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Ihr Film läuft überall auf der Welt: Corina Schwingruber erzählt von «All Inclusive»

Bei der Verleihung der Innerschweizer Filmpreise wurde Corina Schwingruber Ilić gleich zweimal geehrt. Die 38-jährige Luzerner Filmemacherin erzählt von der unglaublichen Festivalkarriere ihres Kurzfilms «All Inclusive».
Regina Grüter
Die gebürtige Werthensteinerin Corina Schwingruber an der Reuss in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli, 21. Februar 2019)

Die gebürtige Werthensteinerin Corina Schwingruber an der Reuss in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli, 21. Februar 2019)

Es ist verrückt. So verrückt wie noch nie. Und dabei dachte Corina Schwingruber Ilić noch, das werde nie was. Ein Film ohne Dialog, vom Kreuzfahrtmassentourismus nur in Bildern erzählen? Noch nie habe sie so gelitten beim Schneiden wie bei ihrem zehnminütigen Kurzfilm «All Inclusive», sagt sie. Noch nie habe sie so grosse Zweifel gehabt, ob ein Film beim Publikum funktionieren würde.

Dann kam im Spätsommer 2018 die Einladung zu den Filmfestspielen von Venedig, wo Alfonso Cuaróns Oscar-Film «Roma» Weltpremiere feierte und schliesslich den Goldenen Löwen gewann. Gleich im Anschluss folgte Toronto und Ende Januar dieses Jahres Sundance. Corina Schwingruber Ilić merkte, der Film funktioniert praktisch überall. «Ausser in einem Resort in Ägypten», lacht Schwingruber. «Die waren wohl zu nah am Thema dran und haben die implizite Kritik nicht verstanden.» Und die Präsenz an gleich drei der renommiertesten internationalen Filmfestivals der Welt hat einiges losgetreten.

Die Absurdität Massentourismus

Seit fast 20 Jahren besucht die Luzerner Filmemacherin eine Freundin im kroatischen Dubrovnik, eine Meeresbiologin. Vor fünf Jahren kam ihr die Idee, einen Film über die «Kreuzfahrtschiffinvasion» zu machen. Zuerst mit der Filmemacherin Antonia Meile, dann mit ihrem Mann Nikola Ilić, ebenfalls Filmemacher und Kameramann bei «All Inclusive», war sie mit dem «PfeiferMobil» unterwegs – die Stiftung stellt für zwei Monate ein Wohnmobil zur Verfügung, plus Beitrag an Fahrt- und Lebenskosten.

Sie hat sich in den Häfen die Kreuzfahrtschiffe von aussen angeschaut, recherchiert und intensiv nachgedacht. Es sollte ein Film werden, der sich klar von der Werbeästhetik abhebt, humorvoll ist und zugleich nachdenklich stimmt. Die Absurdität des Massentourismus mit den verbundenen Umweltschäden, unsere Konsumgesellschaft und die stete Suche nach Unterhaltung sollten thematisiert werden – unkommentiert und ohne die gefilmten Leute blosszustellen.

Sie hatte Mühe beim Schnitt wie noch nie: «Timing und die Auswahl aus der Fülle an Bildmaterial sind alles.» Man fühlt sich im Film wie in einem Videogame oder in einer TV-Spielshow – überall blinkt’s und piepst’s. Der kongeniale Soundtrack von Heidi Happy und die extrem strikt ausgerichteten (Wimmel-)Bilder von Nikola Ilić transportieren Corina Schwingruber Ilićs skizziert Idee perfekt.

Wie war es, die Premiere an einem der berühmtesten Festivals der Welt mitzuerleben? Die Antwort ist ernüchternd: Venedig sei kompliziert und chaotisch organisiert gewesen. «Ich fühlte mich überhaupt nicht willkommen. Und es gab keinen Austausch mit dem Publikum.» Vielleicht sei das ein Stück weit ihr persönlicher Eindruck gewesen, relativiert sie. Vielleicht habe sie sich zu wenig darauf vorbereitet. Das pure Gegenteil in Toronto: Dort gab es Treffpunkte für Filmemacher und kritische Fragen aus dem Publikum, das zusammen mit einer Vielzahl von freiwilligen Helfern für eine tolle Festivalstimmung gesorgt habe.

Zumindest für etwas sorgte die Einladung nach Venedig: mediale Aufmerksamkeit und Einladungen zu weiteren Festivals. Die in Toronto ansässige Ouat Media ist für die Verkäufe des Films zuständig. Und die holländische Firma Some Shorts kümmert sich um die Festivaleinsendungen, was eine wesentliche Entlastung bedeutet. «Wir können nur noch ernten», schmunzelt Schwingruber. «Ich habe Profis um mich und kann mich auf neue Sachen konzentrieren».

An der DOK Leipzig bekam Schwingruber die Goldene Taube für den besten kurzen Dokumentarfilm, somit ist «All Inclusive» Oscar-nominierbar. Ob sie die rund 15000 Franken in die Nominierungskampagne investieren sollen, wissen ihre Produzentin Stella Händler und sie noch nicht. Doch die Anrufe aus den USA liessen nicht lange auf sich warten. Auf Gebieten wie Talentsuche oder Frauenförderung sei das eine gute Sache, sagt Schwingruber. «Wir finanzieren dir deinen nächsten Film», hiess es auch schon. Sogar Netflix hat angeklopft. «Ich strecke die Fühler international aus.» Wenn sich so renommierte Kontakte eröffnen wie die der Produzenten des Oscar nominierten Dokfilms «I Am Not Your Negro», darf man beruhigt mal den US-Markt abtasten. Und wenn man diese Kontakte dann auch noch für die Nominierungskampagne engagieren könnte?

Wieder Tourismus, diesmal an Land

Abgesehen davon geht das Leben als Filmemacherin in Luzern ziemlich normal weiter. Zurzeit schneidet sie den langen Dokfilm der Luzernerin Maria Müller mit dem Titel «Unter einem Dach» über das Zusammenleben von Schweizern und einer geflüchteten syrischen Familie. Als Cutterin verdiene man gut, sagt Schwingruber. Von einem Schnittauftrag könne sie jeweils einige Monate leben. Den zweiten Innerschweizer Filmpreis erhielt Corina Schwingruber Ilić gestern für ihre Arbeit als Cutterin – ein Spezialpreis für den Schnitt des kurzen, sehr persönlichen Dokfilms «Rewind Forward» des Luzerners Justin Stoneham. Er gewann damit 2017 den ersten Innerschweizer Nachwuchs-Kurzfilm-Wettbewerb und neben weiteren Preisen auch den Pardi di Domani in Locarno.

«Ich lebe fürs Filmemachen!», sagt Schwingruber. Neben der Würdigung ihrer Arbeit in gleich zwei Bereichen sei da auch der finanzielle Aspekt: «Der Innerschweizer Filmpreis ist eine Werkauszeichnung im Nachhinein, also nicht zweckgebunden. Das verschafft mir Luft zum Atmen, die Freiheit, mich auf neue Projekte zu konzentrieren.» Das eine ist ein eigener Kurzfilm, wieder zum Thema Tourismus, aber diesmal an Land. Jetzt gehe es ans Recherchieren und ans Dossier, um Fördergelder zu beantragen, sagt Schwingruber. «Ich habe jeweils Mühe, eine Idee zu Papier zu bringen». Denn die Idee konkretisiere sich erst mit zunehmender Beobachtung.

Das andere Projekt befindet sich hingegen in der Endphase. Der Dokumentarfilm «Dida» erzählt von der Beziehung von Nikola Ilić und seiner hilfsbedürftigen Mutter, die in Serbien lebt. Gemeinsam mit ihrem Mann zeichnet Corina Schwingruber Ilić für Buch und Regie verantwortlich. Ihr erster Kinodokumentarfilm soll 2020 Premiere feiern.

«Die Innerschweiz ist attraktiver geworden»

Die Stärkung der regionalen Filmszene sei der Albert Koechlin Stiftung (AKS) zu verdanken. «Die Innerschweiz ist attraktiver geworden, auch für Produzenten von ausserhalb. Und die Filmschaffenden sind immer besser vernetzt.» Unter den fünf Nominierten für den Schweizer Filmpreis 2018 in der Kategorie «Bester Kurzfilm» waren drei AKS-Projekte. Plus sie selber mit dem Schwyzer Thomas Horat für «Ins Holz». Für die Produktion des Kurzfilms über Holzen und Flössen ist Horat heuer unter den Filmpreisträgern. Und mit Lorenz Wunderle (Animationsfilm «Coyote») und Andreas Muggli (Abschlussfilm «Hamama & Caluna») darf Corina Schwingruber Ilić am 22. März zum vierten Mal auf den Schweizer Filmpreis für den «Besten Kurzfilm» hoffen – natürlich für «All Inclusive».

Es ist und bleibt verrückt. Es hört nicht auf mit den Festivaleinladungen. 73 waren es bis jetzt. Täglich kommen neue hinzu. «All Inclusive» läuft nonstop. Und mit dem grossen Erfolg stellt sich Corinna Schwingruber eine neue Frage: Kann es je noch besser werden? Sie macht einfach weiter. Bodenständig, wie sie ist.

Der Film wird in der ganzen Schweiz an der Kurzfilmnacht gezeigt. Am 10. Mai im Bourbaki Luzern, www.kurzfilmnacht.ch. Ebenso ist der Film am Luzerner Kurzfilmabend zu sehen. Am 29. Mai im Neubad, Luzern.

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