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«Ihr müsst das Buch nicht gut finden»

Fast 1500 Auftritte mit seinen Romanen und Erzählungen hat Peter Stamm hinter sich. Unterwegs sein gehört für Schriftsteller zum Beruf; nur wenige können auf die Einkünfte aus Lesungen verzichten – von Routine mag er dennoch nicht reden.
Bettina Kugler
Peter Stamm liest vor: Kommenden Monat wird er seine 1500. Lesung absolvieren. (Bild: Andrea Stalder (Islikon, 9. Februar 2017))

Peter Stamm liest vor: Kommenden Monat wird er seine 1500. Lesung absolvieren. (Bild: Andrea Stalder (Islikon, 9. Februar 2017))

Ein Stuhl, ein Tisch, darauf ein Glas mit Wasser und ein Buch. Zuweilen noch eine Leselampe, um häusliche Gemütlichkeit zu inszenieren: Das sind die kargen Zutaten der klassischen Autorenlesung. Damit, sollte man meinen, ist im Eventzeitalter kein Hund hinter dem Ofen hervorzulocken, erst recht kein passionierter Bücherwurm. Und doch sitzen international erfolgreiche Schriftsteller wie Peter Stamm selten vor lichten Reihen.

«Ich bin ein schlechter Schauspieler. Also versuche ich einfach, authentisch zu sein, präsent, offen für das jeweilige Publikum.»

Gerade ist er mit seinem neuen Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» auf Lesetour. Der Schriftsteller Christoph beginnt darin ein Spiel mit seiner Vergangenheit und mit dem Roman, den er vor Jahren darüber geschrieben hat. «Mein Verlag hatte etliche Lesungen für mich organisiert, und ich genoss es, meiner leeren Wohnung zu entkommen, im Land herumzureisen, mir fremde Orte anzuschauen und nur am Abend für ein paar Stunden beschäftigt zu sein», erinnert sich Christoph im Buch.

Immer pünktlich sein – und nicht herablassend

Auch Peter Stamm schätzt es, auf Lesereisen tagsüber Zeit zum Schreiben zu haben, oft mehr als zu Hause. Doch lässt er keine leere Wohnung zurück. Er muss sein Unterwegssein mit dem Familienleben in Einklang bringen. Den riesigen Landhaussaal in ­Solothurn hat er am vergangenen Wochenende gut gefüllt. Diese Woche ging es nach Bayern und Schwaben: heute eine Buchhandlung in Ulm, morgen eine in Nürtingen, wo der Dichter Hölderlin aufgewachsen ist. Im Juni wird Peter Stamm seine 1500. Lesung absolvieren. Er war in Literaturhäusern zu Gast, vor Schulklassen, an Festivals, an Schauspielhäusern mit 900 Sitzplätzen, in vollgestellten Buchhandlungen. Auf Tuchfühlung mit dem Publikum und auf grossen Bühnen, von Scheinwerferlicht geblendet. «Ich fühle mich wohler, wenn ich eine Art Bühne habe», sagt er. Zuviel Nähe kann irritieren und ablenken, mag er den Text auch noch so gut kennen. In Schulen dagegen setzt er sich gerne einmal locker auf die Tischkante, um nicht zu distanziert oder herablassend zu wirken. «Wenn ich weiss, dass die Jugendlichen das Buch lesen mussten, sage ich anfangs: Ihr dürft es auch schlecht finden. Das bricht oft das Eis.»

«Unangenehm ist es auch, wenn ich merke, dass der Veranstalter mein Buch ablehnt, mir das aber nur indirekt zu verstehen gibt.»

An seinen ersten Auftritt hat Peter Stamm noch beste Erinnerungen. Der Südwestrundfunk hatte ihn nach Badenweiler eingeladen, zusammen mit Gabriele Wohmann. Die gestandene Autorin, einst Mitglied der Gruppe 47, akzeptierte ihn, nahm ihn ernst als Schriftstellerkollegen, obwohl sein Début «Agnes» noch nicht einmal erschienen war. Vorbereitet hatte er sich mit ein paar Lektionen bei einer Sprechtrainerin – und als Zuhörer, bei einem bekannten Kollegen. «Da wusste ich, wie ich es sicher nicht machen möchte.»

Eine Stamm-Lesung als eitle Einmannshow: unvorstellbar. Dass es auf die «Sekundärtugenden» ankommt, hat ihm der Kollege Jens Sparschuh zu Beginn seiner Karriere mitgegeben: «Du musst pünktlich sein, zuverlässig, höflich. Das vergessen die Leute nicht.» Das Lesen vor Publikum war Stamm nie lästige Pflicht. Im Gegenteil: Ihn interessiert der Austausch mit Leserinnen und Lesern. Ihre Fragen und Anmerkungen verändern seinen Blick auf die eigenen Texte. Kommt hinzu, dass die wenigsten Autoren auf die Einkünfte aus Lesungen verzichten können. «Das ist die beste Literaturförderung, die wir haben», sagt Stamm. «Lesungen wirken sich nachhaltig auf den Verkauf der Bücher aus; ein Literaturpreis dagegen verschafft nur punktuell Aufmerksamkeit.»

Zwischen Flüsterminute und existenziellen Fragen

So unterschiedlich das Publikum sein mag – die Fragen ähneln sich oft. Auch mit der «Flüsterminute» ist zu rechnen: jener unruhigen Befangenheit, bevor jemand im Saal wagt, die Stimme zu ­erheben. «Es gibt keine langweiligen Fragen, ausser der nach meinen Lieblingsautoren», sagt Stamm. «Die übrigen versuche ich, immer wieder anders, unter neuen Aspekten zu beantworten.» Eine Erfahrung für sich ­waren Lesungen in Russland und Osteuropa. «Da wollen die Menschen mit Schriftstellern über existenzielle Fragen sprechen: Was ist Liebe? Was ist der Sinn des Lebens? Die Literatur hat ­einen anderen Stellenwert.»

Dass ihn ein Veranstalter für eine Lesung im Morgengrauen engagiert und selbst verschläft, wäre dort nicht passiert. Dann lieber skeptisch dreinschauende Teenager, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Und dafür, anders als Engländer und Amerikaner, mehr als zehn Leseminuten am Stück durchhalten.

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