Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Hélène Grimaud im KKL: Ihre Kunst ist sanft und glasklar

Hélène Grimauds Klavierrezital eröffnete den Saison-Endspurt des Luzerner Sinfonieorchesters. Die Französin färbte impressionistische Miniaturen und Schumanns monumentale «Kreisleriana» mit ganz eigenen Ton.
Katharina Thalmann
Hélène Grimaud veredelt die Kompositionen mit ihrer eigenen Ausdrucksweise. (Bild: Pius Amrein, KKL, 8. Juni 2019)

Hélène Grimaud veredelt die Kompositionen mit ihrer eigenen Ausdrucksweise. (Bild: Pius Amrein, KKL, 8. Juni 2019)

Das Luzerner Sinfonieorchester publizierte unlängst sein Programm für die Saison 2019/2020. Es steht unter dem Motto «Auf dem Weg in die Erstklassigkeit». Nicht dass das Orchester und seine Veranstaltungen bisher zweitklassig gewesen wären. Doch das Motto zeugt vom wachsenden Selbstvertrauen.

Einen Vorgeschmack bietet der laufende Monat: Auf Hélène Grimauds Rezital folgen kommende Woche Krystian Zimmermanns Klavierabend, Mozarts sämtliche Violinkonzerte mit Christian Tetzlaff und ein Gipfeltreffen mit Tetzlaff, dem Pianisten Radu Lupu und dem Cellisten Steven Isserlis.

Ein derartiger Saison-Endspurt ist bemerkenswert. Ob das zu tun hat mit der Schenkung über 15 Millionen Franken der Familie von Michael Piper vergangenen Herbst? Es scheint, als würde das Geld in die grössten Namen der Klassikbranche investiert – und dem Luzerner Sinfonieorchester somit tatsächlich zu Erstklassigkeit verholfen.

Fotoalbum der Musikgeschichte

Den Auftakt zu besagtem Saison-Schlussbouquet machte Hélène Grimaud am Samstag. Sie entschied sich gegen jegliche virtuose Muskelspiele, sondern hatte ihr 2018 veröffentlichtes Album «Memory» im Gepäck: Eine Abfolge zarter Miniaturen von Frédéric Chopin bis Valentin Silvestrov, mit der sie den Ursprüngen der Nostalgie und der Erinnerung auf den Grund geht – ob assoziativ, emotional oder durch Tonartenbezüge feinsinnig geplant.

So wurde Claude Debussys erste Arabesque flankiert von zwei Bagatellen von Silvestrov – ein russischer Zeitgenosse, geboren 1937 – und so eingebettet in die kaum hörbare Meditation der ersten und der archaisch anmutenden zweiten Bagatelle mit weit schwingenden Bässen. Grimaud spielte die dreizehn Miniaturen übergangslos und als würde sie eine elegante Perlenkette aufziehen.

Es ging weiter mit Saties Gnossienne Nr. 4, und obwohl man ein so vermeintlich einfaches Stück eher an einer Vortragsübung denn an einem Klavierrezital erwartet, gelang es Grimaud auch hier, ihre pianistische Sprache zu sprechen: frei atmend, sanft und glasklar. In Chopins Nocturne Nr. 19 hob sie die Plastizität dieses Kleinods hervor und in der folgenden Gnossienne Nr. 1 von Satie machte sie ihre überaus kluge Dramaturgie klar: Denn dieser Satie klang nicht wie der Satie von vorher. Wie als Konsequenz von Chopin spielte sie nun extrovertierter, romantischer – der Kontext hatte sich geändert.

Sie nahm jedes Stück als Folge des Vorherigen und so klangen Satie und Chopin nicht einfach, wie Satie und Chopin zu klingen haben. Sondern immer wie Grimaud, die ein Fotoalbum der Musikgeschichte kuratiert. Wie erfrischend, Debussys Walzer «La plus que lente» nicht wie so oft keck und schelmisch, sondern ernst und artikuliert zu hören, hingegen Chopins Mazurka a-Moll op. 17 Nr. 4 vom impressionistischen Habitus des Debussy-Walzers geprägt zu erleben.

Sie krempelte die Ärmel hoch

Nur auf dem Papier ein Kontrastprogramm war Robert Schumanns «Kreisleriana» in der zweiten Konzerthälfte. Sinnigerweise krempelte Grimaud die Ärmel ihrer Bluse ein Stück zurück, bevor sie zum ersten der zehn Stücke anhob. «Äusserst bewegt» heisst die Anweisung, und doch klangen die komplizierten Gesten total gelöst, als würde sie sich einspielen. Sie blieb ihrem dramaturgischen Credo treu und interpretierte die Kreisleriana mit der impressionistischen Zurückhaltung der ersten Hälfte im Hinterkopf und in den Fingerspitzen.

Die Kreisleriana wird gerne überinterpretiert, es wird spielend und hörend nach historischen Bezügen gesucht, nach dem literarischen Vorbild des Dirigenten Kreisler bei E.T.A. Hoffmann, nach Schumanns Fantasiefiguren Florestan und Eusebius und so weiter. Doch Grimaud machte Schumann zu Grimaud, und das Klavier blieb immer Klavier, auch wenn es zeitweilig brauste und donnerte, sang oder klagte.

Zuletzt beschenkte die Französin das Publikum mit nicht weniger als vier Zugaben. Grosszügigkeit führt zu Grosszügigkeit: Und nach fünf stehenden Ovationen verabschiedete sich Hélène Grimaud mit einem Lachen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.