Ihre Skulptur wiegt 120 Kilogramm: Luzerner Künstlerin widmet sich einem stummen Zeugen

Die Luzerner Künstlerin Claudia Vogel möchte mit ihrem «Hungerstein» unmittelbar überraschen. Was sieht wer?

Susanne Holz
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Künstlerin Claudia Vogel neben ihrem «Hungerstein».

Künstlerin Claudia Vogel neben ihrem «Hungerstein».

Bild: Nadia Schärli (Luzern, 3. März 2020)

«Wenn du mich siehst dann weine», so ist die aktuelle Ausstellung bei Hilfiker Kunstprojekte betitelt. Ein Satz, der unmittelbar berührt und Fragen aufwirft. Was für einen Grund gibt es hier, zu weinen? Und wer sagt diesen Satz? Berührt von diesem Satz war auch Künstlerin Claudia Vogel, als sie ihm zum ersten Mal begegnete. «Wenn du mich siehst dann weine», wurde 1616 auf einen sogenannten Hungerstein in Tetschen – einer Stadt an der Elbe, im Norden Tschechiens – eingraviert.

Hungersteine – das sind grosse, bei Niedrigwasser im Flussbett sichtbar werdende Steine. Niedrigwasser ging in früheren Jahrhunderten oft mit Dürre und Hungersnöten einher  – auch, weil die Transportwege ausfielen. Viele Hungersteine sind mit Jahreszahlen oder Inschriften versehen, um an Niedrigwasser zu erinnern. Bekannt sind sie seit dem 15.  Jahrhundert, vor allem im nördlichen Osteuropa, an Flüssen wie Elbe, Fulda oder Weser.

Eine Steinskulptur auch in Wien

Viel Aufmerksamkeit wurde nach 1900 dem Hungerstein in Tetschen geschenkt: speziell in Wiener Zeitungen. Der Stein wurde durch seine klingende Inschrift wie seine enorme Grösse berühmt. Ganze Wallfahrten pilgerten zu ihm. Nach Tetschen gepilgert ist Claudia Vogel noch nicht – aber sie sagt:

«Die Geschichte der Hungersteine berührt mich sehr.»

Im vergangenen Jahr stellte die Luzerner Künstlerin einen Stein an einer Gruppenausstellung in Wien aus – auch, nachdem im Trockenjahr 2018 einige neue «Hungersteine» in Flüssen zum Vorschein gekommen waren.

Galerist Markus Hilfiker wollte einen solchen Stein auch in seiner Galerie in Luzern präsentieren: einen wuchtigen grossen Stein im kleinen Galerieraum. Gesagt, getan. Claudia Vogel arbeitete zwei Monate inmitten der Galerie an der Steinskulptur, die nach dem Vorbild eines Tessiner Hungersteins entstand und nun die stolzen Masse 2,64 auf 1,44 auf 1,68 Meter aufweist. Gewicht: geschätzte 120 Kilo. Markus Hilfiker schmunzelt und sagt:

«Im Vergleich zu einem realen Hungerstein mit seinen paar Tonnen Gewicht, ist dieser Stein ein Leichtgewicht.»

Claudia Vogel überzog für ihre Steinskulptur eine Holzkonstruktion mit einem Drahtgeflecht, wobei sie auf die Unterstützung ihres Lebenspartners zählen durfte. Jute, Gips und Farbe taten das Übrige, um nun den Betrachter in der kleinen Galerie nachhaltig zu faszinieren mit der schieren Grösse dieser Skulptur. Und natürlich darf der berühmte Satz nicht fehlen, zu welchem sich in diesem Fall die Jahreszahl 2018 gesellt.

Claudia Vogel wurde 1971 in Wettingen geboren. Sie studierte Freie Kunst (Bildhauerei) an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. In ihrer künstlerischen Arbeit spielt oft auch der olfaktorische Reiz eine Rolle. Die Luzernerin sagt:

«Mich interessiert die Wirkung der Gerüche auf unsere emotionale Befindlichkeit.»

Der Frage nach der Identität des Menschen spürt die Künstlerin ebenfalls nach. Im Fall ihres «Hungersteins» setzt Claudia Vogel auf die Begegnung mit der Skulptur und «die Unmittelbarkeit aufgrund der wuchtigen Präsenz». Die skulpturale Installation setze eine historische Gegebenheit künstlerisch um. Vor allem aber überrasche sie und konfrontiere so mit der eigenen Wahrnehmung.

Hinweis: «Wenn du mich siehst dann weine» bis 4. 4. bei Hilfiker Kunstprojekte, Museggstrasse 6, Luzern. Offen Mi - Sa, 13 - 17 Uhr. www.hilfikerkunstprojekte.ch

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