Schweiz», einer internationalen Vereinigung von anerkannten Porträtfotografen in Europa.

Ein grosser Fan von Oper und Ballett

Seit Marfurt vor zwölf Jahren langsam aber endgültig von seinem Metier Abschied nahm, hat er wieder mehr Zeit für alles andere, das ihn interessiert. Mit seiner Frau bewohnt er ein schönes Haus mit einem grossen Garten im Dreilindenquartier. Durch die Musik hatten sich die beiden in jungen Jahren kennen gelernt. Oper und Ballett sind seither ihre grosse Leidenschaft geblieben. «Wir haben spannende Aufführungen in den Opernhäusern von Mailand, Paris, Zürich, London, Catania, Rom, Venedig usw. miterleben dürfen und so jeweils unsere ­Ferien musikalisch verschönert.» Dazu passt, dass Friedelind Wagner, ein Grosskind von Richard Wagner, von 1983 bis 1991 in ihrem Haus gelebt hatte, mit der sie eine herzliche Verbundenheit hatten.

Philipp Marfurt und seine Frau Evelyn geniessen den letzten Lebensabschnitt. Beide sind jetzt 80 Jahre alt und erfreuen sich einer beneidenswerten Gesundheit und Vitalität. «Die Musik und das Drumherum hat uns immer begeistert und viele bereichernde Stunden beschert. Und wir sind beide nach wie vor sehr neugierig geblieben.» Sie haben zwei erwachsene Töchter und vier Grosskinder und sind seit 55 Jahren glücklich verheiratet. Die lange Leine scheint sich bewährt zu haben.

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