«Igors» Plädoyer für die Freiheit kam zu spät

Gestern ging das letzte Piano-Festival zu Ende: Der Erfolg von 18'000 Besuchern ist eine Verpflichtung für künftige Ersatz-Wochenende.

Urs Mattenberger
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Piano-Workshop für Kinder als Lebensschule: Igor Levit macht auf der Bühne des KKL-Konzertsaals aus der Freiheit des Interpreten ein Lehrstück in Demokratie. (Bild: LF/Priska Ketterer, 24. November)

Piano-Workshop für Kinder als Lebensschule: Igor Levit macht auf der Bühne des KKL-Konzertsaals aus der Freiheit des Interpreten ein Lehrstück in Demokratie. (Bild: LF/Priska Ketterer, 24. November)

«Igor, Igor!!» Noch kaum je dürfte der Pianist Igor Levit (vgl. Ausgabe vom Donnerstag vor einer Woche) so lautstark vom Künstlerzimmer im KKL auf die Bühne geholt worden sein wie von den 20 Kindern, die gestern seinen Piano-Workshop im Konzertsaal besuchten.

Die Workshops fanden zwar im Rahmen des Piano-Festivals statt und waren eine markante Neuerung in dessen allerletzten Ausgabe. Nur der Organist Cameron Carpenter hatte an einem früheren Piano-Festival auf der KKL-Bühne Kindern seine Orgel erklärt. Aber symptomatisch war jetzt, dass die Initiative dazu von aussen kam: Von der Pro Juventute, die in ­Luzern erstmals ein dreitägiges Kulturfestival («Kultissimo») für Kinder veranstaltete.

Der Demokratie-Kurs am Flügel kam zu spät

Levit schaffte in seinem Workshop den Spagat zwischen kindgerechten Anekdoten von Katzen, die über die Tastatur schleichen, und dem intellektuellen Anspruch, der ihn als Künstler auszeichnet. Er spielte den zweiten Satz aus Beethovens Sonate op.31.3 einmal als rasches «Katz-und-Maus-Spiel», wie das ein Kind treffend charakterisierte, und dann immer langsamer und einmal sogar in Moll. «Ich habe als Interpret die Freiheit, das so zu machen, wie ich will», wandte er sich mahnend an die Kinder: «Auch ihr habt ein Recht auf eure eigene Stimme! Das ist Demokratie!»

Im Workshop tags zuvor hatte der Jazzpianist Chris Conz die Kinder gar mit ihrer eigenen Stimme zu Wort kommen lassen, indem er sie zu seinem Boogie-Woogie-Bass mit vier, fünf vorgegebenen Tönen improvisieren liess.

Es war ein tolles neues Format, das leider zu spät kam und wie man es in den 20 Jahren Piano-Festival meist vermisste. Der «Tastentag» etwa ergänzte bloss alljährlich Martin Meyers «Piano Lectures» durch drei Rezitale und blieb hinter dem Anspruch des «Erlebnistags» im Sommer zurück. So setzte das Piano-Festival etwas fantasielos darauf, dass Einzelkämpfer am Flügel Individualisten und damit Programm genug sind.

Es tat dies allerdings mit grossem Erfolg. So verzeichnete die letzte Ausgabe 18000 Besucher in elf Konzerten und im «Off-stage » mit Jazzpianisten. Das sind 1200 mehr als im Vorjahr und ergibt eine Auslastung von 89 Prozent.

Auch als Schaulaufen ausgeprägter Pianistenpersönlichkeiten war dieser letzte Jahrgang attraktiv, weil der Fokus auf Beethoven Direkt-Vergleiche zuliess, wie sie das Opening des «Off-stage» – die einzige nachhaltige Innovation des Piano-Festivals – zum Programm machte.

Individualisten als Programm

Individualisten als Gegensätze und Programm: Zuletzt galt das für die Auftritte von Igor Levit am Freitag und Sonntag und Vikingur Olafsson am Samstag. Der Isländer entpuppte sich im pausenlos durchgespielten ersten Programmteil als pianistischer Hitzkopf, der Musik von Bach mit romantischem Weichzeichner, barock deutlichen Figurationen und aufrauschender Virtuosität nach allen Seiten ausreizte. Von diesem Füllhorn spannte sich vielfältig der Bogen zu Beethovens erster und letzter Sonate, in der der 35-Jährige zu wundersamer Ruhe fand. Levit spannte am Freitag in der Fortsetzung seines Beethoven-Zyklus in der «Appassionata» die Eruptionen und die Momente Verinnerlichung so radikal wie natürlich und so orchestral wie detailscharf zusammen: ein Workshop ohne Worte für Erwachsene – meisterhaft.

Lucerne Festival ersetzt ab 2020 Ostern und Piano durch Wochenenden, die mehr Sommerfestival im Frühling und Herbst versprechen. Das erste Frühlingswochenende löst das mit Teodor Currentzis (im April) deutlich ein. Beim Piano-Festival wiegt der Verlust viel schwerer, weil es, anders als Ostern, nicht in Konkurrenz zu anderen Veranstaltungen stand und schweizweit einzigartig war. Dafür angemessenen Ersatz zu finden, dürfte schwer sein.

Am nächsten kommt der Piano-Idee in der weiteren ­Region die «Piano District»-­Saison, die der Pianist Oliver Schnyder in Baden veranstaltet. Im intimen Rahmen kommt es da zu Begegnungen zwischen Publikum und Pianisten, am 22. Februar mit Mikhail Plet­njev: Auch das ein Format, das man am Piano-Festival vermisste.