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«Ikea hat die Bauhaus-Ziele verwirklicht»

Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus in Weimar eröffnet. Die vom Architekten Walter Gropius gegründete Schule prägte das Design und die Architektur des letzten Jahrhunderts. Ita Heinze-Greenberg erläutert, was die Schweiz damit zu tun hat.
Interview: Christina Genova

Ita Heinze-Greenberg ist Titularprofessorin für die Architektur der Moderne an der ETH Zürich. Im Interview erklärt sie, warum das Bauhaus in Deutschland ein Mythos ist und weshalb manche Schweizer die Ideen der neuartigen Kunstschule ablehnten.

Wie erklären Sie das Bauhaus jemandem, der noch nie davon gehört hat?

Ita Heinze-Greenberg (Bild: PD)

Ita Heinze-Greenberg (Bild: PD)

Ita Heinze-Greenberg: Es war eine vom Architekten Walter Gropius gegründete Kunstschule in Deutschland, die Kunst und Technik zu vereinen suchte. Sie entledigte sich «alter Zöpfe», war eher links-liberal orientiert und deshalb rechtsgerichteten Landesregierungen ein Dorn im Auge. Zweimal wurde deshalb dem Bauhaus der Geldhahn zugedreht: 1926 musste die Schule von Weimar, wo sie gegründet wurde, nach Dessau umziehen und schliesslich 1932 nach Berlin. Im August 1933 wurde sie offiziell geschlossen.

Wenn Sie vor 100 Jahren gelebt hätten, hätten Sie dann am Bauhaus studieren wollen?

Ich hätte sehr gerne am Bauhaus studiert. Weil das eine Schule war, die eine besondere Vision hatte, nämlich die Verbesserung der Gesellschaft. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs war es die grosse Hoffnung, über Kunsterziehung einen neuen, besseren Menschen und damit eine bessere Gesellschaft zu erschaffen. An oberster Stelle stand dabei die Architektur als die Kunst, die alle anderen Künste umfasst.

Unter Architekten und Designern ist das Bauhaus legendär, fast ein Mythos. Woher kommt das?

Das stimmt definitiv für Deutschland. Ich glaube nicht, dass es auch in der Schweiz ein Mythos ist. Anders als in Deutschland werden Sie in der Schweiz kaum jemanden finden, der das Bauhaus als Synonym für moderne Architektur oder zeitgenössisches Design schlechthin einsetzt. Und das finde ich gut so. Als das Bauhaus geschlossen wurde, ist ein Grossteil der Lehrerschaft in die USA ausgewandert. Dort hat Gropius mit Büchern und Ausstellungen aktiv zur Legendenbildung beigetragen. Weil die Bauhäusler im Exil, also an den Naziverbrechen unbeteiligt waren, konnte man sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf das Bauhaus als Verkörperung eines besseren Deutschland beziehen.

In Bezug auf den Nationalsozialismus hatte Walter Gropius aber keine ganz und gar blütenweisse Weste.

Das ist wohl wahr. Und der letzte Direktor Mies van der Rohe auch nicht. 1933 bis 1935 arbeiteten sie an Projekten für öffentliche Bauten und schmückten ihre Skizzen und Pläne mit Nazifahnen. Sie versuchten, sich mit den neuen Machthabern irgendwie zu arrangieren. Erst als sie merkten, dass dies nicht mehr ging, sind beide ausgewandert.

Was wissen wir über Schweizer Lehrende und Studierende am Bauhaus?

Wichtig ist der zweite Bauhaus-Direktor, Hannes Meyer. Er hat das Genossenschaftsprinzip ans Bauhaus gebracht. Ausserdem hat er viele Schweizer Gastdozenten an die Schule berufen, was die Zahl der Schweizer Studierenden sprunghaft ansteigen liess. Über die ganzen 14 Jahre waren es total 40 Schweizer und Schweizerinnen, die am Bauhaus studierten. Es war die grösste Gruppe ausländischer Studierender. Über die Schweizer am Bauhaus liegen zahlreiche Einzelmonografien vor, in ihrer Gesamtheit wurden sie bislang noch nicht erforscht. Diese Lücke will ich schliessen. Im Sommer erscheint ein Buch zur Schweizer Avantgarde am Bauhaus.

Wie wurde das Bauhaus in der Schweiz aufgenommen?

Die Geister schieden sich sehr in Bezug auf die Bauhaus-Rezeption: in euphorisch positiv bis äusserst ablehnend.

Was genau lehnte man ab?

Im Bauhaus-Gebäude in Dessau gehen bis heute Studierende ein und aus. (Bild: Waltraud Grubitzsch/EPA, Alexander Becher/EPA)

Im Bauhaus-Gebäude in Dessau gehen bis heute Studierende ein und aus. (Bild: Waltraud Grubitzsch/EPA, Alexander Becher/EPA)

Die Radikalität. Es ist vielleicht ein Klischee, aber in der Schweizer Architektur schreit man das Moderne nicht so in die Welt hinaus, wie das in Deutschland am Bauhaus teilweise praktiziert wurde. Man bleibt immer moderat, ein bisschen bescheidener und baut wirklich funktional. Das Bauhaus-Gebäude in Dessau zum Beispiel, das Gropius baute, ist ein Manifest und ein sehr radikaler Bau. Nur wenige Jahre später ist in Zürich der Komplex der Kunstgewerbeschule mit dem heutigen Museum für Gestaltung errichtet worden. Wenn Sie die beiden Bauten miteinander vergleichen, sehen Sie, dass der Zürcher Bau massvoller ist, und viel mehr den klimatischen und funktionellen Anforderungen entspricht. Man hat nicht einfach wie in Dessau eine gläserne Vorhangfassade vor die Werkstätten gehängt, sondern hat Fensterbänder eingesetzt, die viel besser vor Kälte und Sonneneinstrahlung schützen und so das Arbeiten in den Innenräumen erleichtern.

Welches sind die grössten Verdienste, welches die grössten Verirrungen des Bauhauses?

Das ist kaum zu beantworten. Das Bauhaus war keine Schule, die ein einheitliches Konzept hatte. Die drei Direktoren haben jeweils einen anderen Wind und eine andere Ausrichtung gebracht, aber auch die drei Standorte haben sich ausgewirkt. In der Pädagogik sehe ich eine grosse Stärke des Bauhauses. Jeder Schüler, der dort anfing, musste erst einmal durch den Vorkurs, das war neu. Der Schweizer Johannes Itten hat das Konzept entwickelt. Im ersten Semester erwarben sich die Studierenden Grundkenntnisse im Bereich von Farbe, Form, Materialien. Erst danach entschieden sie sich für eine Ausbildung in einer der Werkstätten wie Töpferei oder Schreinerei. Natürlich hat man am Bauhaus auch grossartige Produkte hergestellt.

Das Ziel, gutes Design für die Bevölkerung erschwinglich zu machen, hat man aber verfehlt. Die berühmten Bauhaus-Entwürfe wie die Wagenfeld Tischleuchte oder der Wassily-Sessel von Marcel Breuer sind Luxusprodukte.

Sie haben recht. Das Ziel war, dass Künstler Prototypen für die serielle Herstellung in der Industrie entwerfen. Aber so weit ist es nie wirklich gekommen. Es blieb in den meisten Fällen bei Unikaten oder kleinen Auflagen. Um mit den Produkten in Serie zu gehen, fehlte dem Bauhaus einfach die Zeit.

Manche behaupten, Ikea sei die Firma, welche die damaligen Bauhaus-Ziele verwirklicht habe. Wie sehen Sie das?

In gewisser Weise stimmt es. Die Anfangsidee von Ikea, gutes Design in industrieller Fertigung kostengünstig zu verkaufen, war im Grunde das, was das Bauhaus auch angestrebt hatte. Leider ist Ikea nicht bei seiner sparsamen Produktpalette geblieben, sondern hat sie unendlich erweitert.

Haben Sie zum Schluss noch ein paar Empfehlungen für Schweizer «Bauhaus»-Gebäude, die man gesehen haben muss?

Das Museum für Gestaltung in Zürich (Bild: PD)

Das Museum für Gestaltung in Zürich (Bild: PD)

Die Doldertal-Häuser und die Siedlung Neubühl in Zürich. Dann natürlich das Museum für Gestaltung in Zürich. In Max Bills Haus in Zumikon spürt man viel vom Bauhaus-Geist. Schliesslich das Haus Schlehstud in Meilen von Hans Fischli.

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